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Calw Pflegeheim testet künstliche Intelligenz

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Im Haus auf dem Wimberg sollen neue Technologien erprobt werden. Foto: Kunert

Calw-Wimberg - Mitte Juli startet im Haus auf dem Wimberg ein Pilotprojekt, bei dem neue Möglichkeiten der Digitalisierung im Alltag eines Alten- und Pflegeheims in der Praxis getestet werden sollen. Dazu zählen nicht nur innovative Apps zur Sturzprävention und intelligente Schuhsohlen, sondern auch gestenbasierte Videospiele.

Die Evangelische Heimstiftung als Träger der Einrichtung auf dem Wimberg präsentierte jüngst im Haus auf dem Wimberg die einzelnen Bausteine dieses Projektes. Aufgrund der demografischen Entwicklung und einer immer älter werdenden Gesellschaft wird die Pflege zu einer der wichtigsten Zukunftsbranchen. Allerdings fehlen bereits heute rund 25 000 Pflegefachkräfte, um mit dieser gesellschaftlichen Entwicklung Schritt halten zu können.

Mit dieser Problematik beschäftigt sich Susan Smeaton von der Evangelischen Heimstiftung. Als wissenschaftliche Leiterin des hauseigenen Innovationszentrums will sie in ihren Einrichtungen neue Wege beschreiten, um die Qualität der Pflege auf höchstem Niveau zu halten, die Fachkräfte zu entlasten und das Wohlbefinden der Senioren weiter zu erhöhen.

Ausgangspunkt des Projektes ist die Frage, wie alltägliche Herausforderungen in der Altenpflege durch innovative Technologien das Pflegepersonal entlasten und dem Patienten einen Mehrwert bieten können. Zu den dringendsten Problemen im Pflegealltag gehört die Sturzprophylaxe. "Mehr als 30 Prozent der über 65-Jährigen stürzen mindestens einmal jährlich, ab 80 Jahren sind es bereits 50 Prozent", sagt Diana Heinrichs.

Die Gründerin des Berliner Startups Lindera hat deshalb eine Smartphone App entwickelt, die hier Abhilfe schaffen soll. Mit einer einfachen Smartphone-Kamera wird lediglich 30 Sekunden der Patient dabei gefilmt, wie er von einem Stuhl aufsteht, durch den Raum geht und sich wieder auf den Stuhl setzt. Anschließend beantwortet er noch Fragen eines kurzen psychosozialen Tests und lädt die Daten zum Betreiber hoch. Die kostenlose App ermöglicht es zum ersten Mal, die 3D-Gangbewegung mit einer einfachen Smartphone-Kamera aufzunehmen, zu analysieren und den individuellen Sturzgrad zu bestimmen. Auf der Grundlage einer umfangreichen Datenbank werden Empfehlungen für den Erhalt der Mobilität sowie der Vermeidung von Stürzen ermittelt. "Wir nutzen künstliche Intelligenz, um das diagnostische Auge des Arztes und der Pflegefachkraft digital zu übersetzen", so Heinrichs. Was für den Anwender einfach ist, erfordert im Hintergrund künstliche Intelligenz. Medizinischer Kooperationspartner ist die Berliner Charité.

Für die Hausdirektorin Monika Volaric bedeutet der Einsatz innovativer Technologien nicht nur mögliche Entlastung in der Dokumentation und beim geriatrischen Assessment, sondern auch eine Steigerung der Attraktivität bei der Gewinnung neuen Personals. "Für junge Menschen ist der Einsatz des Smartphones als tägliches Tool völlig normal. Mit solchen digitalen Hilfsmitteln und deren Einsatz wollen wir uns als Arbeitgeber auch modern aufstellen und so attraktiv für Bewerber sein", erklärt Volaric.

Unter mehr als 1000 Gesundheits-Apps auf dem Markt nur 70 medizinisch zertifiziert

Neben der neuen App mit künstlicher Intelligenz soll auch ein weiteres Hilfsmittel zum Einsatz kommen. Eine intelligente Schuhsohle, die direkt im Schuh oder als Einlage eingesetzt werden kann, sendet die gewonnenen Daten zum Gangbild des Users per WLAN an einen Rechner, der aufgrund der individuellen Belastungsanalyse Rückschlüsse auf Haltungsfehler oder motorische Störungen diagnostizieren kann.

Damit stehen zwei digitale Hilfsmittel zur Verfügung, die das Fachpersonal bei der Sturzprophylaxe sinnvoll unterstützen können. So können therapeutische Maßnahmen frühzeitig angesetzt werden, um das Sturzrisiko zu minimieren.

Im therapeutischen Bereich kommt dann der dritte Baustein, eine intelligente Spielekonsole zum Einsatz. Mit der Konsole "Memore" stehen den Nutzern unterschiedliche Videospiele zur Verfügung, die von einem Universitätsprojekt der Humboldt Universität Berlin auf Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse entwickelt wurden. Die Spiele werden ausschließlich durch Gesten gesteuert und fördern nicht nur Beweglichkeit und Gleichgewichtssinn, sondern können auch kognitive Fähigkeiten und Lernfähigkeit anregen. Das Spieleverhalten der einzelnen User kann zudem ausgewertet werden. Bewährte Elemente nichtmedikamentöser Therapieverfahren wie Musik-, Ergo-, Kunst-, Verhaltens- und Physiotherapie wurden in der Entwicklung in Spiele "übersetzt". Zudem bietet die Box viele Möglichkeiten der gemeinsamen Aktivität unter den Bewohnern oder mit den Angehörigen. Wenn beim Enkelbesuch gemeinsam "gezockt" werden kann, bieten sich ganz neue Zugänge zwischen den Generationen.

Für das Pilotprojekt konnte die Evangelische Heimstiftung dann auch die AOK Baden-Württemberg gewinnen, die das Projekt finanziert. Gerd Grossmann, Themenfeldmanager Gesundheitsförderung bei der AOK, ist nach anfänglichem Zweifel nun davon überzeugt, dass hier in Calw ein wirklich revolutionäres Projekt am Start sei. Überzeugt habe ihn auch die Tatsache, dass unter mehr als 1000 Gesundheits-Apps auf dem Markt nur 70 medizinisch zertifizierte darunter seien und Lindera die einzige App im Pflegebereich hier beisteuere. Darüber hinaus sei das Haus auf dem Wimberg als innovationsfreudige Einrichtung bekannt, die bereits am Pilotprojekt zum Expertenstandard, der "Bibel" im Pflegebereich, erfolgreich teilgenommen hatte. Zudem erhoffe sich Grossmann natürlich durch den Einsatz modernster Technologien eine erhebliche Kosteneinsparung. Jeder Sturz, der durch Prävention vermieden werden kann, koste schließlich ein Vielfaches.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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