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Calw Wolfgang Ambros beim Klostersommer in Hirsau

Von
Foto: Thomas Fritsch

Calw - Es war sicher für manche eine Schrecksekunde, als Wolfgang Ambros auf die Bühne schlich, ja humpelte. Es entstand der Eindruck, dass ein Greis das Podium betritt – und das mit gerade mal 63 Jahren.

Nun, das verflüchtigte sich schnell, als Ambros zu singen begann. Da war sie sofort da, dieser unverwechselbare, brüchige Stimme. Die zuweilen in einen Sprechgesang verfällt, die in den Höhen schon auf fast geniale Weise versucht, den Ton zu halten. Die Stimme mag im Alter vielleicht noch besser, auf jeden Fall authentischer geworden sein. Am Ende jedenfalls feierte das restlos ausverkaufte Kloster den Wiener Liedermacher minutenlang mit stehenden Ovationen.

Da war die Gebrechlichkeit des Musikers, Texters und Komponisten vergessen. Sein schlechter gesundheitlicher Zustand rührt von einer schweren, mehrstündigen Hüftoperation im vergangenen Jahr her. Bis vor kurzem ging Ambros am Stock.

Das hat sich auch zuweilen in seinen Auftritten niedergeschlagen. Im Juni sei er, so schreiben "Münchner Merkur" und "Abendzeitung" in der bayerischen Landeshauptstadt nuschelnd und mit glasigem Blick auf der Bühne gestanden.

Davon in Calw keine Spur. Das Urgestein der Wiener Szene unterhielt sein Publikum vortrefflich. Dazu mag beigetragen haben, dass auch Ambros, wie schon vielen Künstlern zuvor, das Ambiente in Hirsau ausnehmend gut gefallen hat. Für ihn "ein Ort der Magie".

Die ganze Bandbreite seines Schaffens war zu hören. Sozialkritisches wie im "Ignorantenstadl" oder in der Obdachlosen-Ballade "Die Kinettn, wo i schlof". Dann seine Liebeslieder. Er nennt sie Schnulzen oder "was fürs Herz". Vieler dieser Songs sind mehr als das. Auch in der Rockmusik gibt es kitschige Balladen. Da spricht Ambros eine andere Sprache. Die Texte sind wie aus dem Leben gegriffen. Viele dürften sich wieder erkennen. So wie er seine "Erste große Liebe" als 14-Jähriger schildert. Oder die Frau, die nach einem leidenschaftlichen One-Night-Stand das Bett verlassen hat und verschwunden ist. "Von Liebe ka Spur" – was bleibt ist der Duft des Parfums, eine halbe Flasche Sekt, die in der Ecke steht. Den faden Nachgeschmack versucht man beim Zähneputzen zu beseitigen. Es sind Lieder von bitter-süßer Melancholie.

Oder seine Covers. Vor allem die von Bob Dylan, dem Ambros vor Jahrzehnten eine kongeniale Platte mit ins Wienerische transferierten Texten gewidmet hat. In Calw waren "Corinna, Corinna" und "Wahre Liebe" ("Love Minus Zero/No Limit") zu hören. Fast noch besser: Seine Version des Kinks-Hits "Sunny Afternoon". Da zeigt sich auf verblüffende Weise, wie gut sich der Sarkasmus in den Texten von Ray Davies in den Schmäh von Ambros’ Heimatstadt übertragen lässt. Seine Übersetzung erzählt auf vortreffliche Weise die Geschichte des ewig scheiternden Wiener Stenz.

Und Mensch möchte er bleiben, bekundet Ambros im gleichnamigen Lied. Nicht zur Nummer möchte er werden. Dazu passt "Schaffnerlos", wo der Mensch "durch a Kastl aus Metoi" ersetzt wird. Damit hat sich der Liedermacher schon in den 70er-Jahren beschäftigt. In Zeiten von Digitalisierung und Globalisierung ist das heute mehr denn je Thema.

Und dieser Liedermacher wäre kein Wiener, würde er sich nicht mit Tod und Suizid beschäftigen, wie in "Gezeichnet fürs Leben". "Der Tod, das muss ein Wiener sein", haben schon vor Ambros’ Zeit Topsy Küppers und Georg Kreisler gespottet.

Wer die ganz großen Kracher von Wolfgang Ambros hören wollte, musste bis zum Schluss warten. Viele Künstler verteilen ihre bekanntesten Titel fein säuberlich über das Konzert, heben sich ein oder zwei Hits bis zum Ende und für die Zugaben auf. Nicht so Ambros. "Zwickts mi", "Da Hofa", "Es lebe der Zentralfriedhof" und "Skifoahrn" – das alles gab es erst im zweiten Zugabeblock zu hören. Der Begeisterung des Publikums hat das keinen Abbruch getan. "Bis zum nächsten Mal", rief Ambros ins Auditorium. Er glaube schon, dass es ein solches gebe. Hoffentlich in besserem gesundheitlichem Zustand.

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