Als Nahverkehrsberater kennt er sich aus mit der Deutschen Bahn und den Zügen. Wenn es um die Schwarzwaldbahn und den neuesten Stillstand zwischen Hausach und St. Georgen geht, ist Felix Berschin allerdings gerade nicht beratend tätig. Er erhebt schwere Vorwürfe.
Schwarzwald-Baar-Kreis - Hat das Management der Deutschen Bahn zu früh die Flinte ins Korn geworfen, indem sie die Schwarzwaldbahn zwischen Hausach und St. Georgen für die nächsten Wochen oder Monate aufs Abstellgleis verwiesen hat? Müssen die Bahnreisenden zu Recht auf den Bus umsteigen?
Oder sind die neuesten Kapriolen im Bahnverkehr im Schwarzwald etwa nur das Ergebnis eines krassen Missmanagements an oberster Stelle?
Felix Berschin schwant Übles
Dieses Übel schwant dem Nahverkehrsberater Felix Berschin, wenn er die jüngsten Nachrichten über das Dilemma mit dem zu starken Räderabrieb an den Fahrzeugen liest. Eine Bahnsprecherin hatte im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten detailreich erklärt, dass fieberhaft nach der Ursache für den starken Räderabrieb gesucht werde – und dass die Werkstätten so stark überlastet seien, dass aktuell keine andere Möglichkeit bestünde, als den Bahnverkehr zwischen Hausach und St. Georgen bis auf weiteres auszusetzen und auf den Bus auszuweichen.
Doch Felix Berschin hat daran starke Zweifel und äußert diese auch laut. Das tue er nicht etwa aus Verbitterung oder Auftragsmangel, betont der Mann mit Doktortitel, der von 1997 bis 2008 Nahverkehrsberater für den Landkreis Rottweil gewesen ist und 2018 auch in Sachen Bus-Konzept für Villingen-Schwenningen schon im Rennen war. "Mir geht es gut, ich habe ausreichend Aufträge." Nein, ihm gehe es wirklich um die Sache. Und die Schwarzwaldbahn, die sei so eine Sache – eine "ganz tolle" im übrigen und das besonders in diesem Mittleren Abschnitt zwischen Hausach und St. Georgen. "Von 2003 bis 2015 haben sich die Fahrgastzahlen verdoppelt", betont er. Im Stundentakt bis nach Karlsruhe, das sei ein richtig gutes Angebot, das vor allem touristisch angeommen worden sei. "Es schmerzt besonders, wenn so ein Erfolg ins Bodenlose abfällt", sagt Berschin nachdenklich.
Schienenersatzverkehr vorschnell beschlossen?
Die Probleme mit dem Räderabrieb und Schwierigkeiten bei der Ursachenforschung wolle er dabei gar nicht in Abrede stellen. Aber, betont der Nahverkehrsberater, der mit der Nahverkehrsberatung Südwest ein eigenes Unternehmen führt, die Politik in Stuttgart sei für diesen südlichen Teil Badens doch arg schnell bei der Sache, wenn es um Schienenersatzverkehr gehe. "Wenn das zwischen Tübingen und Stuttgart wäre, würde der Minister sofort sagen, dass hier alles mögliche getan werden muss", argwöhnt Felix Berschin.
Zwischen Hausach und St. Georgen aber habe man den Fahrgästen vorschnell die Bahn bis auf Weiteres genommen. Das seien die üblichen "Managementprobleme" bei der Bahn, Probleme würden "weggedrückt" anstatt gelöst. Bei der Panoramabahn in Freiburg nämlich sei "genau dasselbe" passiert, auch dort habe man vergangenen Sommer mit zu starker Abnutzung gekämpft. Verbaut sei offenbar derselbe Schienentyp. Und auch zwischen Kempten und Pfronten könne man von den Problemen ein Lied singen, "auch nach dem Schienenschleifen". Mittlerweile fahre man dort mit einem anderen Fahrzeugtyp – "das ist ein klares Indiz dafür, dass manche Fahrzeuge besonders anfällig sind".
Nötige Infrastruktur wegrationalisiert
Das Schmieren mit stationären Anlagen sei eine Möglichkeit – im Schwarzwald allerdings schwieriger machbar, räumt Berschin ein, weil man über keine Instandhaltungsinfrastruktur mehr verfüge. In Offenburg habe es einmal ein regelrechtes Wagenwerk gegeben, das sei wegrationalisiert worden.
Doch das "Durchprobieren" aller verfügbaren Fahrzeugtypen, das müsse doch zumindest einmal versucht werden, ehe man die Bahn bis auf weiteres stillege. Mindestens drei Fahrzeugtypen seien in der Region Südbaden vorhanden – die Coradia Continental etwa, die die Höllentalbahn von Freiburg her anfahre, der "Halbdoppelstockzug" Desiro von Siemens, der als Rheintalbahn zwischen Karlsruhe und Basel verkehre, und die Mireo, ebenfalls von Siemens. Außerdem stecke das Land unheimlich viel Geld in historische Sonderfahrzüge, eine Art Museumszüge – "dann wäre meine minimale Forderung, dass die jetzt in die Pflicht genommen werden". Schließlich spreche bezüglich des Problems "viel dafür, dass es bei sehr modernen Fahrzeugen auftritt, die starke Loks haben".
Und wenn schon Schienenersatzverkehr, dann gebe es andere Möglichkeiten als den Fahrgästen die Verlängerung der Reisedauer um bis zu 60 Minuten zuzumuten – "dann müsste man halt den Schienenverkehr anpassen", findet Felix Berschin, man müsse sich eben "ein bisschen Gedanken machen, es gibt verschiedene Optionen. Da ist zu schnell kapituliert worden. Und weiter: "Das ist ein ganz klares Managementversagen seitens des Landes".