Der Spitzenkandidat der Grünen Cem Özdemir besucht die Calwer Handballer. Dabei geht es um Vereine, Ehrenamt und mögliche Landesgelder für Sportstätten – und ums große Ganze.
Beim Handball fühlt sich Cem Özdemir zuhause. Der Spitzenkandidat der Grünen für die Landtagswahl und frühere Bundesminister hütete in seiner Jugend das Tor des TSV Bad Urach. Und auch heute steht er ab und an noch auf der Platte, wenn meist eher zu Wahlkampfzwecken.
Am Mittwoch trainierte er mit Jugendspielern der Spielgemeinschaft Hirsau/Calw/Bad Liebenzell in der Walter-Lindner-Halle.
Özdemir steht im Tor
Nach einem kurzen Aufwärmen stand der 60-jährige Özdemir wieder im Tor. Die weitaus jüngeren Schützen machten es ihm nicht leicht. Vielen Bällen konnte Özdemir ob der Kraft der Würfe nur hinterherschauen. Manche parierte er aber gekonnt. Und er nahm dabei wenig Rücksicht auf seine bereits lädierte rechte Hand. Bei einem Wahlkampftermin mit Handballeinsatz im November brach sich Özdemir zwei Finger. In Calw trug er immer noch kleine Schienen. Spaß hatte er dort aber. Die Würfe forderten ihn zwar sichtlich. Trotzdem hatte er am Ende ein Lächeln im Gesicht. Und das lag sicher nicht nur daran, dass er das Training diesmal ohne Verletzung beendete.
Özdemir war nach Calw gekommen, um mit dem Landtagskandidaten Fynn Rubehn über Sportpolitik und das Ehrenamt zu reden. Sport helfe bei der Entwicklung, so Özdemir. Gerade Handball lehre wichtige Dinge: sich anzustrengen, im Team zu spielen, sich nicht einfach hinfallen zu lassen, nicht zu „flennen“, hart und trotzdem fair zu sein. „Diese Handballtugenden würden auch der Politik nutzen“, sagte Özdemir.
Vereine für Demokratie
Und er sah einen noch größeren Zusammenhang. Das Vereine diese Tugenden vermittelten, schütze vor einer Spaltung der Gesellschaft. Er wolle im Wahlkampf so aufzutreten, dass man sich hinterher noch in die Augen schauen könne. Deshalb sei es wichtig, wie man übereinander rede. „Sind wir Feinde oder Mitbewerber?“, fragte Özdemir. Am Ende brauchten die Parteien einander in einer Koalition. Und manchmal brauche es auch die Zusammenarbeit mit der Opposition. Politik sei eben auch eine Stilfrage. In Berlin habe er gelernt, wie es nicht geht.
Rubehn unterstrich ebenfalls, dass solche Werte in den Vereinen gelebt würden. „Das Ehrenamt ist keine Nebensache, sondern das Fundament der Demokratie“, sagte er. Und deshalb müsse man das Ehrenamt besser fördern.
Diesen Ball nahm Benjamin Knoll, Geschäftsführer des TSV Calw, auf. Er fragte Özdemir und Rubehn nach der Zukunft der Ehrenamtskarte. Diese wurde im Landkreis Calw getestet. Ehrenamtler bekommen mit ihr Rabatte, zum Beispiel im Freibad und im Polarion. Das Angebot brauche mehr „Nachdruck“ und müsse ausgeweitet werden, fand Knoll. Rubehn sprach von der Möglichkeit eines verbilligten Deutschland-Ticktets für Ehrenamtskarteninhaber. Auch eine Anrechnung auf die Rentenpunkte sei möglich. Özdemir bremste. Man müsse schauen, für was letztlich Geld da sei.
Geld für Calwer Hallenbad?
Ähnlich antwortete Özdemir auf eine andere Nachfrage Knolls. Der TSV-Chef wollte wissen, ob das Land künftig Fördergelder für den Neubau von Sportstätten vergebe. Denn in Calw fehle ein Hallenbad. Die Stadt Calw hat mit den Vereinen ein Konzept für ein neues Hallenbad in Modulbauweise auf dem Wimberg entwickelt. Allerdings fehlt das Geld für den etwa zehn Millionen Euro teuren Bau und den Betrieb.
„Ich will nix versprechen“, so Özdemir. Er nehme das Thema mit. Aber auch hier müsse man schauen, was finanziell möglich sei. Ob für einen Hallenbadneubau Geld aus dem Bildungshaushalt kommen könnte? Denn Wasserflächen werden benötigt, um den Schulkindern schwimmen beibringen zu können. Und das Kinder schwimmen lernen, fordert das Land, in dessen Verantwortung die Schulen sind. Muss das Land also bei der Finanzierung eines Hallenbades helfen? Auf Nachfrage des Schwarzwälder Boten weicht Özdemir aus: „Ich muss das erst recherchieren“, sagt er. Er wolle nichts versprechen, was er nicht halten kann. Das stärke am Ende nur die politischen Ränder.
Immerhin: Das Land verlängert wohl den Solidarpakt Sport. 80 Millionen Euro könnten so in Sportstätten fließen, erklärte Özdemir. Das sei „gut angelegtes Geld“. Eben weil Sportvereine für eine Demokratie so unerlässlich seien. Man lerne dort, sich unabhängig einer Parteipräferenz aufeinander einzulassen. Und das sei das wirksamste Mittel gegen eine Polarisierung.