Stihl-Aufsichtsratsmitglied Rüdiger Stihl schildert EU-Kommissar Michel Barnier (sitzend Mitte) die Probleme seines Unternehmens mit Produktpiraterie. Daniel Caspary (hinten stehend) hatte das Gespräch vermittelt. Foto: Bernklau Foto: Schwarzwälder-Bote

Ein Tag mit dem Europaabgeordneten Daniel Caspary (CDU) in Straßburg / Strippenzieher in einem der wichtigsten Ausschüsse

Von Sebastian Bernklau Nordschwarzwald/Straßburg. Am Anfang war Europa für Daniel Caspary eher ein Unfall. Inzwischen zieht der 38-Jährige, der die Region im Europaparlament vertritt, für seine Fraktion die Strippen in einer der wichtigsten Ausschüsse überhaupt. Doch Caspary ist noch lange nicht am Ziel. Selbstbewussten Schrittes eilt Daniel Caspary durch die Flure des Europaparlaments in Straßburg. Mit dabei hat er neben Unterlagen und Smartphone einen blauen Zettel. Da stehen Dinge drauf, die er an diesem Tag "so im Vorbeigehen" erledigen will.

"Ich nenne das ›management by walking‹, eine Kunst, die man im Europaparlament beherrschen muss", erzählt der gebürtige Karlsruher und muss lachen. "Man muss einfach wissen, welchen wichtigen Ansprechpartner man wann auf welchem Flur trifft, um Sachen auf dem kurzen und direkten Weg zu lösen", erzählt er auf dem Weg zu einem Treffen mit Binnenmarkt-Kommissar Michel Barnier aus Frankreich und dem Chef des Waiblinger Motorsägen-Unternehmens Stihl, Nikolas Stihl, das Caspary in die Wege geleitet hat. Es soll um Produktpiraterie gehen.

Kontakte knüpfen, Strippen ziehen und Politik machen auf den Parlamentsfluren Europas – nicht immer gingen Caspary diese Dinge so leicht von der Hand wie jetzt. Und es war auch eher ein Zufall, dass er an diesem Platz gelandet ist. Caspary redet sogar von einem "Unfall". "Eigentlich wollte ich in die Kommunalpolitik", erzählt der gelernte Volkswirt und Vater von vier Kindern.

Anfangs geht es auch in diese Richtung. 1999 zieht er in den Stadtrat der 24 000-Einwohner-Stadt Stutensee bei Karlsruhe ein. Da ist Politik noch so etwas wie ein Hobby und Ehrenamt für ihn. Als es vier Jahre später in der Region um die Nominierung der Kandidaten für die Europawahl geht, ist er dabei, aber das eher zufällig. "Für mich war Europa damals weit weg, eine ›black box‹", erinnert er sich. Doch dann springt ein Kandidat nach dem anderen ab. Langsam reift die Erkenntnis: "Dann mach ich es halt." Am Ende setzt er sich gegen vier Konkurrenten durch, zieht 2004 mit 28 Jahren ins Europaparlament ein. Es dauert eine Weile bis er sich zurechtfindet in Straßburg und Brüssel. "Die ersten Jahre fliegen an dir vorbei, man weiß nicht, warum was passiert", erinnert er sich. Bald versteht er, dass vieles genauso ist wie in Deutschland. Die Kommissare entsprechen den deutschen Ministern, Europarat und Europaparlament entsprechen auch ihren deutschen Pendants. "Das war ein echter Aha-Effekt, als ich das kapiert habe." Und trotzdem: "Erst nach drei Jahren beginnt man Einfluss zu nehmen."

Caspary lernt schnell hinzu. Schon 2009 macht ihn seine EVP-Fraktion, zu der deutsche CDU-Abgeordnete zählen, zum Sprecher im Ausschuss für Internationalen Handel. Dort erwirbt er sich schnell einen Ruf. Er zeigt, dass er Abstimmungen für seine Fraktion gewinnen kann, dass er den eigenen Laden im Ausschuss zusammenhalten ("Gegen uns geht im Ausschuss nichts") und Stimmen von außen generieren kann. Da kann es sein, dass man mit dem politisch Näherstehenden schlechter zurecht kommt als mit anderen. "Mit britischen Sozialisten ist es einfacher als mit französischen Konservativen", sagt Caspary und beschreibt damit ein Stück weit das Prinzip im Europaparlament: "Hier geht es nicht darum, andere zu ärgern, um Klein-Klein, sondern darum, einen Konsens zu finden, mit dem die meisten leben können". Vieles geht locker über Parteigrenzen hinweg. Da kann es sein, dass Caspary auch mit dem deutschen Kollegen von der Linkspartei stimmt und der mit ihm. "Es gibt hier keine Koalitionen und ständig wechselnde Mehrheiten", erzählt Caspary.

Das zeigt sich auch an diesem Tag im Straßburger Europaparlament. An diesem Sitzungstag, der um 9 Uhr beginnt und bis 23 Uhr terminiert ist, stimmen die Abgeordneten, die fast vollzählig im Plenum anwesend sind, fast im Fließbandbetrieb über eine enorme Zahl an Gesetzen und Berichten ab – vom Fischereiabkommen mit den Seychellen bis zum Umgang mit den Flüchtlingen auf dem Mittelmeer. Doch Abstimmungsergebnisse, die sich gleichen, gibt es so gut wie keine, nur selten stimmen Fraktionen komplett geschlossen ab.

Seine eigene Fraktion – beziehungsweise deren Mitarbeiter, die aus Rumänien, Polen, von der ungarischen Minderheit in Rumänien und Spanien kommen – hat Caspary in einer lockeren Vorbesprechung in der Caféteria auf die Abstimmungen über die Themen, die seinen Ausschuss betreffen, eingestellt. Und sein Ausschuss "Internationaler Handel" hat inzwischen sehr viele Gesetzesvorhaben zu behandeln.

"Früher war der Ausschuss einer von der Resterampe, inzwischen ist er einer der wichtigsten", sagt Caspary nicht ohne Stolz. Doch den lässt er sich nicht zu Kopfe steigen, denn er weiß: "Wer hier die Nase zu hoch trägt, der fällt auf dieselbe."

Und so ist die Stimmung in den Fluren des Parlaments eine lockere. Ein kurzer Plausch mit einem Kollegen von der Linkspartei hier, ein Handschlag mit dem neuen französischen Europaminister da bis hin zum Kontakt mit dem finnischen Außenminister sind Beweis genug. Im Gegensatz dazu kommen die Lobbyisten, vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), die Caspary an diesem Tag auch noch trifft, fast schon als steife Fremdkörper daher.

Keine Fremdkörper sind für Caspary die Besuchergruppen, die bei ihm zu Gast sind. An diesem Tag sind es CDU-Mitglieder aus Hockenheim, denen der Abgeordnete locker flockig und informativ Rede und Antwort steht. Zu diesem Zeitpunkt ist sein Arbeitstag schon neun Stunden alt und noch lange nicht zu Ende. Der geht nicht selten von 8 bis 23 Uhr.

Trotzdem hat Caspary noch lange nicht genug. Er will sogar noch mehr. Denn sollte er auch im nächsten Europaparlament sitzen, will er auch noch im Auswärtigen Ausschuss sitzen – wenn auch nur als Stellvertreter. Damit sein Ziel von einer gemeinsamen Außenpolitik Europas, einer gemeinsamen Armee und einem gemeinsamen Außenminister Realität wird.

Aus dem, für den Europa einmal ein Unfall war, ist also ganz offensichtlich ein echter Europa-Fan geworden