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Calw Landtagspräsidentin besucht Hesse-Stadt

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Foto: Fritsch

Calw - Landtagspräsidentin Muhterem Aras spricht in der Volkshochschule (VHS) über Heimat und Vielfalt. Hoher Besuch in der Hesse-Stadt. Die Bürger jedoch hatten keine Scheu, mit der Politikerin mitunter hart ins Gericht zu gehen.

In einem bunten Frühlingskleid mit hellblauer Strickjacke tritt Muhterem Aras (Grüne) zum Rednerpult in der VHS Calw. Der Saal ist voll. "Es kommt ja nicht alle Tage vor, dass man solche Politiker zu Gast hat", freut sich VHS-Leiter Sebastian Plüer über das rege Interesse der Calwer. Das offenbar nicht nur darin besteht, den Worten der Landtagspräsidentin zu lauschen, sondern auch Themen anzusprechen, die sie bewegen. Denn davon gibt es einige, wie sich im Laufe des Abends herausstellt.

"Der Austausch über die Grundwerte unserer Gesellschaft treibt viele um", bestätigt Aras gleich zu Beginn ihres Impuls-Vortrags zum Thema Vielfalt. "In dieser Zeit der Veränderung suchen wir Orientierung." Untrennbar damit verbunden sei Heimat. Und diese wiederum finde sich in der Vielfalt, sagt Aras. "Ich halte Vielfalt für den Schlüssel, um Unsicherheit zu begegnen, unsere Herkunft zu verstehen und die Zukunft zu gestalten." Doch was bedeutet dieser Begriff überhaupt genau? Der ein oder andere Besucher der Veranstaltung hätte das wohl gern genauer gewusst. Denn während des Vortrags und der anschließenden Diskussion kam immer wieder Gemurmel auf, einige forderten eine Definition des Wortes Vielfalt. Die bekamen die Calwer nur indirekt.

Aras nannte als Beispiel die Aktion einer Supermarktkette, die im vergangenen Jahr für einige Tage alles aus den Regalen räumte, was aus dem Ausland kommt. An den leeren Plätzen hing die Notiz "Wir wären ärmer ohne Vielfalt". Dass Pasta und vieles andere bereits so selbstverständlich in den Alltag integriert sind, sei eben ein Beispiel für Vielfalt, so Aras. Ebenso Religionsfreiheit. Auch hierzu sahen einige in den Zuhörerreihen Diskussionsbedarf. Denn beispielsweise bei Muslimen, die ihre Kinder am Wochenende in Koranschulen schicken, dort hört für einige das Verständnis auf.

Politik beim Thema Integration gefragt

"Vielfalt ist nicht nur kunterbunt und lustig", entgegnet Aras. "Sie ist eine Herausforderung für uns alle." Und eines dürfe nicht missverstanden werden: Vielfalt heiße nicht, dass man alles toll finden muss, was andere tun. Stichwort hierbei: "Versöhnte Verschiedenheit".

Jedoch müsse klar sein – und das betont Aras immer wieder: Das Grundgesetz sei die Basis von allem. "Die unverhandelbare Grundlage für unser Zusammenleben."

Das Grundgesetz liegt der Landtagspräsidentin sehr am Herzen, das wird an diesem Abend deutlich. So hat sie für den 23. Mai – den 69. Geburtstag des Grundgesetzes – sogar eine Feier in Stuttgart organisiert. Das Gesetz sei auf Vielfalt ausgelegt und führe trotzdem nicht zu einem "Jeder macht was er will", erklärt Aras. "Der Geist des Grundgesetzes ist der des gegenseitigen Respekts." Die 52-Jährige möchte das stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Darum war sie in den vergangenen Monaten im ganzen Land mit der Gesprächsreihe "Wertsachen – Was uns zusammenhält" unterwegs. Jeden Abend sprach sie an unterschiedlichen Orten mit den Gästen über je einen Artikel des Grundgesetzes. "Das geht jeden Menschen, jeden Tag an", betont sie.

Oftmals erlebte sie bei den Gesprächsabenden kontroverse Diskussionen. So auch in der Calwer VHS. Immer wieder stellen Bürger Fragen zu Parallelgesellschaften, zu gescheiterter Integration, zu den Flüchtlingsströmen, die möglicherweise in den kommenden Jahren nach Europa kommen werden. Vor allem Letzteres sorgt dafür, dass die Stimmung sich aufheizt. Denn ein Bürger will partout eine Antwort auf die Frage, was mit den bis zu 60 Millionen Flüchtlingen passieren soll, die Berechnungen zufolge auf lange Sicht Zuflucht suchen würden. Mit der Antwort, dass man nach Möglichkeiten suchen und Ursachen bekämpfen werde, will er sich nicht zufrieden geben. Aras redet sich in Rage. "Würde es darauf eine einfache Antwort geben, hätte sie Frau Merkel sicherlich schon gefunden."

Die Landtagspräsidentin sieht beim Thema Integration auch die Politik in der Pflicht. "Wir haben jahrzehntelang geleugnet, ein Einwanderungsland zu sein und unsere Hausaufgaben nicht gemacht. Deutschland braucht ein modernes Einwanderungsgesetz", sagt sie. Denn Integration müsse von beiden Seiten aus geschehen.

Aras weiß von was sie redet. Schließlich kam sie selbst im Alter von zwölf Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Zuerst habe ihr Vater bei Filderstadt- Sielmingen Arbeit gefunden, dann holte er die Familie nach. Die Mutter von Aras half einer Bauernfamilie auf dem Feld, die Kinder – Muhterem sowie ihre beiden Brüder – freundeten sich mit der Tochter der Bauernfamilie an. "Wir waren bald ein Teil der Familie und durften auf Sonntagsausflüge mit", erzählt sie. Wandern, ins Restaurant, sogar in die Staatsgalerie. "Obwohl wir anfangs kein Wort Deutsch sprachen, hatten sie keine Vorurteile."

Die Landtagspräsidentin weiß aber auch, dass es nicht immer so gut läuft, wie bei ihr damals. "Wir dürfen nicht die Augen zumachen, sondern müssen die Probleme angehen." Ein Thema, das zuverlässig für hitzige Diskussionen sorgt. "Der Rechtsstaat ist stark genug, sich zur Wehr zu setzen". Höhnisches Lachen seitens der Zuhörer.

"Baden-Württemberg ist das Flächenland mit dem größten Migrantenanteil, jedoch mit den geringsten Problemen", sagt sie. Der deutschen Wirtschaft gehe es gut, der Bund habe "die beste Verfassung der Welt" – und dennoch herrsche vielerorts Unzufriedenheit. "Es ist schon auch typisch Deutsch, etwas griesgrämig durch die Welt zu gehen", sagt Aras. "Was würden andere Menschen dafür tun, in einem Land mit so einem Grundgesetz zu leben." Stärkeren Verfassungspatriotismus, das wünscht sich die Landtagspräsidentin.

 
 

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