Was braucht es für eine Gartenschau? Darüber machen sich Verwaltung und Bürger Gedanken. (Symbolbild) Foto: Julian Stratenschulte/Archiv/dpa

Verwaltung, Gemeinderat und Bürger ziehen bei Großprojekt an einem Strang. Ideenaustausch steht am Anfang.

Calw - Bis zu einer Gartenschau ist es ein weiter Weg. In Calw wurde am Wochenende mit einem Austausch von Ideen dazu nun ein erster Schritt gemacht. Und Oberbürgermeister Ralf Eggert ist überzeugt: "Es wird am Ende eine ganz andere Stadt sein, wie wir sie heute haben", wenn dieses Ziel nur konsequent genug verfolgt werde.

Eine Hängebrücke vom Landratsamt zum Gimpelstein. Eine Seilbahn vom ZOB-Bahnsteig bis auf den Wimberg, die sich allein wegen der etlichen Berufsschüler lohnen könnte. Ein Bikerpark von Oberreichenbach nach Bad Liebenzell.

Einige der Vorschläge für die Zukunft der Stadt und der Region, die am Samstagvormittag geäußert wurden, klingen schon recht abenteuerlich. Und wie realistisch diese Visionen sind, wird wohl erst die Zukunft zeigen.

Sie zeigen jedoch eindrücklich, welche Leidenschaft und Aufbruchstimmung bei der Klausurtagung im Hirsauer Kursaal zu spüren waren, als Gemeinderat, Verwaltung und Bürger über die touristische Zukunft Calws sinnierten – bei einem völlig freien Austausch, bei dem Machbarkeit oder Finanzierung erst mal unberücksichtigt bleiben durften.

Gedankenspielereien, die jedoch auf ein greifbares Ziel gerichtet waren: eine Gartenschau auszurichten, die der Stadt ein neues Gesicht verleihen könnte. Denn eine Gartenschau ist viel mehr als nur eine "Blümles-Schau". Und Tourismus ist ein wichtiger Faktor für Städte und Regionen. Das zeigten gleich zu Beginn die Impulsvorträge von Menschen, die es wissen müssen.

Impulsvorträge

René Skiba, Geschäftsführer der Tourismus GmbH Nördlicher Schwarzwald, ging auf die Bedeutung von Tourismus als Wirtschaftsfaktor ein. Und wies darauf hin, dass Freizeitangebote, die Auswärtige anlockten, auch Einheimischen zugute kommen.

Urs Müller-Meßner, Geschäftsführer Kienleplan GmbH, gab Einblick in die Arbeit seiner Landschaftsarchitektur-Firma, die in diesem Jahr unter anderem an der Umsetzung der Remstal Gartenschau beteiligt ist – und machte deutlich, dass hübsche Blüten im Grunde nur einen recht kleinen Teil solcher Veranstaltungen ausmachten. Denn die Zielsetzung sei dabei vor allem, Städte und Regionen nicht nur kurz-, sondern langfristig aufzuwerten und durch bleibende Bau- und Pflanzprojekte die Lebensqualität zu verbessern. Flüsse oder Bäche, Grünflächen, Geh- und Radwege würden dauerhaft miteinander vernetzt, brach liegende Areale renaturiert und mit attraktiven Freizeitangeboten bestückt oder zu Naherholungsgebieten umgestaltet. Kurz gesagt: Eine Gartenschau öffne "einige Türen, um Entwicklungen anzuschieben", erklärte Müller-Meßner.

Mühlackers Bürgermeister Winfried Abicht konnte ihm da nur beipflichten. In Mühlacker war im Jahr 2015 eine Gartenschau ausgerichtet worden – mit enormen Folgen für die Stadt, berichtete Abicht. Städtebauliche Missstände seien beseitigt und ein ansehnlicher Stadtpark geschaffen worden, den es zuvor in dieser Art nicht gab. "Man sucht nach Orten, die noch Un-Orte sind", erklärte der Bürgermeister – gewissermaßen "Schandflecke" einer Stadt, die durch eine Verschönerung ihr Potenzial entfalten können. Die Gartenschau zeige am Ende nur das "Konzentrat aller Bemühungen", sie sei ein Schaufenster für das, was tatsächlich erreicht wurde. Für die bleibenden Werte, von denen die Bürger profitierten. "Es geht nicht nur um das tolle Jahr der Gartenschau", unterstrich er. Sondern um den Mehrwert, der durch die auf Dauer angelegten Grünanlagen oder die Renaturierung eines Flusses für viele Jahre entstehe. Rund 8,6 Millionen Euro seien für diese dauerhaften Anlagen fällig geworden, etwa 4,1 Millionen Euro bezahlte die Stadt, der Rest wurde über Fördergelder finanziert. Die laufenden Kosten von rund 4,9 Millionen Euro seien bis auf etwa 600 000 Euro über Eintrittsgelder, Sponsoren oder Spenden abgedeckt worden.

Sollte Calw den Zuschlag für eine Gartenschau bekommen, dürfte es allerdings teurer werden, schätzt Eggert. Im Gespräch mit unserer Zeitung führte er aus, dass das Areal in Mühlacker vergleichsweise klein gewesen sei. Dort habe es sich um eine eher konzentrierte Stadtentwicklungsmaßnahme gehandelt; in Calw schwebe ihm dagegen vor, die Stadt von einem Ende zum anderen komplett zu verschönern.

Ideen sammeln

Wie das alles gelingen könnte, das war nach den Vorträgen die Sache des Publikums. Rund 50 Bürger und Kommunalpolitiker waren gekommen, um sich daran zu beteiligen. In drei Gruppen wurden knapp zwei Stunden lang Ideen gesammelt, Projekte vorgeschlagen und aufgezeigt, was es alles noch zu tun geben wird, um Calw voranzubringen.

Am Ende stand ein grobes Konzept von einer Gartenschau, die interkommunal veranstaltet werden und von Bad Liebenzell bis Kentheim oder darüber hinaus reichen könnte – entlang der Nagold, aber auch vom Tal bis auf die Höhen hinauf, vom Schwarzwald zum Gäu und wieder zurück. Dazu braucht es dann auch ein Konzept, wie die Besucher an die verschiedenen Orte gelangen können – unter anderem durch vernetzte Rad- und Gehwege oder öffentliche Verkehrsmittel. Es gelte, die Bürger frühzeitig einzubinden, die Eigentümer wichtiger Grundstücke ins Boot zu holen und auch brach liegende Flächen wie das Bauknecht- oder das Deckenfabrikareal zu berücksichtigen. Ein Skaterpark in Hirsau sei ebenso denkbar wie eine Wiederbelebung des Calwer Floßes, ein Walderlebnispfad oder ein Bootsverleih an der Nagold.

So geht es jetzt weiter

Bis es so weit ist, gibt es nun jedoch erst mal allerhand zu tun. Im Laufe dieses Jahres, so führte Eggert aus, sollen die gesammelten Vorschläge und Ideen geprüft, strukturiert und angegangen werden. Wichtig war ihm dabei aber, dass es kein Schnellschuss werden dürfe; eine Bewerbung für eine Landesgartenschau in den Jahren 2031 bis 2035 – die noch in diesem Jahr eingereicht werden müsste – scheint daher weniger wahrscheinlich; vermutlich wird letztlich wohl eher der Zeitraum 2036 bis 2040 angepeilt.

Eggert fürchtete jedoch, sollte im Vorfeld nicht sauber geplant und sorgfältig ein Konzept ausgearbeitet werden, könnte eine Bewerbung scheitern – und sich so negativ auf die Motivation aller Beteiligten auswirken. "Typisch Calw", könnte es dann schnell wieder heißen.

Insgesamt bezeichnete er das Projekt Gartenschau als ein "greifbares Ziel", dass die Calwer "hinkriegen können und hinkriegen werden". Insofern könne er auch nur "jeden ermuntern, ab sofort mitzumachen". Letztlich ginge es immerhin um nichts anderes als die Frage, "wie wir die Stadt der Zukunft bauen wollen".