Andreas Braun im Dezember 2013 an seinem ersten Tag am Schreibtisch im Rathaus – seither ist viel passiert, und jetzt steht für den Gewinner des Direktmandats der Abschied an. (Archivfoto) Foto: Schlenker

Andreas Braun holte das Direktmandat. Im Interview spricht der 44-Jährige über seinen Abschied aus Unterkirnach, die Nachfolge und sein badisch-schwäbisches Wörterbuch.

Noch sitzt er da, an seinem Schreibtisch im Unterkirnacher Rathaus mit den großzügigen Fensterflächen und freiem Blick in den Ferienort. Doch Bürgermeister Andreas Braun ist auf dem Sprung. Seit dem Wahlsonntag, an dem er das Direktmandat holte, werden die Karten neu gemischt. Nicht nur für Braun, sondern auch für Unterkirnach.

 

Ein bisschen baff ist er am Montagmorgen noch. „Es fühlt sich immer noch irgendwie unwirklich an“, gesteht er am Telefon und gibt zu, dass er das Ergebnis – 32 Prozent der Erststimmen und ein eindeutig geholtes Direktmandat – „nie in dieser Deutlichkeit erwartet“ habe.

Anstatt zu feiern jetzt im Rathaus zu sein und seinen Amtsgeschäften nachzugehen, das sei ihm von vornherein wichtig gewesen, betont der 44-Jährige, „aus Respekt“. Das sei er seinem Team und den Bürgern schuldig.

Wie schwer ihm der baldige Abschied falle? „Das werde ich vermutlich erst im Nachhinein merken“, gibt der künftige Abgeordnete zu bedenken – als Bürgermeister aber sei man ein Aktivposten, könne man direkt etwas bewegen, „das wird dann anders sein“.

Überall herausfordernd

Dass die aktuell schwierige Situation seiner Gemeinde ihm den Abschied erleichtere – zuletzt gab es schließlich auch Vorwürfe über die versäumte Weiterleitung eines Schreibens des Landratsamts zur Haushaltskonsolidierung an seine Adresse –, das könne man „so nicht sagen“, betont er. „Überhaupt nicht.“

Die Lage sei, wie überall, herausfordernd. Das sei im Übrigen ein Thema, das er direkt mit nach Stuttgart nehmen wolle: Die kommunale Selbstverwaltung gehöre gestärkt, die finanzielle Ausstattung der Kommunen verbessert – und das mit dem Zensus sei auch so eine Sache. „Wir sollten endlich unsere Einwohner wieder kriegen“, fordert er mit Blick auf die plötzlich laut Aktenlage geschmolzene Einwohnerschaft. Generell: „Wir müssen einfach einfacher werden“; es brauche weniger Bürokratie und mehr Handlungsspielräume.

Startpunkt noch unklar

Den Kontakt zur Basis wolle er pflegen. Schwierig stellt er sich das nicht vor. „Ich bin seit über 30 Jahren ehrenamtlich aktiv, war schon immer ein Vereinsmensch, das wird sich nicht ändern“, verspricht er, auch wenn er noch nicht wisse, ob er weiterhin als Jugendtrainer im Fußballverein tätig sein könne. Gespräche mit Menschen, egal ob auf dem Dorffest oder dem Dorfplatz, seien wichtiger denn je – und sie weckten gegebenenfalls auch Verständnis für in Stuttgart getroffene Entscheidungen.

Knisternde Spannung in der Waldau-Schenke für Andreas Braun - irgendwann ist klar: Er hat das Direktmandat tatsächlich geholt, dann wird applaudiert. Foto: Joachim Spitz

Wann genau er dorthin aufbricht? Der Bürgermeister zuckt entschuldigend die Schultern. Dazu gebe es aktuell zwei Szenarien – eines sehe vor, dass er noch bis zum 14. Mai, wenn die konstituierende Sitzung der Landtagsfraktion sei, seinen Amtsgeschäften in Unterkirnach nachgehen könne. Das andere Szenario aber besage, dass ihm nach der Wahl nur zwei Wochen Zeit blieben, diese anzunehmen, und danach die Amtsgeschäfte ruhen müssten. In den nächsten Tagen werde er herausfinden, was gilt. Danach muss dann die Ausschreibung und alles für eine zeitnahe Bürgermeisterwahl vorbereitet werden.

Eingemeindung kein Thema

Sonnenklar ist für ihn: In Unterkirnach gehe alles geregelt weiter. „Ich will das hier anständig zu Ende bringen.“ Seine beiden Stellvertreter Martin Kuberczyk und Patrick Seng, mit welchen er sich bereits am Tag nach der Wahl abstimmte, könnten auf die Verwaltung bauen. „Wir haben eine super Truppe.“

Sorgen, dass sich kein Anwärter für das Amt des Bürgermeisters von Unterkirnach finden wird, hat Andreas Braun nicht. „Der Bürgermeisterjob ist nach wie vor attraktiv.“ Natürlich könnten die finanziellen Rahmenbedingungen bessere sein und erhoffe er sich auch für seinen Nachfolger einen breiten Rückhalt in der Bevölkerung und einen „ordentlichen Umgang“. „Aber ich bin überzeugt: Es wird einen Bewerber geben.“

Gedanken, an eine mögliche Eingemeindung Unterkirnachs nach Villingen-Schwenningen oder St. Georgen wischte er im Gespräch resolut zur Seite: „Das steht nicht zur Debatte, definitiv nicht.“

Familienvater will pendeln

Unterkirnach ist dem gebürtigen Calwer aber nicht nur als Arbeitsort ans Herz gewachsen: „Hier fühlen wir uns wohl, hier werden wir weiterhin wohnen“, sagt er. Nach Stuttgart wolle er vornehmlich mit dem Zug pendeln, vielleicht auch hin und wieder eine Fahrgemeinschaft mit der Grünen-Abgeordneten Martina Braun eingehen. Und dann und wann könne er auch bei seinen Eltern übernachten, schließlich lebten diese im Stuttgarter Raum und sei Familie ihm wichtig, sagt der dreifache Vater, der seine eigene Familie bewusst aus dem Wahlzirkus rausgehalten habe und das auch weiterhin so halten wolle.

Zwei Dinge in seinem aktuellen Bürgermeisterbüro aber gibt es, die Andreas Braun auf jeden Fall mit nach Stuttgart nehmen möchte: „Eine Jakobsmuschel, die habe ich am 3. Dezember 2013 von der Pfarrgemeinde St. Jakobus in Unterkirnach bekommen, die werde ich auf jeden Fall mitnehmen.“ Und auch sein Mini-Lexikon zur badisch-schwäbischen Übersetzung, erzählt er und lacht: „Ich glaub’, das ist in Stuttgart auch nicht verkehrt.“