Im Labor wird analysiert, um welchen Erreger es sich handelt: Candida auris oder eine andere Pilzart. Foto: imago/Addictive Stock/Victor Torres

Winzig klein – und dennoch gefährlich: Immer mehr Menschen infizieren sich mit dem Hefepilz Candida auris. Wieso er sich ausbreitet und welche Gefahr von Pilzen generell droht, erklären zwei führende Experten im Gespräch mit unserer Zeitung.

Candida auris ist weltweit auf dem Siegeszug: Immer mehr Menschen stecken sich an. Auch in Deutschland findet der Hefepilz guten Nährboden. Doch was macht ihn so gefährlich? Wie infiziert man sich? Und welche Symptome löst er aus?

 

Zwei Experten für Pilzinfektionen geben im Gespräch mit unserer Zeitung Antworten: Oliver Kurzai vom Institut für Hygiene und Mikrobiologie der Universität Würzburg, zugleich Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Invasive Pilzinfektionen (NRZMyk), sowie Oliver Cornely, Leiter des Exzellenzzentrum für invasive Pilzerkrankungen an der Uniklinik Köln und unter anderem Facharzt für Infektiologie.

Warum breitet sich Candida auris gerade jetzt so stark aus?

„Wir wissen nicht, warum Candida auris seit etwa 20 Jahren den Menschen infiziert“, sagt Oliver Kurzai vom Institut für Hygiene und Mikrobiologie der Uni Würzburg. Auch wo diese Hefepilz-Art vorher gelebt hat, sei unklar. „Seit den ersten bekannten Infektionen des Menschen breitet sich der Erreger aber weltweit aus – auch weil er anders als andere Pilze effizient von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.“

Kurzais Kollege Oliver Cornely, Leiter des Exzellenzzentrum für invasive Pilzerkrankungen an der Uniklinik Köln, fügt hinzu, dass auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen können: „Pilze mögen ein warmes, feuchtes Klima“, so der Mediziner. Schon kleine Veränderungen reichten, damit Pilze neue Nischen finden. „Dass Candida auris auf allen Kontinenten den Siegeszug angetreten hat, könnte dafür sprechen, dass der Klimawandel Einfluss hatte.“

Was beschleunigt die Ausbreitung?

In Ländern wie Indien und in einigen südamerikanischen Staaten sei die Expansion auch durch die Corona-Pandemie beschleunigt worden: „Überlastete Krankenhäuser mit zu vielen Patienten und wenig Hygienemaßnahmen ermöglichen es diesem Pilz, sich sehr schnell auszubreiten“, erklärt Oliver Kurzai.

Der Mediziner Oliver Cornely rechnet mit weiteren Infektionswellen durch Pilzarten. Foto: MedizinFotoKöln//Uniklinik Köln

Beide Wissenschaftler betonen: Je mehr Fälle es weltweit gibt, umso öfter wird der Pilz auch nach Deutschland importiert. „Pilze machen vor Grenzen nicht Halt“, fasst Cornely das Problem zusammen.


Wann gab es den ersten Ausbruch in Deutschland?

„Den ersten großen Ausbruch von Candida auris hatten wir hierzulande 2023 – mit über 40 Fällen“, sagt Kurzai. In vergangenen Jahr sei der Pilz bundesweit 77-mal nachgewiesen worden – und damit sechsmal häufiger als in den Vorjahren.

„Wir gehen aktuell mit hoher Sicherheit davon aus, dass es sich um einen realen Anstieg der Fallzahlen handelt und nicht um eine bessere Erfassung.“ Bisher ist dem Referenzzentrum laut Kurzai in Deutschland aber kein Todesfall bekannt, der direkt auf eine Infektion mit dem Hefepilz zurückzuführen ist.

Was macht Candida auris so gefährlich?

„Candida auris schafft etwas, das wir von Pilzen bisher nicht kannten: die Übertragung von Mensch zu Mensch“, sagt Oliver Cornely. Zudem könne der Hefepilz lange auf „unbelebten Oberflächen überleben, etwa auf Türklinken“. Somit kommt es zu Schmierinfektionen. Eine weitere Herausforderung: Candida auris ist gegen viele Medikamente resistent – „und zwar nicht durch die Gewöhnung an Antimykotika, sondern quasi von Geburt an“.

Gesunden Menschen bereite der Pilz in aller Regel keine Problem, selbst wenn ihre Haut oder die Schleimhäute besiedelt sind. „Wir alle haben verschiedene Pilze im Körper. Normalerweise werden sie von unserem Immunsystem ausbalanciert“, erläutert Cornely. Erst eine Infektion mit Candida auris, also das tiefere Eindringen des Pilzes in den Körper, könne gefährlich werden, betonen Cornely und Kurzai – bei einigen Patienten sogar lebensbedrohlich.

Wer ist gefährdet?

„Gefährdet sind vor allem Patienten im Krankenhaus, die bestimmte Risikofaktoren haben“, sagt der Würzburger Facharzt für Mikrobiologie und Virologie. „Dazu zählen etwa langfristige Behandlungen auf der Intensivstation“, so Kurzai weiter. Auch Immungeschwächte, kleine Kinder sowie ältere Menschen haben ein erhöhtes Risiko.

Oliver Kurzai leitet das Nationale Referenzzentrums für Invasive Pilzinfektionen. Foto: Institut für Hygiene und Mikrobiologie/Uni Würzburg/Daniel Peter

In vielen Fällen werde Candida auris aber nur als „Besiedler ohne Krankheitswert“ nachgewiesen – für die betroffene Person ist das erst mal unproblematisch: „Es kann aber zur weiteren Verbreitung des Erregers beitragen.“

Zudem müssten Betroffene damit rechnen, etwa keine Reha zu bekommen, sagt der Kölner Infektiologe Cornely. Denn für Kliniken oder auch Pflegeheime wäre eine Ausbreitung zu gefährlich: „Candida auris ist meldepflichtig. Allerdings nur, wenn der Befall eine Folge von Übertragung in Krankenhäusern und ähnlichen Einrichtungen ist.“ Viele Experten drängen daher auf eine generelle Meldepflicht.

Was richtet Candida auris im Körper an?

„Ein geschwächtes Immunsystems ebnet dem Pilz seinen Weg – tiefer in den Körper“, erklärt Cornely. „Dringt der Pilz ins Gewebe ein, gelangt er irgendwann in ein Blutgefäß, wird dann weiterbefördert und kann so alle Organe befallen“, fügt sein Kollege hinzu.

Besonders gefährlich wird es, wenn Candida auris den Blutstrom infiziert: „Das kann unter anderem zu einer Sepsis führen“, sagt Kurzai. Solche Infektionen sind dann oft schwer zu behandeln, weil der Pilz Resistenzen gegen zahlreiche Mittel aufweist. Besonders bedrohlich: „Bei einigen Stämmen von Candida auris wirkt gar keines der drei Anti-Pilz-Medikamentenarten, die uns zur Verfügung stehen“, sagt Cornely.

Was sind Symptome für eine Infektion?

Wer sich mit Candida auris infiziert, bekommt zunächst oft Schüttelfrost und Fieber. Auch Übelkeit und eine hohe Herzfrequenz können Symptome sein. Was aber alles Anzeichen für viele Krankheiten sein kann. Daraus eine Pilzinfektion abzuleiten, ist somit oft schwierig – und erschwert die Therapie.

Wie lässt sich ein Befall nachweisen?

Besteht Verdacht auf eine Pilzinfektion, wird Blut entnommen und eine Pilzkultur angelegt. Bis ein eindeutiges Ergebnis aus dem Labor vorliegt, können allerdings Tage vergehen. „In dieser Zeit sinkt bei einem infizierten Patienten die Überlebenschance“, sagt Cornely.

Kann man sich schützen?

Sich selbst kann man nicht wirklich individuell schützen, sagen Kurzai und Cornely. Wichtig seien effiziente Infektionsschutzmaßnahmen im Krankenhaus, um eine Weiterverbreitung des Erregers zu verhindern. „Dazu haben wir als Nationales Referenzzentrum Empfehlungen für Krankenhäuser in Deutschland veröffentlicht“, sagt Kurzai.

Cornely hebt hervor, dass das Einhalten allgemein gültiger Hygienemaßnahmen wie regelmäßiges, gründliches Händewaschen dennoch wichtig ist.

Wie sieht die Therapie aus?

Ist klar, dass es sich um eine Pilzinfektion handelt, werden entsprechende Antimykotika gegeben – und zwar nicht zögerlich. „Man fängt am besten breit an, um auf Nummer sicher zu gehen“, betont Cornely. Denn die Mittel sind nicht bei allen Pilzinfektionen gleichermaßen wirksam. Wissenschaftler drängen daher auf die Entwicklung neuer Medikamente. Bisher werde dies vernachlässigt, so die Kritik.

Wie müssten die Gesundheitsbehörden reagieren?

„Aus meiner Sicht spielen die Gesundheitsämter eine ganz wichtige Rolle, etwa weil sie einen kurzen Draht zu uns als Nationalem Referenzzentrum haben“, so Kurzai.

Cornely stimmt dem zu. Auch weil der Erreger neu und der Umgang damit an so mancher Stelle noch nicht so bekannt sei. Zudem hält er einen offenen, offensiven Umgang mit der Problematik für zwingend – ohne Stigmatisierung.

Sind Pilze eine unterschätzte Gefahr?

„Invasive Infektionen durch Pilze sind sehr viel seltener als bakterielle und virale Infektionen“, schränkt Kurzai ein. Aber es sei schon so, dass die Zahl der Risikopatienten zunehme, etwa durch die wachsende Zahl älterer Patientinnen und Patienten. „Und wir sehen bei den Pilzen in den letzten Jahre eine erstaunliche Dynamik. Das hatten eigentlich die wenigsten Experten erwartet.“

Was könnte uns von Pilzen noch alles drohen?

„Pilze bilden ein eigenes Reich mit über drei Millionen Arten – die meisten sind noch gar nicht entdeckt“, erklärt Cornely. Klar sei deshalb: „Die nächsten Infektionswellen stehen an oder sind sogar schon da.“ Ein hohes Risiko berge etwa der hochresistente Hefepilz Candida parapsilosis, der Wund- und Gewebeinfektionen sowie Blutvergiftungen auslösen kann.

„Resistenzentwicklung spielt bei Pilzen mittlerweile eine wichtige Rolle. Das galt früher als nahezu ausgeschlossen“, ergänzt Kurzai. Viele Pilze seien auch in der Lage, von anderen Wirtsorganismen plötzlich den Menschen zu infizieren: „In Brasilien etwa gibt es Probleme mit einem Pilz namens Sprothrix, der von Katzen auf den Menschen übertragen wird. Und in den USA verbreitet sich Coccioides immitis, der Erreger des Valley-Fever. Also einige Baustellen, an denen wir als Nationales Referenzzentrum aufmerksam sein müssen.“

Haben Pilze dennoch medizinischen Nutzen?

„Pilze an sich bringen uns Menschen gesundheitlich nichts“, sagt Cornely. Dennoch hätten sie Potenzial, so der Experte für Pilzerkrankungen – als reine Pilzprodukte oder auch chemisch modifiziert. Das Antibiotikum Penicillin etwa basiert auf dem Wirkstoff eines Schimmelpilzes.