Erstmals bei den ATP Finals mit dabei: der Norweger Casper Ruud. Foto: imago/Marco Alpozzi

In Norwegen findet sich Tennis nicht unter den populärsten Sportarten. Das könnte sich ändern – dank Casper Ruud.

Turin/Stuttgart - Das Deckenlicht ist gedämmt, auf den Videoleinwänden flackern bunte Lichtfetzen, und das Strahlen des Scheinwerfers nimmt sie der Reihe nach in den Fokus – die besten acht Tennisspieler der nun zu Ende gehenden Saison. Das ist die Normalität, wenn sich die Elite noch einmal trifft und um den Titel bei den ATP Finals spielt. Neu war am Montag in Turin: dass der Scheinwerfer einen jungen Mann aus Norwegen ins rechte Licht rückte.

 

Sie haben teils konkurrenzlose Skilangläufer und Biathleten, Alpin-Stars, Leichtathleten von Weltrang, Handballstars und auch immer wieder gute Fußballer da oben im Norden Europas. Was sie eher nicht haben: Tennisspieler, die in der Weltspitze mitmischen. Der bisher beste von ihnen schaffte es im Jahr 1995 auf Rang 39 der Weltrangliste. Sein Name: Christian Ruud. Sein jetzt schon deutlich stärkerer Nachfolger: Casper Ruud. Er ist sein Sohn.

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„Er ist besser, als ich es war“, sagte Christian Ruud kürzlich und berichtete, er sei total stolz. Auf seinen Sohn, aber womöglich auch ein klein wenig auf sich selbst. Er ist schließlich nicht nur der Vater von Casper Ruud – sondern auch dessen Trainer, seit der Filius im Alter von vier Jahren im Snarøya Tennisklubb von Oslo erstmals das Racket geschwungen hat. Seitdem ist viel passiert, besonders in den vergangenen Monaten.

Fünf Turniersiege im Jahr 2021

Bevor Casper Ruud nun als erster Norweger bei den ATP Finals ein Match bestreiten durfte – es ging gleich gegen die Nummer eins der Welt, den Serben Novak Djokovic –, machte er auch in 2021 das, was er seit Jahren schafft: sich stetig zu steigern. „Er hat immer kleine Schritte gemacht, hat sich dabei kontinuierlich in dieselbe Richtung, nach oben, bewegt“, sagt Christian Ruud.

2019 war Casper Ruud noch bei den ATP Finals der Newcomer am Ball, 2020 feierte er in Buenos Aires seinen ersten Turniersieg auf der Tour, 2021 ließ der heute 22-Jährige gleich fünf Triumphe folgen. „Das Gesamtpaket wird von Jahr zu Jahr besser“, sagt Vater und Trainer Christian Ruud über seinen Sohn, der am liebsten auf Sand antritt und Rafael Nadal sein Vorbild nennt. Patrick McEnroe, der frühere Tennisprofi, sieht ihn schon als dessen legitimen Nachfolger – zumindest beim Grand-Slam-Turnier in Paris.

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„Bis 2024 wird er einen French-Open-Titel haben“, twitterte der US-Amerikaner jüngst – doch muss Casper Ruud noch nachweisen, dass er konstant mit den Besten konkurrieren kann. Seine Triumphe holte er bei kleineren 250er-Turnieren, bei den Grand Slams war das Erreichen des Achtelfinales in Australien bisher das höchste der Gefühle, und beim Auftakt der Finals verlor der Norweger gegen Djokovic nach starkem Beginn doch recht deutlich mit 6:7, 2:6.

In Norwegen vergleichen sie den aufstrebenden Wikinger dennoch bereits mit der fußballerischen Urgewalt von Borussia Dortmund, mit Erling Haaland (21) also. Wobei Casper Ruud deutlich introvertierter daherkommt als der stürmende Kicker. Immerhin spielte auch bei Haaland die familiäre Prägung eine Rolle. Dessen Vater Alf Inge war einst Fußballprofi in der englischen Premier League.

Familiäres Umfeld

Casper Ruud wird derweil nicht nur von seinem Vater auf der Tour begleitet, sondern meist auch von seiner Freundin. „Wir sind ein kleines Team, vieles basiert auf der Familie und den engsten Menschen in meinem Leben“, sagte der Rechtshänder bei Eurosport. Zu sehen ist das unter anderem auf seinen Instagram-Accounts. Auf dem einen von zweien – ein weiterer speist sich ausschließlich mit Bildern, die Casper Ruud beim Golfen zeigen, seiner zweiten großen sportlichen Leidenschaft.

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In Norwegen bleibt Casper Ruud allerdings die große Tennishoffnung – einer ganzen Sportart, die lange nicht den Status besitzt wie in anderen Ländern. Mit Erfolgen in Turin gegen Stefanos Tsitsipas und Andrej Rublew könnte er das weiter ändern.