Thorsten Frei ist einer der wichtigsten Vertrauten von Friedrich Merz und wird bald einer der mächtigsten Männer des Landes sein. Das hat auch mit einer besonderen Begabung des früheren Oberbürgermeisters von Donaueschingen zu tun.
Es wirkt fast, als wäre er überall. Thorsten Frei spricht mit den Fraktionschefinnen der Grünen. Dann ist der Mann, der den etwas sperrigen Titel Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion trägt, mit dem Verteidigungsminister von der SPD zu sehen. Schließlich dreht er im Plenarsaal eine kleine Runde durch die Reihen der eigenen Unionsfraktion. Er schüttelt Hände, lächelt, umarmt. Die wenigen Minuten, die Thorsten Frei hat, bevor die erste Bundestagssitzung der neuen Legislaturperiode beginnt, nutzt der CDU-Politiker hocheffizient.
Der 51-Jährige ist kurz davor, einer der mächtigsten Männer der Republik zu werden. Frei ist einer der engsten Vertrauten von CDU-Chef Friedrich Merz, der höchstwahrscheinlich der nächste Kanzler wird. Und: Er ist einer der wenigen im direkten Umfeld von Merz, die Regierungserfahrung haben – als Oberbürgermeister von Donaueschingen.
Frei war oft Merz‘ Mann fürs Grobe. Als Parlamentarischer Geschäftsführer hat er sich vor seinen Chef gestellt. Er hat ausgeteilt – auch laut. Zum Beispiel, als er Außenministerin Annalena Baerbock in einer Debatte über die Asylpolitik vorwarf, „Lügengeschichten“ zu erzählen. Sie hielt dem CDU-Politiker daraufhin „Kindergartenverhalten“ vor. Frei kann sich heftig raufen, wenn er will.
Hart, aber freundlich
Doch in Talkshows zeigt er, wo seine eigentliche kommunikative Begabung liegt. Er trägt dort auch inhaltlich harte Botschaften so geschliffen und freundlich vor, dass die Härte hinter dem Auftritt fast komplett verschwinden kann. Wäre Frei kein Politiker, er könnte als der freundlichste und trotzdem beste Türsteher Deutschlands arbeiten. Er kann nein sagen und dabei so nett auftreten, dass sich mancher, der an der Club-Tür abgewiesen würde, noch bedanken würde. „Der würde auch Flüchtlinge an der Grenze persönlich mit einem Lächeln im Gesicht zurückweisen“, lästert einer aus der SPD. Für Frei wäre das vermutlich ein Kompliment.
Geboren ist er in Säckingen am Hochrhein, 17 000 Einwohner, 35 Kilometer flussaufwärts von Basel. „Das ist eine Kindheit im ländlichen Raum gewesen“, sagt er. „Das fängt schon mit der Grundschule in einem kleinen Ortsteil an, die nur zwei Klassenräume hatte für die ersten vier Klassen. Ich hatte von der ersten bis zur vierten Klasse gerade mal sechs Mitschülerinnen und Mitschüler.“
Während Frei das erzählt, sitzt er in seinem Büro im fünften Stock eines Bundestagsgebäudes, von dem aus er auf die Spree und auf den Reichstag blicken kann. Die Hände, meist halbhoch, untermalen seine Worte. Nicht zu schnell, nicht zu langsam. Das Lächeln vergisst er fast nie.
Er sei, verrät er, ein guter Schüler gewesen, aber kein herausragender. Anders als viele andere Politiker kann er sich auf Nachfrage auch an seine Abiturnote erinnern. Es war eine 1,8.
Der Law-and-Order-Mann
In die Junge Union ist er mit 16 Jahren eingetreten. „Der Auslöser war der Fall der Mauer“, sagt er. „Ich habe die Bilder im Fernsehen gesehen. Und ich hatte das Gefühl: Ich erlebe Geschichte.“ Er sei der erste in seiner Familie gewesen, der in eine Partei ging. Dass es die CDU würde, war klar. Und warum? „Mein Vater war Polizist. Law and Order, das war für mich schon immer wichtig.“
Erwachsen geworden sei er im Jahr seines Wehrdienstes, sagt er. Es sei eine Zeit gewesen, „in der man von der Familie weg ist, in der man auf sich selbst gestellt ist – in einer Umgebung, die zumindest in der Grundausbildung nicht immer freundlich ist.“ Da ist sie wieder, die kommunikative Begabung des netten Herrn Frei. Eine schönere Formulierung hat noch niemand gefunden dafür, wie Wehrdienstleistende angebrüllt werden.
„Die beste Schule meines Lebens war die Zeit als Oberbürgermeister in Donaueschingen“, betont Frei. Er habe eine Verwaltung mit mehr als 300 Mitarbeitern geführt. „Wer erfolgreich sein will, muss aber auch gut mit den Ehrenamtlern im Gemeinderat zusammenarbeiten.“ Es sei ein riesiger Unterschied, aus welcher Position heraus man führe. „Mitarbeiter müssen üblicherweise machen, was der Chef entscheidet“, sagt Frei. „In der Politik kann man aber oft nur führen, indem man andere überzeugt“, fügt der CDU-Politiker hinzu. Das könnte man als Spitze gegen Friedrich Merz verstehen, dem einige nachsagen, er denke, er könne ein Land führen wie ein Vorstandsboss ein Unternehmen. Doch diese Interpretation wäre falsch. Spitzen gegen Merz gibt es von Frei nicht. Nie.
Loyal und wendig
Die beiden ergänzen sich. Frei hat Erfahrung als Oberbürgermeister, Merz hat lange in der Wirtschaft gearbeitet. Merz ist impulsiv, Frei kontrolliert sich selbst streng. Gleichzeitig ist er hundertprozentig loyal zum CDU-Chef.
Das erfordert auch Wendigkeit. Frei hat die Schuldenbremse vehement verteidigt. Als Merz den Kurs ändert und den Weg für Hunderte Milliarden Schulden zusätzlich öffnet, folgt ihm auch Thorsten Frei – rasant schnell. Falls er damit unglücklich war, hat er es sich nicht anmerken lassen.
Verteidigungsminister Boris Pistorius soll über Frei in einer SPD-Fraktionssitzung gesagt haben, dieser habe kein Gewissen. „Humanität und Verantwortung für andere Menschen? Nullkommanull“, dies seien Pistorius‘ Worte gewesen, berichtete der „Stern“. Da ging es um die Asylpolitik.
Wer hinter verschlossenen Türen so abledert, kalkuliert oft ein, dass die Kritik nach außen dringt. So sieht die eigene Parteibasis: Hier wird gekämpft. Spricht man mit denen, die Frei aus dem parlamentarischen Alltag kennen, werden dessen inhaltliche Härte und der gute Umgang gleichermaßen hervorgehoben. Der freundliche Türsteher eben.
An der Wand in Freis Abgeordnetenbüro hängt ein Kreuz – eher mittelgroß, aber unübersehbar. „Der Glaube ist mir wichtig, er ist aber eine hochpersönliche Sache für mich“, sagt der Katholik. Sieht er einen Widerspruch zwischen seinem christlichen Bekenntnis und einer harten Haltung in der Flüchtlingspolitik? „Nein, ich bin da völlig im Reinen mit mir.“ Die Flüchtlingspolitik müsse geändert werden, weil die Integration mit der Migration nicht Schritt halte. Und weil sie Menschen nicht davon abhalte, den oft tödlichen Weg über das Mittelmeer anzutreten.
Der künftige Job des Thorsten Frei
In den Regalen findet sich viel juristische Literatur. Aber auch Bücher über Länder, die er in seiner Zeit im Auswärtigen Ausschuss besucht hat, zum Beispiel den Libanon. Frei arbeitet gern 15 Stunden am Tag. Was aus der Heimat vermisst er in Berlin? „Meine Familie“, sagt er sofort. Frei ist verheiratet, er hat drei Kinder. Wenn es freie Zeit gebe, versuche er, sie zu Hause zu verbringen.
Kann ein Spitzenpolitiker ein guter Vater sein? Es ist einer der wenigen Momente, in denen Frei nicht sofort den Blickkontakt sucht. Er schaut nach links, nach rechts, kurz nach unten. Er überlegt lange. „Wenn man sich nicht selbst etwas vormachen will, muss man ehrlich sagen: Ich bin sicher nicht der Vater, wie ich es selbst gern wäre“, antwortet er.
Mehr Zeit für das Private wird Frei auch künftig nicht haben. Wird er Kanzleramtsminister oder Fraktionschef? Oder vielleicht doch Innenminister? Frei sagt dazu nichts. Wenn Merz Frei klonen könnte, würde er ihm vielleicht alle drei Jobs geben. Als Kanzler wird er ihn dorthin befördern, wo er ihn am meisten zu brauchen glaubt. Selbst Frei kann tatsächlich nicht überall sein.