Heimatgeschichte: Auch in Calw gingen Unternehmer lange Zeit der Siederei nach / Gestank beklagt

Seife ist das älteste und wichtigste Mittel zur Reinigung der Hände. Selten war sie so wertvoll wie heute in Zeiten des sich rasant verbreitenden Coronavirus. Auch in der Stadt Calw ging man früher der Seifensiederei nach.

 

Calw. Händewaschen, zu Hause bleiben sowie einen Sicherheitsabstand einzuhalten werden die Menschen in diesen Tagen immer wieder angehalten, um die Verbreitung des Coronavirus zu minimieren. Dabei ist es wichtig, die Hände mindestens 20 Sekunden lang zu waschen und dafür braucht man Seife.

Die erste bekannte Seifenrezeptur stammt von den Sumerern und ist mehr als 4000 Jahre alt. Sie erkannten, dass Pflanzenasche mit Ölen vermischt besondere Eigenschaften hat. Sie verwendeten sie aber vorerst als Heilmittel bei Verletzungen, weil sie vermutlich den reinigenden Effekt des alkalischen Gemisches übersahen. Erst die Römer erkannten die reinigende Wirkung der Seife. Im Mittleren Osten wurde im 7. Jahrhundert nach Christus erstmals Öl und Lauge miteinander verkocht und damit die Seife in ihrer heutigen Form geschaffen.

Seifen werden im industriellen Verfahren in der Regel unter Verwendung von pflanzlichen oder tierischen, meist minderwertigen Fetten, hergestellt – im Gegensatz zur Naturkosmetik, die sich steigender Nachfrage erfreut und in der meist hochwertige Produkte verwendet werden.

In Calw bediente die Anfang des 19. Jahrhunderts entstehende Seifenfabrikation vorwiegend die Textilindustrie, wo zum Walken der wollenen Tücher große Mengen an Seife benötigt wurden. Die Calwer Seifenherstellung war bald von hoher Qualität. Insbesondere die von Seifensieder Friedrich Gruner hergestellten Palmölseifen waren über Württemberg hinaus bei Tuchfabriken beliebt und geschätzt. Gruner übernahm um 1850 eine Seifen- und Lichterfabrik in Esslingen, verließ Calw und verdrängte die hiesigen Walkseifen mehr und mehr von den überregionalen Märkten.

Geruchs-Wolke legt sich über die Stadt – Zeugen sprechen von scheußlichem Erlebnis

In Calw war fortan dieses Gewerbe vor allem mit dem Namen Schlatterer verbunden. Christian Schlatterer gründete 1824 eine Seifen- und Lichterfabrik und stellte dort weiße und graue Kernseife erster und zweiter Sorte, sowie Schmierseife und Talglichter her. Die Firma hatte damals ihren Sitz in der "engen" Nonnengasse, im Volksmund auch Dreckgässle genannte, wie die heutige Torgasse bis 1926 hieß. Sein Sohn Gustav Schlatterer, ein einflussreicher Kopf im Calwer Wirtschaftsleben, wandte sich um 1870 zusätzlich dem Handel mit Petroleum zu, da mit dem Aufkommen anderer und besserer Lichtquellen die Nachfrage von Talglichtern stark zurückging. Später verlegte das Unternehmen seinen Sitz in die untere Lederstraße 39/43. Inhaber waren jetzt die Herren Kohler und Sackmann, Enkel des Firmengründers.

"Calwer Seifenpulver – nach wie vor das beste und billigste Waschmittel" – mit diesem Slogan warb man 1924. Kern- und Schmierseifen, Feinseifen sowie Seifenpulver wurden ebenfalls produziert und fanden Absatz im ganzen süddeutschen Raum. Mitte der 1950er-Jahre stellte die Firma ihren Betrieb ein. Auch Reinhold Hauber aus der Kronengasse ging lange Zeit diesem Gewerbe nach.

Die Seifensiederei war mit erheblich stickigen Gerüchen verbunden. So schrieb der Althengstetter Unternehmer Heinrich Perrot (1900-1975) in Erinnerungen an seine Jugendzeit in Calw, die dem Stadtarchiv vorliegen: "Bei uns in Calw aber, verbreiteten die beiden Siedereien bis 1925 einen pestilenzalischen Gestank, der sich wie eine scheußliche Wolke auf die unteren Teile der Stadt legte, so dass man vor Husten und Erbrechen nicht mehr zum Atmen kam. Immer dann, wenn ein neuer Sud, bestehend aus Kutteln, altem Fleisch und tierischen Abfällen sich im großen Kessel zu echter Kernseife verwandeln sollte".