Calw wird durch das Ende alter Häuser sein Gesicht verlieren – so argumentiert der Eigentümer eines Fachwerkhauses in der Calwer Innenstadt gegen den Abriss eines Gebäudes direkt neben seinem eigenen. Und das ist nicht seine einzige Sorge. Der Mann richtet sich vor der nächsten Sitzung des Bau- und Umweltausschusses mit einem flammenden Appell an die Mitglieder des Gremiums.
Calw - Was ist die schönste Stadt "zwischen Bremen und Neapel, zwischen Wien und Singapore"? Für Hermann Hesse war das offenbar klar: "Calw an der Nagold, ein kleines, altes, schwäbisches Schwarzwaldstädtchen". Mit diesen berühmten Zeilen Hesses beginnt auch ein Schreiben von Thomas Kubisch. Ein Schreiben, das er vor Kurzem den Calwer Gemeinderäten zukommen ließ. Der Inhalt: "ein flammendes Plädoyer" für den Erhalt der Gebäude Inselgasse 3 und 5. Kubisch ist der Eigentümer des Hauses mit der Nummer 3. Nummer 5 soll abgerissen werden.
In der jüngsten Sitzung des Bau- und Umweltausschusses der Stadt Calw Mitte Mai war jenes Abbruch-Vorhaben vorgestellt worden. Inan Akbal, Eigentümer von Haus 5, hatte von Schimmel, Rissen in den Wänden und einem undichten Dach berichtet. Und dass das Haus in Richtung Inselgasse 7 zu kippen scheint. Dass zwischen den zusammenhängenden Gebäuden 3 und 5 ein breiter Spalt klaffe.
Wegen all dieser Mängel hatte er die Sorge geäußert, dass das Bauwerk nicht mehr stabil sei. Nicht zuletzt könne es im gegenwärtigen Zustand weder vermietet noch verkauft werden. Es bleibe nur Renovierung oder Abriss. Eine Kernsanierung würde jedoch mit mindestens rund 650.000 Euro zu Buche schlagen und sei wirtschaftlich nicht tragbar. Daher möchte Akbal abreißen und an selber Stelle neu bauen.
Kubisch ist von dieser Idee alles andere als begeistert – und das gleich aus mehreren Gründen. So fürchtet er beispielsweise, dass auch sein Gebäude "großen Schaden nehmen könnte, wenn Haus Nummer 5 abgerissen wird", da die beiden Bauwerke sich ohne Zwischenraum berühren, heißt es in dem Schreiben. Dies habe er bereits bei seinem Einspruch an Oberbürgermeister Florian Kling ausgeführt. Und mit Gebäude Nummer 3 zeigt Kubisch sich auch emotional verbunden. "Denn in diesem Gebäude hat meine verstorbene Gattin Gisela einst ihr Modegeschäft ›Selection‹ jahrelang erfolgreich betrieben. Und immer wieder, wenn ich Besuch aus Australien habe, zieht es uns nach Calw in die Inselgasse."
Flammendes Plädoyer
Nicht zuletzt stellen die Häuser 3 und 5 für ihn ein Ensemble aus wunderschönem Fachwerk und mit besonderem Baustil dar. Da das Thema "Abriss von Nummer 5" nun am 17. Juni erneut im Ausschuss behandelt werden soll, "wende ich mich an Sie als politische Vertreter der Stadt, um ein flammendes Plädoyer für die Erhaltung der beiden Häuser als Gesamtensemble zu halten", schreibt er an die Gemeinderäte. "Denn wenn alle alten Häuser sukzessive im traditionsbewussten erweiterten Calwer Stadtkern verschwinden, bleiben für die Nachwelt immer weniger symbolische Häuser übrig, die unsere Kinder und Enkel daran erinnern, wie die Stadt vor 100 Jahren ausgesehen hat."
Seiner Ansicht nach könne heutzutage jedes Gebäude saniert werden. In seinem Heimatort Wiernsheim sei beispielsweise ein altes Pfarrhaus aus dem Jahr 1720 vor 20 Jahren zu einem Museum umgebaut worden.
Die Gebäude Inselgasse 3 und 5 könnten ein ähnliches Alter haben; im Brunnenplan aus dem Jahre 1781 sind die Bauwerke jedenfalls bereits eingezeichnet. Trotzdem stehen beide Häuser nicht unter Denkmalschutz, weil im Laufe der Zeit zu viel umgebaut und modernisiert worden sei, hatte Oberbürgermeister Kling erläutert. Ein Abriss von Nummer 5 ist insofern zulässig.
In der jüngsten Sitzung des Bau- und Umweltausschusses hatte sich am Ende abgezeichnet, dass das Gremium erst über einen Abriss entscheiden könne, wenn die Neubauplanung ausreichend konkret sei. Sollte dieser Neubauvorschlag überzeugen, steht wohl der Abriss an. An diesem Donnerstag, 17. Juni, wird das Gremium erneut diskutieren.