Nach langen Beratungen fiel am Calwer Amtsgericht das Urteil im Missbrauchsprozess. Foto: Visel

Amtsgericht Calw verhängt lange Gefängnisstrafe. Bilder und Videos von einjährigem Mädchen erstellt.

Calw - Das Amtsgericht Calw hat einen Mann aus dem Norden des Kreises Calw wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und dem Besitz von kinderpornografischem Material zu einer Strafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt. "Wir befinden uns hier nicht im niederschwelligen Bereich des sexuellen Missbrauchs an Kindern, wir sind mittendrin", führt die Vorsitzende Richterin Brigitte Lutz dem Angeklagten nach Bekanntgabe des Urteils im Amtsgericht Calw in aller Deutlichkeit vor Augen.

Der Besitz und die Verbreitung kinder- und jugendpornografischen Materials in großer Anzahl sowie in mehreren Fällen, überdies in einem Fall in Tatmehrheit mit sexuellem Kindesmissbrauch waren dem Angeklagten aus dem Norden des Kreises Calw zur Last gelegt worden. Sämtliches Material aus dem Internet, das von der Kriminalpolizei Tübingen mittels eines speziellen Computerprogramms eingehend geprüft worden war, beinhaltete kinder- und jugendpornografische Aufnahmen.

Außerdem hatte der Mann eigenhändig Bilder und Filme von einem Mädchen erstellt, das ihm seit Ende 2010 – das Kind war damals ein Jahr alt – zur Betreuung anvertraut worden war und das er bis zu seiner Verhaftung im August 2013 immer wieder in seiner Obhut hatte.

Auch die Zeugenaussagen des betroffenen Vaters belasteten den Beschuldigten zusätzlich: "Ich habe ihm rundum vertraut; er war für mich wie ein Vater." Selbst nach den Voruntersuchungen, die in der Wohnung des Angeklagten durch Beamte der Kriminalpolizei vorgenommen worden waren, hatte er seine Tochter immer wieder in die Obhut seines väterlichen Freundes gegeben. "Ich konnte die Vorwürfe einfach nicht glauben; sie passten nicht zu ihm." Heute allerdings könne und wolle er ihm nicht mehr in die Augen schauen: "Er hat mein Vertrauen zutiefst missbraucht."

Für den Angeklagten spreche ein voll umfängliches Geständnis, räumte Staatsanwältin Kaija Seiler ein, keine bisherigen Vorstrafen sowie soziale und gesundheitliche Schwierigkeiten. Belastende Umstände seien der Besitz kinderpornografischer Schriften in nicht unerheblichem Umfang. "Wer solche Dateien bestellt, trägt dazu bei, dass solche Bilder angefertigt werden", gab sie zu bedenken.

Angeklagter war eine Art "Ersatzopa"

Das Mädchen, von dem der Angeklagte insgesamt 43 Bilder und elf Videos angefertigt hatte, werde zwar vermutlich keine offensichtlichen Schäden davontragen, berief sich die Staatsanwältin auf gutachterliche Aussagen. Allerdings: "Es mag vielleicht auch keine Erinnerungen an die einzelnen Taten mehr haben, aber irgendwo auf der Festplatte seines Gehirns ist das Geschehen unauslöschlich gespeichert." Besonders schwer wog der damit einhergehende Vertrauensmissbrauch gegenüber der Kleinen, die der Angeklagte über Jahre als "Ersatzopa" betreute, sowie dem Vater des Kindes, ein ihm sehr nahestehender Freund.

Auch das überzeugende Plädoyer des Pflichtverteidigers und das reumütige Bekenntnisses des Angeklagten selbst – "Es tut mir alles furchtbar leid" – konnten letztlich das beantragte Strafmaß der Staatsanwaltschaft nicht wesentlich mildern: Am Ende der mehrstündigen Verhandlung sowie nach eingehenden Beratungen mit den beiden Schöffen wurde der Straftäter zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt. Der Haftbefehl des Amtsgerichtes Tübingen bleibe aufrecht erhalten, der Zeitraum der Inhaftierung in der Vollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim werde auf die Strafzeit angerechnet, lautete der nachfolgende Beschluss.

"An einigen Punkten sind wir knapp an schwerem Missbrauch vorbeigeschrammt; deshalb konnten wir beim Strafmaß nicht an den untersten Rahmen gehen", führte die Vorsitzende Richterin weiter aus. Zu Buche schlage auch die Masse an kinderpornografischen Bildern und Dateien, sowie die große Zeitspanne, in der der Angeklagte das Kind als Objekt seiner Begierde und Sammelleidenschaft missbraucht habe.

"Wir können jetzt noch nicht ermessen, was dieses Geschehen für das Leben des Kindes bedeutet, wir konnten lediglich bewerten, ob es sich um Missbrauch oder schweren Missbrauch handelt", gestand die Direktorin des Calwer Amtsgerichtes betroffen ein.