Noch wehen die Cerazit-Fahnen am Standort Empfingen. Im kommenden Jahr soll die dortige Produktion an andere Standorte verlagert werden. Foto: Florian Ganswind

Ceratizit will seinen Standort in Empfingen aufgeben und die dortige Produktion an andere Standorte im Ausland verlagern. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer erklärt, wie es der Branche geht und was sich ändern muss.

Das Unternehmen Ceratizit mit Sitz in Mamer, Luxemburg, entwickelt und produziert laut eigener Homepage „hochspezialisierte Zerspanungswerkzeuge, Wendeschneidplatten, Stäbe aus Hartstoffen und Verschleißteile“. Damit sei die Gruppe in vielen Anwendungsbereichen Weltmarktführer und entwickelt „erfolgreich neue Hartmetall-, Cermet- und Keramiksorten, zum Beispiel zur Bearbeitung von Holz und Gestein“. Doch das Unternehmen will nun „umstrukturieren“.

 

Die Entscheidung, den Standort in Empfingen zu schließen, sorgt für einen Aufschrei von Betriebsrat und IG Metall, vor allem der Standort „innerhalb der Division am besten abschnitt“, wie die IG Metall betont. Ceratizit selbst bietet an, für „alle Gespräche offen“ zu sein.

Ist Ceratizit ein Einzelfall? Wie geht es der metallverarbeitenden Branche? Wir haben beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer angefragt. Dietrich Birk, Geschäftsführer VDMA Baden-Württemberg, beantwortet unsere Fragen.

Beobachtet der VDMA eine Zunahme von Standortverlagerungen (innerhalb Europas), trotz betriebswirtschaftlich erfolgreicher Werke in Deutschland?

Die Verlagerung von Produktionsstandorten ist in der verarbeitenden Industrie kein Einzelfall.

Woran liegt das?

Aufgrund der hohen Kostenstrukturen und der überbordenden Bürokratie verliert der Industriestandort Deutschland international an Attraktivität. Daher sehen sich auch klassische Mittelständler, trotz ihrer nach wie vor hohen Standorttreue, immer häufiger zur Umorientierung gezwungen. Allerdings braucht der Maschinen- und Anlagenbau für seine Produktionsstätten vor allem gut ausgebildetes Fachpersonal - und das zu finden ist überall eine enorme Herausforderung, gerade für Mittelständler.

Dietrich Birk, Geschäftsführer VDMA Baden-Württemberg Foto: Paule/VDMA

Wie bewerten Sie die Entscheidung, einen Standort wie Empfingen zu schließen, obwohl laut Betriebsrat das beste Ergebnis innerhalb der Division erzielt wurde?

Zu einer konkreten betriebswirtschaftlichen Entscheidung eines Unternehmens kann der VDMA grundsätzlich keine Aussagen machen.

Ist dies aus Ihrer Sicht ein Einzelfall – oder Teil eines größeren Trends in der Maschinenbau- und Metallindustrie?

Die Standortbedingungen in Deutschland haben sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Belastend wirken eben nicht nur äußere Einflüsse wie aktuell die Zollpolitik von US-Präsident Trump, sondern auch vielfältiger hausgemachter Ballast in Form von Bürokratie und Überregulierung, einschließlich der fehlenden Planungssicherheit aufgrund der politischen Handlungsunfähigkeit der letzten Monate und Jahre. Auch die Steuerbelastung ist im internationalen Vergleich der OECD-Länder deutlich zu hoch. Infolgedessen gingen die Inlandsinvestitionen immer weiter zurück. Unternehmen halten ihr Kapital zurück oder planen Investitionen an anderen Standorten. Daher steht die neue Bundesregierung unter enormem Handlungsdruck. Probleme wie die hohe Kostenbelastung und der erhebliche Investitionsstau müssen unverzüglich angegangen werden.

Was sind aus Sicht des VDMA aktuell die größten Herausforderungen für den Produktionsstandort Deutschland? Wie stark belasten Faktoren wie Energiepreise, Steuern, Regulierung oder Fachkräftemangel die Industrieunternehmen im Vergleich zu anderen europäischen Standorten?

Für einen „Turnaround“ besteht enormer Handlungsbedarf. Um das Vertrauen in den Standort zurückzugewinnen benötigen die Unternehmen ernsthafte Fortschritte beim Bürokratieabbau, eine spürbare Beschleunigung von Genehmigungsverfahren, eine zeitgemäße Modernisierung der Infrastruktur und eine der Reduzierung der Steuer- und Abgabenlast auf international gängige Standards. Eine aktuelle Studie des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) zeigt beispielsweise, dass kleinere mittelständische Unternehmen bis zu 6 % ihres Umsatzes für die Erfüllung ausufernder Berichtspflichten aufwenden müssen. Bürokratische Verpflichtungen kosten somit mehr, als die Unternehmen häufig in Forschung und Entwicklung investieren können. Zudem ist Deutschland Schlusslicht in der OECD in Bezug auf die Jahresarbeitszeit. In den USA arbeiten die Menschen durchschnittlich 30 % länger pro Jahr. Der Fachkräftemangel ist bereits jetzt ein Problem, das sich durch die demografische Entwicklung weiter verschärfen wird; rund 25 % der Beschäftigten im Maschinenbau werden in den nächsten 10 Jahren in den Ruhestand gehen. Auch die Unternehmensbesteuerung liegt mit aktuell mit fast 30 Prozent rund 7 Prozentpunkte über dem OECD-Durchschnitt.

Welche Maßnahmen müssten ergriffen werden, um Produktionsarbeitsplätze langfristig in Deutschland zu sichern?

Zur Sicherung der Produktionsarbeitsplätze ist es notwendig, Kosten zu senken, Bürokratie abzubauen und die Infrastruktur zu modernisieren.

Gibt es positive Aspekte im Koalitionsvertrag? Und was vermissen Sie?

Hierzu gibt es im Koalitionsvertrag durchaus interessante Ansätze. Beispielsweise soll Regulierung wie das deutsche Lieferkettengesetz, das den industriellen Mittelstand überfordert, abgebaut werden und sogar Verwaltungsstrukturen und -prozesse hinterfragte werden, was sich positiv auf die Dauer von Genehmigungsverfahren auswirken könnte. Auch der Investitionsanreiz durch die degressive Abschreibung für Ausrüstungsinvestitionen kann einen wichtigen Wachstumsimpuls geben. Die von der Wirtschaft dringend geforderte Unternehmenssteuerentlastung soll dagegen erst ab 2028 in kleinen Schritten stattfinden. Das ist gerade vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise in Deutschland spät und zu langsam. Die Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes durch die Einführung einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit ist zu begrüßen. Eines der drängendsten Probleme für die Betriebe, nämlich die steigende Sozialabgabenlast, wird hingegen im neuen Koalitionsvertrag erneut auf die lange Bank geschoben. Um diese wieder auf ein erträgliches Maß zu reduzieren, wären Strukturreformen in allen Sozialversicherungen notwendig. Jedoch sollen stattdessen Wahlgeschenke wie Mütterrente umgesetzt werden. Im Ergebnis kommt es daher für positive Zukunftsaussichten auf den politischen Willen der neuen Bundesregierung zur Priorisierung, Umsetzung und bedarfsgerechten Nachsteuerung an.