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Reges Interesse an "Zweckverband Klärschlammverwertung Böblingen". Errichtung neuer Verbrennungsanlage.

Calw - Klärschlamm zu verwerten wird für viele Kläranlagen zunehmend zum Problem. Grund sind eine Reihe neuer gesetzlicher Verordnungen. Etliche Gemeinden und Städte aus den Landkreisen Calw und Böblingen wollen sich deshalb zusammentun und den "Zweckverband Klärschlammverwertung" gründen.

Wohin mit dem Klärschlamm? Eine Frage, die zugegebenermaßen nicht viele Bürger in ihrem Alltag beschäftigen dürfte. Dabei sind die Mengen an Klärschlamm – ein Abfallprodukt, das durch die Behandlung des Abwassers in Kläranlagen zurückbleibt – die jährlich anfallen, beträchtlich. Allein die Kläranlage Hirsau erzeugt laut der Sitzungsvorlage der jüngsten Gemeinderatssitzung jedes Jahr rund 2500 Tonnen davon. Wie man den Klärschlamm nun aber verwerten kann, sorgt bei Mitarbeitern von Kläranlagen zunehmend für ratlose Gesichter. Eine Neuerung in der Klärschlammverordnung habe die Lage auf dem Markt wesentlich verändert, geht aus der Sitzungsvorlage hervor.

Konkret bedeutet diese Änderung, dass es künftig nur noch schwer möglich sein wird, mit dem Klärschlamm Tagebaugruben zu verfüllen oder zu düngen. Die Mitverbrennung in beispielsweise Kohlekraftwerken oder Müllheizkraftwerken wird zum einen immer teurer, weil die Kapazitäten nicht ausreichen. Zum anderen wird es zunehmend wichtiger, den Rohstoff Phosphor aus dem Klärschlamm zurückzugewinnen – was wiederum am einfachsten in sogenannten Monoverbrennungsanlagen möglich ist.

Nachhaltige Verwertung

Um eine solche dreht sich das Ansinnen von bislang mehr als 60 Kläranlagenbetreibern in den Kreisen Calw und Böblingen. Sie alle haben Interesse daran bekundet, dem neu zu gründenden "Zweckverband Klärschlammverwertung" beizutreten. Dieser Zweckverband hat zum Ziel, eine Klärschlammmonoverbrennungsanlage in Böblingen zu bauen. Dort könnten bis zu 183 600 Tonnen Klärschlamm im Jahr verwertet werden.

Die neue Anlage, so steht es in der Sitzungsvorlage, solle ein Beispiel für die nachhaltige und klimaschützende Nutzung von Abfällen und Klärschlamm ausgebaut sein. "Sowohl für die Standortgemeinden Böblingen und Sindelfingen, als auch für die gesamte Region, können die CO2-Emissionen durch die energetische Nutzung des Abfalls und des Klärschlamms erheblich gesenkt werden", heißt es weiter. Die Gründung des Zweckverbands soll bis Ende des ersten Quartals 2020 vollzogen werden, heißt es. In Betrieb gehen könnte die neue Anlage, deren Errichtung rund 105 Millionen Euro kosten wird, 2026.

Der Calwer Gemeinderat hat in seiner jüngsten Sitzung entschieden, eine Absichtserklärung zu unterzeichnen, laut der die Stadtentwässeurng Calw dem noch zu gründenden Zweckverband beitreten und sich mit 2500 Tonnen Klärschlamm jährlich beteiligen soll. Zuvor war dies bereits im Bau- und Umweltausschuss diskutiert worden. Und unter den Räten herrschte dabei zunächst keine Einigkeit, ob man dem Zweckverband wirklich beitreten sollte.

Da das Thema derzeit allerorts auftaucht, wird verstärkt an möglichen Verfahren gearbeitet, um den Klärschlamm möglichst kostengünstig und effizient zu entsorgen. "Das Risiko ist, dass es vielleicht später Techniken gibt, die wirtschaftlicher sind", räumte in diesem Zusammenhang dann auch Dieter Kömpf ein, der die Sitzung als Stellvertreter des Oberbürgermeisters leitete.

Bedenken geäußert

Aus diesem Grund wurde mehrfach vonseiten des Gremiums – unter anderem von Irmhild Mannsfeld und Hermann Seyfried (beide Neue Liste Calw) – gefordert, sich zuerst über schon jetzt denkbare Alternativen der Entsorgung zu informieren, bevor die Beitritts-Absicht zum Zweckverband verbindlich erklärt werde. Kömpf versprach, dass diese Informationen vor der endgültigen Entscheidung von der Verwaltung zusammengetragen und vorgestellt würden.

Hans Necker (Neue Liste Calw) bereiteten auch die kommenden Jahre Sorgen. Denn selbst, wenn man dem Verband beitrete, "muss man die nächsten Jahre ja trotzdem überbrücken". Die Stadt Calw hat nur noch für das Jahr 2020 eine Vereinbarung für die Verwertung mit einem Anbieter. Eine konkrete Lösung für dieses Problem gibt es bislang noch nicht; für die Zeit ab 2021 muss die Entsorgung öffentlich ausgeschrieben werden. Die Verwaltung rechnet damit, dass sich die Entsorgungskosten um bis zu 70 Prozent erhöhen werden.

In der Sitzung des Gemeinderats brachte Erhard Hofmann (Linke) hingegen eine ganz neue Idee ein. In einer TV-Dokumentation habe er eine Technologie aus Israel kennengelernt, bei der Klärschlamm zu Heizpellets verarbeitet werde. Etwas derartiges könne er sich auch für Calw vorstellen. Überhaupt war Hofmann der Ansicht, dass bis zum Bau der Anlage so viele Jahre vergehen werden, dass bis dahin etliche neue Technologien auf dem Markt seien. Seyfried schloss sich in Teilen dessen Ansicht an. "Ich möchte nicht, dass wir einen Schnellschuss wagen." Mit einer unverbindlichen Absichtserklärung könne er sich aber anfreunden. Kömpf fügte noch scherzhaft hinzu, dass man doch eine Exkursion nach Israel machen könne, um die neue Technologie live zu erleben.

Kleine Sorgen in Teinach

Keine großen Diskussionen gab es hingegen im Gemeinderat Bad Teinach Zavelstein, in dem das Thema auch jüngst behandelt wurde. 330 Tonnen will die Stadt aus dem Teinachtal beisteuern. Rätin Andrea Mast wollte wissen, ob es anderswo schon derlei Verbrennungsanlagen gebe. Bürgermeister Markus Wendel antwortete, dass die Technik in Deutschland erst langsam anlaufe, aber anderswo in Europa schon im Einsatz sei: "Das ist aber kein Hexenwerk" – gleichwohl es natürlich auch um Verbrennung geht, jedoch um die von Klärschlamm.

Rat Karl Eugen-Schroth gab zu Bedenken, dass womöglich die Entsorgung von problematischen Industrieabfällen mitfinanziert würde. Das sei kaum möglich, erwiderte Wendel, da die Abwässer der Industrie vorgeklärt werden müssten. Schlussendlich erklärte der Gemeinderat für die Stadt Bad Teinach-Zavelstein verbindlich die Absicht, dem Zweckverband beizutreten. "Für uns ist das wichtig und ein guter Weg", verdeutlichte Schultes Wendel.