Der CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel will Ministerpräsident Winfried Kretschmann beerben. Foto: Uwe Anspach/dpa

Die CDU ist als Favorit in die Landtagswahl gestartet. Doch jetzt wird das Rennen unversehens knapp. Spitzenkandidat Manuel Hagel hat zu kämpfen, und die grüne Konkurrenz holt auf.

Um die Wurst geht es ja schon die ganze Zeit. Aber jetzt steht der CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel am Grill vor der Lehenbachhalle in Winterbach im Remstal. Das Jackett hat er abgelegt, obwohl die Temperaturen nicht gerade Frühlingsgefühle wecken. Mal schwebt seine Grillzange in Wartestellung über dem Rost, mal wendet er Würstchen hin und her. Vor Hagel stehen viele Menschen Schlange und warten geduldig, bis der aktuell ehrgeizigste Schwarze im Südwesten ihnen ihre Rote im Weckle entgegenstreckt.

 

Genauso geduldig haben sie ihm zuvor zugehört, als er eine gute Stunde lang erklärt hat, was er mit Baden-Württemberg vorhat, falls er die Wahl am 8. März gewinnt. Regierungschef will der 37-Jährige werden, die Macht im Südwesten für die CDU zurückerobern und die grüne Ära nach 15 Jahren beenden. Das würde Hagel zum jüngsten Ministerpräsidenten nicht nur in der Geschichte Baden-Württembergs machen: Jünger ist in der Bundesrepublik noch kein Landesvater ins Amt gekommen.

Die Stimmung ist gut in Winterbach und eigentlich überall, wo Manuel Hagel seine Redeauftritte absolviert. Auch für Hagel selbst hat der Sonntag – es ist der zweitletzte vor der Wahl – gut angefangen. Er konnte etwas länger schlafen, mit seinem Ältesten das Frühstück machen und gemeinsam mit Frau und den drei Kindern den Tag beginnen.

Viel Gegenwind aus Berlin

Das ist Luxus pur in diesen Wochen. Der Christdemokrat ist seit dem Start seiner Kampagne mehr als 65 000 Kilometer auf dem Rücksitz seiner schwarzen Dienstlimousine kreuz und quer durchs Land gefahren und noch lange nicht am Ende seiner rastlosen Tour. Vielleicht hat Hagel in der Nacht vorher auch besser geschlafen als zuvor. Noch kennt er die jüngsten Umfragen nicht, wonach die CDU ihren Vorsprung auf die Grünen nur noch knapp behauptet. Aber der Kanzler und die CDU haben ihm beim Bundesparteitag in Stuttgart keine weiteren Steine in den Weg gelegt. Die Partei ist geschlossen, Friedrich Merz gestärkt. Das soll Hagel auf der letzten Etappe helfen.

Selbstverständlich war das nicht. Auch Merz selbst hatte zuvor den „fleißigen Leuten“, die laut Hagel in Baden-Württemberg zuhause sind und den ganzen Tag arbeiten statt zu demonstrieren, signalisiert, dass man mit Work-Life-Balance die Wirtschaft nicht auf Wachstumskurs bringen könne und sie künftig mehr tun müssten. Das passte so gar nicht zu Hagels Narrativ der Zuversicht, wonach Baden-Württemberg nicht zum Detroit Europas werden müsse, wenn die Schwaben tun was sie immer getan haben: hart arbeiten und sich im Fall von Problemen etwas einfallen lassen – am besten eine Maschine, die sich auf dem Weltmarkt gut verkaufen lässt.

Hagel setzt auf alte Stärken

Der Angst der Bürger vor dem Wirtschaftsabschwung begegnet Hagel im Wahlkampf mit der Zuversicht, die sich aus Baden-Württembergs Erfolgen der Vergangenheit speist. „Renaissance“ ist ein Wort, das sich zuletzt immer öfter in Hagels Reden geschlichen hat. Erst spät hat er begonnen, konkreter auszubuchstabieren, was er als Regierungschef tun will, um den Südwesten bei Wirtschaft, Bildung und Sicherheit wieder an die Spitze zu führen: Mit Sonderwirtschaftszonen will er den Innovationsturbo in Gang bringen, mit einem kostenlosen Kita-Jahr die frühkindliche Bildung verbessern, mit großzügigen Eigenheimzulagen den Wohnungsbau ankurbeln.

Hagel gibt sich überaus nahbar und ist immer freundlich. Er ist der bodenständige junge Mann aus der Nachbarschaft, der sich stets als Papa von drei kleinen Kindern vorstellt, mit seiner Frau in Ehingen lebt, auf der Realschule war und seit seinem 17. Lebensjahr schafft – erst als Banker bei der Sparkasse, dann in der Kommunal- und seit zehn Jahren in der Landespolitik. Tief verwurzelt im katholischen Glauben und seiner oberschwäbischen Heimat skizziert er das Bild eines Politikers, der trotz Aufstieg in Rekordgeschwindigkeit nicht zur abgehobenen Politikerkaste irgendwo da oben gehört, von der wachsende Wählergruppen sich nicht mehr gut vertreten fühlen. Nie vergisst Hagel zu erwähnen, dass ein Ministerpräsident im Land sich in den Rathäusern daheim wohler fühlen müsse als in den Talkshowsesseln von Berlin. Das geht natürlich gegen seinen Hauptkonkurrenten Cem Özdemir von den Grünen, dessen Namen er nie erwähnt.

Hagel Anekdoten und die Politik

Im Grunde lässt Hagel den „Mann wie unser Land“ wieder aufleben, mit dem der Kretschmann-Vorvorvorgänger Erwin Teufel 1992 seine erste Wahl gewonnen hat. Hagel hat die Rolle natürlich modernisiert und um die Facette von Schwiegermutters Liebling ergänzt. Um seine Bodenhaftung zu illustrieren und Nähe herzustellen, erzählt er gerne Anekdoten aus seinem Alltag. Ein Beispiel ist, dass das Knödelessen mit den Kindern daheim ihn auf Ideen für die Digitalisierung gebracht habe. Nicht wie sein mittlerer Sohn müsse man die Sache angehen, der den Knödel ganz in den Mund stecke und kaum bezwinge, sondern wie der Ältere: Der teile den Kloß in viele kleine Portionen und sei am Ende meistens als Erster mit dem Essen fertig. „So muss man das machen, um einen zentralen Speicher für alle relevanten Daten im Land aufzubauen.“

Nun mögen Beckmesser, die ihre Rhetorik an Cicero, Goethe oder aktuellen Literaten geschult haben, sich fragen, was das eine nun eigentlich genau über das andere aussage. Aber bei Hagels Versammlungen kommt diese Art des politischen Erzählens an, egal ob er in Stuttgart, im Speckgürtel von Mannheim, seiner oberschwäbischen Heimat oder im Remstal auftritt. Hagels Geschichten holen seine Zuhörer offenbar bei ihren Alltagserfahrungen ab. Das ist ein zentraler Baustein in Hagels Kampf gegen die AfD, seinen erklärten Hauptgegner bei dieser Wahl.

Ausgerechnet die Nähe zu den Leuten hat Hagel, der seinen Wahlkampf stark auf Fehlervermeidung angelegt hat, jetzt in die Bredouille gebracht. Der Instagram-Post einer Grünen-Abgeordneten über einen Fernsehtalk vor acht Jahren, in dem Hagel vom Schulmädchen Eva und seinen rehbraunen Augen schwärmt, hat ihm an Tag elf vor der Wahl Sexismusvorwürfe und einen Shitstorm im Netz eingebracht. Hagel hat Fehler eingestanden und würde seine Formulierung von damals heute nicht mehr wiederholen. Aber vermeintlich launige Anspielungen, dass er und der lokale Abgeordnetenkollege zusammen fünf Kinder hätten – jeder natürlich mit seiner eigenen Ehefrau – macht er auch heute. Seine Zuhörer in den Hallen lässt das kichern; anderswo mag dieser Stil als nicht gerade geschmackssicher oder gleich anstößig gewertet werden.

Solche Beispiele zeigen vor allem eines: Das Land aus der Mitte heraus zusammenzuhalten, was Hagels Anspruch ist, ist schwierig geworden. Seit Erwin Teufels Zeiten vor einem Drittel Jahrhundert ist der Südwesten diverser geworden. Die Milieus sind auseinandergedriftet. Schon deshalb muss ein neuer Mann fürs Land heute einen ungleich schwereren Spagat schaffen.

Nervosität bei der CDU wächst

Der Shitstorm über die rehbraunen Augen und die Aufholjagd der Grünen in den Umfragen haben die Nervosität in Hagels Lager wachsen lassen. Vielleicht hat ihn selbst auch mal der Gedanke angeflogen, wie schön es gewesen wäre, wenn die vorige Bundesregierung ganz regulär bis September durchgehalten und er die „Streitampel“ einfach hätte weiter attackieren können. Dann wäre die Hoffnung, dass mit einem CDU-Mann an der Spitze im Südwesten alles besser werde, jetzt wohl noch halbwegs intakt.

Aber es ist anders gekommen. Hagels CDU liegt nach wie vor vorne. Doch auch auf der Zielgeraden des Wahlkampfs lassen seine Bekanntheitswerte zu wünschen übrig, und die Grünen haben gefährlich aufgeholt. Cem Özdemir ist Manuel Hagel auf den Fersen. Das Rennen ist offen, und es wird knapp.