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Calw/Neubulach Corona-Infizierter hatte zeitweise Todesangst

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Jörg Cerny befindet sich nach seiner Corona-Erkrankung derzeit in Rehabilitation. Foto: Bernklau

Calw/Neubulach - Jörg Cerny hat gerade eine schwere Operation hinter sich, als er sich mit dem Coronavirus infiziert. Drei Tage lang steht er in der Intensivstation des Calwer Krankenhauses Todesängste aus. Wie er sich während der Erkrankung gefühlt hat und wie es ihm heute geht, erzählt er in unserem (SB+)-Artikel.

Entspannt sitzt Jörg Cerny in einem Flur der Albert-Schweizer-Klinik in Königsfeld und plaudert über seinen Job als Fernfahrer. Und wann er ihn wieder ausüben kann. Neben dem 55-Jährigen steht ein Rollator. Zeichen dafür, dass an diesem Tag Anfang Juni an Lastwagen und Job nicht zu denken ist. Denn nach drei Monaten in verschiedenen Kliniken arbeitet sich der Mann aus Neubulach in der Rehabilitation zurück ins Leben – nachdem ihn eine Infektion mit dem Coronavirus niedergestreckt hat und er um sein Leben fürchten musste.

Als Cerny Mitte März in eine Klinik kommt, hat das zunächst nichts mit dem Coronavirus zu tun. Der Mann, der gut vier Jahrzehnte geraucht hat, steht vor einer Operation am Herzen – nicht seiner ersten. Alles scheint seinen normalen Gang zu nehmen, bis zu dem Zeitpunkt, da festgestellt wird, dass sich Cerny mit dem Coronavirus infiziert hat.

In Patientenzimmer infiziert?

Jens Döffert, Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin der Kliniken in Nagold und Calw, geht davon aus, dass Cerny sich in dem Krankenhaus infiziert hat, an dem die Herz-OP stattgefunden hat – vermutlich durch den Kontakt mit einem Infizierten in einem Patientenzimmer. Auch im Rückblick sieht der Mediziner bei der Klinik keine Schuld. "Da kann man der Klinik keinen Vorwurf machen", sagt Döffert im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten.

Jörg Cerny wird ins Calwer Krankenhaus verlegt. Sein Zustand verschlechtert sich so sehr, dass er auf die Intensivstation kommt. Er wird beatmet. Gerade an die erste Zeit in der Intensivstation denkt er mit Unbehagen zurück. "Da war immer nur Nacht im Zimmer", erinnert sich Cerny. Dann kommen der Karsamstag und die beiden Ostertage. Es geht dem Mann so schlecht, dass er Angst bekommt, dass er es nicht schafft. "An diesen Tagen hatte ich Todesangst", sagt Cerny heute.

Ansonsten erinnert er sich an nichts, was an diesen Tagen passiert ist, spricht von einem "Filmriss". Als er am Dienstag nach Ostern aufwacht und Lust auf einen Joghurt verspürt, sagt er sich: "Das Schlimmste hast du hinter dir."

"Egal wie lange es geht, es geht vorbei"

Cerny macht sich in dieser Zeit selbst Mut, motiviert sich. "Ich habe mir gesagt, dass ich es meiner Mutter nicht antun kann, dass gerade ihr jüngster Sohn als Erster den Löffel abgibt", erzählt er. "Und ich habe eine so tolle Familie, die an mich denkt. Deshalb war mein Motto: Egal wie lange es geht, es geht vorbei."

Der 55-Jährige zieht bei der Behandlung mit, bekommt im Nachhinein auch Lob vom zuständigen Chefarzt Döffert. "Er war sehr kooperativ und hat das mit der Beatmungsmaske toll gemacht", erinnert sich Döffert. Cerny selbst, den die Mediziner ohne Koma und Tubus über den Berg bringen, ist seinerseits voller Bewunderung für die Mediziner und Pflegekräfte: "Sie haben eine fast schon stoische Ruhe ausgestrahlt. Wie man so ruhig bleiben kann, wenn es im Krankenhaus so abgeht, das bewundere ich wirklich."

Nur gute Erinnerungen an Krankenhaus-Personal

Er erinnert sich an viele seiner Pflegerinnen und Pfleger, etwa an Max und Sebastian ("die Ruhe selbst") oder an die Schwester, die ihn das erste Mal ohne Sauerstoff über den Gang schiebt. "Das war eine Fränkin und dazu noch FC-Bayern-Fan", weiß Cerny noch ganz genau.

Genau diese Ruhe am Patienten zu bewahren sei den Pflegern in diesen Zeiten besonders wichtig, berichtet Björn Huelber, stellvertretender Pflegeleiter der Intensivstation Calw. Die eigentliche Behandlung der Patienten sei nicht das Anstrengende an der Arbeit gewesen, vielmehr sei es der immense Aufwand drumherum und das große Maß an Verantwortung gewesen, was die Angelegenheit so schwierig gemacht habe. Als Held, wie das derzeit immer wieder in der Öffentlichkeit dargestellt werde, sehe er sich als Pfleger eher nicht. Helden seien vielmehr die, die sich im Zuge der Krise freiwillig für den Job gemeldet haben. "Sie waren aus dem Job raus, waren im sicheren Hafen und haben sich trotzdem in Gefahr begeben", ist Huelber beeindruckt.

42 Prozent der Intensiv-Patienten sind gestorben

Und dass man die angespannte Situation im Krankenhaus mit nach Hause nimmt, das kann selbst Chefarzt Jens Döffert bestätigen. "Jeder hat Angst gehabt, sich anzustecken", erzählt der Mediziner. Und dazu noch der psychische Druck, möglicherweise irgendwann entscheiden zu müssen, wer Beatmung bekommt und wer nicht. Eine Entscheidung, die man in den beiden Kliniken in Nagold und Calw im Übrigen bis dato nie habe treffen müssen, wie Döffert ergänzt.

Während 42 Prozent der Patienten, die wegen einer Corona-Infektion auf einer Intensivstation in Calw und Nagold behandelt wurden, gestorben sind, schafft es der 55-jährige Lastwagenfahrer Jörg Cerny. Nach zwölf Tagen Intensivstation wird er erst in eine Quarantänestation dann auf eine normale Station verlegt.

Die erste Dusche war "herrlich"

Mit einem Strahlen erinnert sich Cerny an seine erste Dusche nach der Intensivstation – übrigens noch mit Beatmung: "Ich habe mich hingesetzt und das Wasser einfach über mich rüber laufen lassen. Das war einfach herrlich." Selbst die Tatsache, selbstständig auf die Toilette gehen zu können, wisse man nach einer solchen Zeit wirklich zu schätzen.

Nicht nur auf seine Lunge, sondern auf seinen ganzen Körper hat die Krankheit eine immense Auswirkung. Cerny nimmt von 122 auf 89 Kilo ab, spürt schnell, dass er kaum noch Muskeln und keine Kraft mehr hat. "Am Anfang war ich schon nach einer Runde mit dem Rollator platt." Nach vier Wochen Krankenhaus geht es für Cerny in die Reha nach Königsfeld. In der Albert-Schweizer-Klinik arbeitet sich Cerny unter der Federführung von Chefarzt Bernd Mössinger zurück – in vielen kleinen Schritten. Seit der Intensivstation habe er insgesamt aber einen "Riesenschritt" gemacht. Wenn er voraussichtlich am 13. Juni aus der Klinik in Königsfeld entlassen wird, hat Jörg Cerny dann fast drei Monate am Stück in Krankenhäusern verbracht.

Und wenn er dann in seine Heimat Neubulach zurückkehrt, wird ihn eine Überraschung erwarten. "Denn meine Freunde haben die drei Monate genutzt, um meine Wohnung zu renovieren. Da bin ich ja mal gespannt", sagt Jörg Cerny und lacht.

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