Mit einer Radiosendung haben die gebürtigen Haslacherinnen Elisa Göppert und Hanna Kopp der Erinnerung an das KZ-Außenlager eine neue Form gegeben.
Für ihr SWR-Radiofeature „Eine so schöne Landschaft und ein so trauriger Ort – Erinnern und Vergessen in Haslach“ über das NS-Außenlager „Vulkan“ sind die beiden Haslacherinnen Elisa Göppert und Hanna Kopp mit dem Caritas-Medienpreis 2025 in der Kategorie Hörfunk/Podcast ausgezeichnet worden.
Mit der Ehrung möchte die Caritas Autoren für „herausragende publizistische Beiträge über gesellschaftliche und soziale Themen“ würdigen. Der Preis wird von den beiden Caritasverbänden für die Erzdiözese Freiburg und die Diözese Rottenburg-Stuttgart vergeben und ist mit 2000 Euro dotiert.
Auch Sören Fuß, ehemaliger Leiter der Vulkan-Gedenkstätte, zeigte sich im Gespräch mit unserer Redaktion beeindruckt von der Qualität der Radioreportage: „Absolut gelungen“, lautet sein Urteil. Fuß hat die Auseinandersetzung von Kopp und Göppert mit dem dreigliedrigen KZ-Außenlager in Haslach über Jahre hinweg begleitet und kennt das Projekt von Anfang an, denn das Feature hat eine lange Vorlaufzeit.
Bereits als Schülerinnen des Hausacher Robert-Gerwig-Gymnasiums hatten Kopp und Göppert im Rahmen des Geschichte-Leistungskurses und einer Geschichtswerkstatt den „Vulkan“ und die Geschichte der von September 1944 bis April 1945 in Haslach betriebenen nationalsozialistischen Lager zum Thema.
Das verdrängte Wissen kam spät wieder zurück
Damals kamen sie auch erstmals mit Sören Fuß in Kontakt. Während der Recherchen stellten die Schülerinnen irritiert fest: „Dort, wo heute die Gedenkstätte ist, war gar nicht das Lager. Dort, wo die Stolleneingänge waren, liegt heute Müll.“ Diese Erkenntnis ließ Kopp und Göppert nicht mehr los. 2024 erschien dann ihr rund einstündiges, behutsam erzähltes Radiofeature beim SWR.
Im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt Göppert von den Gründen für die besondere, nicht-lineare Erzählstruktur ihrer Reportage: „Wir haben mit verschiedenen Perspektiven gearbeitet, mit atmosphärischen Tönen und auch mit Dokumenten aus dem Haslacher Stadtarchiv“. Erst NS-Arbeitslager, dann Mülldeponie, seit 1998 Gedenkstätte und heute Wertstoffhof sowie Schießstand: „Das sind viele Spuren, die sich da überlagern. Auf dem Vulkan existieren viele Orte in einer Gleichzeitigkeit, die manchmal schwer auszuhalten ist“, erklärt Göppert den Versuch, Form und Inhalt in eins zu bringen.
Dafür gab es breites Lob, eine Nominierung für den Alternativen Medienpreis und nun sogar die Auszeichnung mit dem Caritas-Medienpreis 2025 – Lohn für die sorgsame Annäherung an ein Kapitel lokaler Geschichte, das so lange verdrängt wurde, bis es aus dem Bewusstsein der Haslacher verschwand.
Erst in den 1990er Jahren begann eine erneute Auseinandersetzung mit diesem Teil der Historie, vor allem aufgrund der Arbeit des Teams der Gedenkstätte um Sören Fuß und Herbert Himmelsbach, wie auch Elisa Göppert betont. „Unserer Wahrnehmung nach ist dieser Teil der Haslacher Geschichte schon in das Gedächtnis der Stadt gewandert.“
Haslach mit den Augen der Deportierten sehen
Für ihr Feature waren Kopp und Göppert auch nach Frankreich gefahren, um die Angehörigen von nach Haslach deportierten Menschen zu interviewen. Durch diese Reise habe sich ihre Sichtweise auf ihre Heimatstadt vor allem durch den Blick von außen, den die Deportierten und ihre Angehörigen auf Haslach bis heute haben, geändert, erzählt Göppert im Gespräch mit unserer Redaktion: „Ihre Väter hatten in Haslach gelitten und sind – wie im Fall von Roger Bilgers Vater – dort gestorben. Mit den aufgenommenen Geschichten der Angehörigen sind wir dann mit einem anderem Gefühl nach Haslach zurückgefahren – für uns war sehr präsent, was dieser Ort für die Deportierten bedeutet hat.“
Aber nicht nur haben die Angehörigen ehemals Deportierter großen Eindruck bei Göppert und Kopp hinterlassen, andersrum war es genauso. Sören Fuß hat im Laufe seiner jahrzehntelangen Arbeit für die Gedenkstätte zu vielen Angehörigen ein sehr enges, sehr persönliches Verhältnis aufgebaut. Umso mehr habe ihn beeindruckt, wie einfühlsam die Journalistinnen mit den Menschen umgegangen seien. Die Angehörigen selbst hätten im Nachhinein immer wieder betont, wie dankbar sie für diese sensible Begleitung gewesen seien, erzählt Fuß.
Mittlerweile sind alle Überlebenden des Lagers gestorben. Der Letzte war Michel Bouchey, der vier Wochen vor dem 25. Jahrestag der Gedenkstätte im Juni 2023 fast 100-jährig starb. Das bedeutet: Die Erinnerung an die Haslacher Lager ist in eine neue Phase eingetreten – nun bereits zum dritten Mal. Zwar werde der Kontakt zu den Angehörigen weiterhin gepflegt, doch rücken neue Formen der Erinnerung in den Vordergrund – etwa Bildungspartnerschaften mit Schulen. „Wir sprechen inzwischen von der vierten Generation“, so Fuß.
Neue Formate
Horst Koller, seit rund einem Jahr der neue Leiter der Gedenkstätte, sieht in Podcasts und Radiofeatures wie dem von Kopp und Göppert eine wichtige Ergänzung zur etablierten Erinnerungskultur. Ob der Podcast zu gestiegenen Anfragen an die Gedenkstätte beigetragen hat, lasse sich nicht eindeutig sagen – schon alleine deswegen, weil die genaue Besucherzahl „auf dem Vulkan“ nicht erfasst werden könne. Gerade im privaten Umfeld habe er erlebt, dass ihn viele Menschen gezielt auf das SWR-Feature angesprochen hätten, auch viele Ältere. Trotzdem glaubt Koller, langfristig könnten solche Formate vor allem jüngere Menschen für die Geschichte der Haslacher Lager sensibilisieren: „Durch die digitale Veränderung unserer Gesellschaft werden solche Medien immer wichtiger. Gedruckte Informationen nehmen ab, und Podcasts können ein Gegenpol zu Social Media sein, wo Inhalte oft ungeprüft verbreitet werden.“ Gerade jüngere Menschen nutzten Podcasts zunehmend als Informationsquelle. „Damit erreichen wir Menschen, die wir mit klassischer Gedenkstättenarbeit sonst nicht erreichen würden.“