Im Rahmen der Feierlichkeiten zum 150-jährigen Jubiläum der geschichtsträchtigen Calwer Bildungseinrichtung warf Geschichtslehrer Andreas Kuhn einen weiten Blick zurück – bis zu den Anfängen, bevor die Schule ihren heutigen Namen trug.
Ehemalige Schüler und Lehrer des Hermann-Hesse-Gymnasiums feierten an drei Tagen das 150-jährige Jubiläum der geschichtsträchtigen Calwer Bildungseinrichtung. Mit einem Festvortrag zur Schulgeschichte fand alles seinen würdigen Abschluss.
Schulleiter Markus Köcher freute sich, den Calwer Oberbürgermeister Florian Kling begrüßen zu dürfen, der sich als interessierter Zuhörer unter das Publikum gemischt hatte.
Tags zuvor traf man sich zum großen „Ehemaligentag“, bei dem „wir uns auf einer emotionalen Ebene an die Schulgeschichte erinnerten“.
Vollkommen überrascht war man hier über den Besuch einer Abiturientin, die 1949, also vor 75 Jahren das Abitur gemacht hat. Da hieß unsere Schule noch nicht einmal Gymnasium“, staunte der HHG-Chef.
Reise durch die Zeit Andreas Kuhn, Geschichtslehrer am HHG, schaffte es auf unterhaltsame Weise, die Zuhörer auf einen gedanklichen Weg von der Zeit des Kaiserreiches (1874-1914), über den ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik (1914-1923) in die Epoche des Nationalsozialismus (1933-1945) zu führen. Um dann die Gegenwart von 1945 bis heute zu beleuchten.
War der chronologisch aufgebaute Exkurs mit Informationen gespickt, die manch ein Zuhörer noch nicht kannte, wurde im Auditorium die eine oder andere Erinnerung aus der eigenen Schulzeit wach. Da war es egal, ob man als ehemaliger Schüler oder Lehrer zuhörte.
Der Beginn Los ging die Reise durch eineinhalb Jahrhunderte mit dem Blick auf ein Klassenfoto einer Schulklasse des damaligen Calwer Realprogymnasiums. Dort posierten ausschließlich Schüler männlichen Geschlechts mit Matrosenmützen auf dem Kopf.
Das heutige HHG-Gebäude auf dem Schießberg gab es dort noch gar nicht. Jenes wurde nämlich vor exakt 100 Jahren bezogen. Zuvor war für die Schüler das heutige Gebäude der Volkshochschule sowie das heutige Verwaltungsgebäude der Stadt Calw in der Salzgasse 10 Schulheimat.
Der Name Kuhn klärte auf, dass man, möchte man historisch korrekt sein, nicht das Jubiläum „150 Jahre Hermann-Hesse-Gymnasium“ feiert. Denn vor 150 Jahren lebte der Namensgeber Hermann Hesse (Geboren 1877) noch gar nicht. Ferner hieß man erst ab 1967 „HHG“. Vielmehr fand 1874 der Zusammenschluss der Lateinschule und der Realschule zum Reallyceum statt.
Der Zeitgeist Der Vortrag machte deutlich, dass in allen Zeitzonen die jeweils gesellschaftlich und politisch gefärbte Einstellung und Machtverteilung das Schulwesen prägte. Kuhn zeigte auf, wie Schule war, was sie bedeutete, welche Aufgaben sie sich setzte und welche Wertstellung sie, jeweils der Zeit entsprechend, innehatte.
Wurde anfangs noch Schulgeld erhoben und dadurch „sozial Unterprivilegierte“ ferngehalten, missbrauchten die Nazis die Schulen für ihre Indoktrination.
Die Recherchen Kuhn referierte auf einer Basis eigener, umfangreicher Recherchen, gestützt auf einen üppigen Schatz geschichtlicher Aufschriften, Quellen und Dokumente aus Archiven verschiedener Institutionen. Recherchen, die bis ins Staatsarchiv Ludwigsburg führten. Es wurde offenbar, dass ein Schüler namens Hermann Hesse gerade in dem Fach „Schönschrift“ eine sehr Bewertung erhielt.
Kuhn zitierte aus dem von Peter Epple und Klaus Dengler herausgegebenen Büchlein „Calw 1932 – 1945 – Zwei Zeitzeugen erinnern sich“. Am Beispiel des Calwer Jungen Theo Schnürle, selbst im Verdacht, zeitweise vom Nationalsozialismus fasziniert gewesen zu sein, erfährt man, wie dieser seine Schulzeit am Schießberg erlebte. Mit der Schule habe die nationalsozialistische Bewegung leichtes Spiel gehabt, da die meisten Lehrer am Calwer Realprogymnasiums konservativ und deutschnational eingestellt waren. „Der damals zur Pflicht bestimmte Hitlergruß wurde von manchen Lehrern mit großer Überzeugung ausgeübt.“
Die neuere Zeit Für die neuere Zeit arbeitete Kuhn neben Festschriften und Jahrbüchern niedergeschriebene Texte der Schüler in den Vortrag hinein. Schülerzeitschriften zeigen, welch Geistes Kind manch ein Autor beim Verfassen seines Textes war.
So wurde in den 1960er-Jahren Kritik am Vorgehen der USA in Vietnam geübt, indem verstörende Bilder verletzter amerikanischer Soldaten abgelichtet wurden.
Es wurde ein fiktives Interview mit Franz-Josef Strauß geführt und Che Guevara mutierte zum Idol der damaligen Schülermitverwaltung.
Ein Dokument aus dem Jahr 1967 zeigte, dass Gendern keine Erfindung von heute ist. In einer satirischen „Schulordnung“ (Die Schule dient der Erholung) wurde das Wort „Lehrer“ nachträglich und handschriftlich mit „und Lehrerinnen“ ergänzt.