Foto: Rousek

Amtierender Oberbürgermeister lässt acht Jahre Revue passieren. Ausschusssitzung brachte Wendung.

Calw - Die Amtszeit des amtierenden Oberbürgermeisters Ralf Eggert neigt sich dem Ende zu. Acht Jahre lang leitete er die Geschicke der Hesse-Stadt. Dann aber entschied er sich dafür, zu gehen. Im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten blickt er auf seine Zeit in Calw zurück.

Rückblick auf das Jahr 2011. Oberbürgermeister Manfred Dunst steht aus privaten Gründen nicht mehr für eine zweite Amtszeit zur Wahl. Die Bürger Calws können sich zwischen zwei Bewerbern entscheiden – Johann Malcher und Ralf Eggert. Mit 57,8 Prozent setzt sich Letzterer gegen seinen Kontrahenten durch. Das Amt eines Oberbürgermeisters sei für ihn eine Berufung, sagt Eggert damals.

Nun, acht Jahre später, steht der 49-Jährige genau dort, wo einst Dunst stand. Er moderiert die Kandidatenvorstellungen, ist Vorsitzender des Gemeindewahlausschusses, nimmt langsam Abschied von seinem Amt und von der Stadt. Denn Eggert wird nicht bleiben, das machte er gleich an dem Tag klar, an dem er den Verzicht auf eine weitere Kandidatur verkündete. Für ihn und seine Familie geht es zurück in die Gegend, woher sie stammen: in Richtung Schwäbisch Gmünd/Gaildorf.

"Es gibt natürlich Momente, in denen man es bedauert, wegzugehen", räumt Eggert ein. Der Abschied betreffe schließlich nicht nur das Amt, sondern eben auch den Wohnort, Freunde und alles, was den Alltag der Familie begleite. "Das Wohnen in der Innenstadt wird mir am meisten fehlen", sagt der Noch-OB. Die Kernstadt sei ein familiäres Umfeld, man kenne die Leute, treffe Mitarbeiter und Bürger, erklärt er.

Was Eggert am wenigsten vermissen wird? "Die Zeitnot", antwortet er wie aus der Pistole geschossen. In stressigen Zeiten komme es schon vor, dass man 70 Stunden die Woche arbeite. "Man kommt einfach nicht hinterher." Hinzu kommt, dass man als OB eine Person des öffentlichen Lebens ist. Jeder Schritt wird genau beäugt, jede Handlung kommentiert.

Auch ein Grund, warum Eggert in Zukunft nicht mehr als OB oder als Bürgermeister tätig sein möchte. "Ich freue mich darauf, an dem neuen Ort nicht mehr in der Öffentlichkeit zu stehen", sagt er. Wie es beruflich für ihn weitergeht, weiß der Diplomverwaltungswirt noch nicht genau. Zunächst geht es für längere Zeit in den Urlaub. "Anfang des neuen Jahres beginnt dann ein neuer Lebensabschnitt – und auch ein neuer Beruf."

Die schöne Seite des Jobs

Zurück ins Jahr 2011. Der neue Oberbürgermeister Eggert muss gleich in seiner ersten Gemeinderatssitzung verkünden, dass sich die Kosten für die Abwasserkonzeption beinahe verdoppeln. Und das in Zeiten der Wirtschaftskrise, in der die Verschuldung der Stadt ohnehin "extrem knackig" war, wie Eggert es formuliert. Nicht gerade der beste Start. Weiter ging es mit der nicht enden wollenden Krankenhausdebatte. "Das hat mich schon geschafft", gibt der 49-Jährige zu. Unter vollem Einsatz auch der Öffentlichkeit sei man schließlich zu der heutigen Lösung gelangt. "Aber es war eine schwierige Zeit, auch belastend für die Kollegen aus anderen Landkreisen", gibt Eggert zu bedenken. "Jetzt hoffe ich auch, dass es wie geplant umgesetzt und ein Erfolg wird."

2016 gerät, mutmaßlich durch Brandstiftung, die Grundschule Hirsau in Brand. Es entsteht ein Sachschaden von mehreren Zehntausend Euro. "Das ist mir negativ in Erinnerung geblieben."

Aber es gab sie auch, die Lichtblicke. Die Momente, an die sich Eggert gerne zurückerinnert. Einer der Höhepunkte während seiner Amtszeit war, dass Eggert die Hesse-Medaille an Udo Lindenberg übergeben durfte. Zuvor habe man gemeinsam auf der Terrasse der Familie Schaber gesessen und sich unterhalten – ganz auf Du und Du.

"Generell war es fast immer der Fall, dass mir die Arbeit Spaß gemacht hat", meint der OB. Morgens um halb 6 Uhr ausgeruht aufwachen (ohne Wecker wohlgemerkt), voller Energie in den Tag starten, mit netten Leuten der breit gefächerten Arbeit nachgehen – so beschreibt Eggert die schöne Seite seines Jobs.

Irgendwann kamen Zweifel auf

Und doch reichten diese Momente nicht aus, um ihn zum Bleiben zu bewegen. Auch wenn zunächst alles danach aussah, als würde sich Eggert für eine zweite Amtszeit zur Wahl stellen. Im Februar dann plötzlich der Umschwung. Er verschickt ein Schreiben an die damalige Regierungspräsidentin Nicolette Kressl (SPD), Mitglieder der kommunalen Gremien, Bürgermeisterkollegen, Mitarbeiter der Verwaltung und des Landratsamtes, Abgeordnete und einige andere, in dem er verkündet, "entgegen meiner ursprünglichen festen Absicht, ein viertes Mal um das Amt des (Ober-)Bürgermeisters und ein zweites Mal um dieses Amt in Calw zu kandidieren", vom diesem Ziel Abstand zu nehmen. Die Begründung: Der Ton, mit dem im Gemeinderat mitunter gesprochen werde sowie mangelnde Kooperationsbereitschaft einiger Stadträte.

Im Gespräch verrät der Noch-OB, wann genau das erste Mal Zweifel aufkamen, dass das Amt noch das richtige für ihn sei. "Das war die Bau- und Umweltausschuss-Sitzung, in er es um die Erweiterung des Landratsamts ging", erinnert er sich. Zu Gast waren damals zwei Vertreter des LRAs – was einige Stadträte nicht daran hinderte, den Anwesenden "aggressiv zu unterstellen, dass sie lügen." Ein solches Verhalten gegenüber Gästen sei für den OB schlicht inakzeptabel. "Man kann uns viel vorwerfen, aber nicht, dass wir lügen."

Es blieb nicht dabei. Auch im Hinblick auf weitere Projekte, wie den geplanten Bau der Stiftung Hoffnungsträger wurden Eggert immer wieder Lügen unterstellt. "Da habe ich gedacht, hier bin ich verkehrt, das ist nicht mein Platz." Man sollte ein gewisses Standing haben und Umgangsformen pflegen, ist Eggert überzeugt. "Ich hoffe, dass das für den Nachfolger oder die Nachfolgerin anders wird."

Eggert wünscht sich für Calw vor allem eines: innere Ruhe. "Dass man die eigenen Stärken erkennt und schätzt. Dass man sich schützend vor die Stadt stellt, wenn jemand schlecht über sie spricht." Er wünscht sich, dass Calw nicht mehr zurück in die Schuldenfalle fährt, "nachdem man sich mühsam herausgerobbt hat." Auch wenn Eggert künftig weder zu Calwer Themen Stellung beziehen möchte, noch plant, häufig zu Besuch in die Stadt zu kommen, werde er nicht sofort mit Calw abschließen können, räumt er ein. "Es interessiert einen natürlich, wie es geht und man schaut danach", sagt Eggert. "Ein bisschen wie Familie."

Am Donnerstag "letzte Gemeinderatssitzung seines Lebens"

Ralf Eggert schreibt eine Liste mit Dingen, die er einpacken muss vor seinem Umzug. Am Donnerstag steht für ihn "die letzte Gemeinderatssitzung seines Lebens" an. Eine harmonische Sitzung, wie er hofft. Denn das würde einen schönen Abschluss bedeuten. Für "eine schöne Zeit in Calw – zumindest fast immer."
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