Jungen werden laut Kriminalhauptkommissar Reinhard Gall öfter straffällig als Mädchen. Foto: sb

Zisch-Reporter sprechen mit Kriminalhauptkommissar Reinhard Gall. Weniger junge Täter.

Calw - Reinhard Gall ist Kriminalhauptkommissar bei der Polizei in Calw. Dort ist er beim Führungs- und Einsatzstab eingesetzt und kümmert sich um den Bereich Kriminalitätsbekämpfung, Prävention und Datenschutz. Mit den "Zeitung in der Schule"-Reportern des Schwarzwälder Boten sprach er über Jugendkriminalität.

Als in Facebook vor kurzem eine Umfrage gemacht wurde, ob die Jugendkriminalität zugenommen habe, haben 94 Prozent der Befragten mit ja geantwortet. Stimmen Sie dem Umfrageergebnis zu?

Wenn man es rein an den Zahlen festmacht und sagt, Jugendkriminalität ist im Grunde dadurch definiert, wie viel junge Leute als Tatverdächtige ermittelt worden sind, dann muss man sagen, die Jugendkriminalität hat in den letzten Jahren eher abgenommen.

Warum glauben manche, dass die Jugendkriminalität zugenommen hat?

Diese verfügen natürlich nicht über die registrierten Zahlen und können nicht so wie wir anhand einer Kriminalstatistik Entwicklungen nachvollziehen. Es werden oft subjektiv Beurteilungen vorgenommen, die nicht selten durch geschilderte Ereignisse in Presse und andere Medien wesentlich beeinflusst sind. Vielleicht wurde man auch selber mal Opfer von einer Straftat oder hat von anderen gehört, was denen alles passiert ist. Da kann es natürlich gut sein, dass man das Gefühl bekommt, die Jugendkriminalität habe zugenommen. Wenn wir die Zahlen von 2010 und 2011 vergleichen, hatten wir im Jahr 2011 im Landkreis Calw 43 junge Straftäter weniger als im Jahr zuvor. Das ist ein Rückgang von sechs Prozent und somit eine positive Entwicklung.

Welche Gründe führen dazu, dass Jugendliche kriminell werden?

Das ist eine Frage, die wir uns als Polizei auch oft stellen. Man kann keine genaue Aussage machen, welche Gründe letztendlich dazu führen, dass Jugendliche Gesetzesverstöße begehen. Wir als Polizei stellen immer wieder fest, dass manche jungen Leute sich mit falschen Freunden umgeben.

Sprechen sie damit den Gruppenzwang an?

Ja, schon. Man möchte in der Gruppe Anerkennung, das ist in eurem Alter etwas ganz normales und macht dann vielleicht bei Straftaten mit. Die Jugendkriminalität hängt auch damit zusammen, dass die Jugendlichen in der Entwicklung und von ihrer Persönlichkeit her noch nicht gefestigt sind. Es kann weiterhin auch daran liegen, dass viele junge Leute Gewaltmedien konsumieren, zum Beispiel Ballerspiele. Oft wissen die Eltern gar nicht, was ihre Kinder machen. Dass da manchmal Sachen über den Bildschirm flimmern, die nicht für Kinder oder Jugendliche geeignet sind, dürfte auch klar sein. Natürlich kann auch Alkohol eine Rolle spielen, das ist ja auch bei Erwachsenen so. Alkohol ist ein Gewaltkatalysator und oft Auslöser für Straftaten. Natürlich geht es auch um das Elternhaus und die Erziehung. Man muss jungen Leuten sagen, was richtig und was falsch ist und ihnen dies im Rahmen der Erziehung beibringen. In diesem großen Feld, mit einer Vielzahl von möglichen Ursachen, bewegt sich die Jugendkriminalität.

Werden die meisten Straftaten von Gruppen oder von Einzeltätern begangen?

Bei der Jugendkriminalität stellen wir oft fest, dass die Delikte durch Gruppen begangen werden. Es ist natürlich auch das Alter, in dem man oft in Gruppen unterwegs ist. Typische Gruppendelikte sind zum Beispiel Körperverletzungen. Aber auch ein Ladendiebstahl muss nicht von einem Einzelnen begangen werden, sondern kann aus einer Gruppe heraus durch Gruppenzwang oder Mutproben entstehen.

Es gibt verschiedene Arten von Kriminalität, was kommt bei Jugendlichen öfter vor?

Mutwillige Zerstörung, das ist etwas, das Erwachsene überhaupt nicht verstehen, wie etwa bei der Landesgartenschau Pfosten herausreißen und in die Landschaft werfen. Auch werden häufiger Rauschgiftdelikte begangen, wie das Rauchen von Marihuana oder Haschisch. Betrugs-, Vergewaltigungs- oder Tötungsdelikte sind eher Straftaten, die von Erwachsenen begangen werden.

Sind es in der Mehrzahl Jungs, die Straftaten begehen oder sind es auch zunehmend Mädchen, die kriminell werden?

Jugendkriminalität wird schwerpunktmäßig von männlichen Tatverdächtigen begangen. Natürlich werden auch mal junge Mädchen beim Ladendiebstahl oder anderen Straftaten erwischt; ich kann mich aber nicht erinnern, wann wir unsere letzte jugendliche Einbrecherin hatten. Natürlich gibt es auch weibliche Tatverdächtige im Rauschgiftbereich, es kommt auch mal vor, dass sich Mädchen untereinander schlagen, und dass es in der Folge zur Anzeige kommt. Die massiven Delikte werden aber eher vom männlichen Geschlecht begangen.

Was sind typische Delikte, die von Männern begangen werden, welche werden eher von Frauen begangen?

Bei Frauen sind es eher Ladendiebstähle, Bedrohungen, Nötigungen und das eine oder andere Körperverletzungs- und Rauschgiftdelikt. Schon bei gewaltsamen Sachbeschädigung oder gravierenden Einbrüchen, Seriendelikten oder gefährlicher Körperverletzung werden weibliche Tatverdächtige deutlich weniger registriert.

Warum begehen Männer die schlimmeren Delikte? Was war das schlimmste Ereignis in ihrer bisherigen Dienstzeit?

Vielleicht haben sich Frauen eher unter Kontrolle als Männer. Dazu kommt noch, dass Männer Frauen körperlich meist überlegen sind. Bei Gewaltdelikten spielt oft die körperliche Kraft eine Rolle. Das schlimmste Delikt, das ich in meiner Berufslaufbahn miterlebte, war das Tötungsdelikt an einem Mädchen hier im Landkreis. Es kam durch Stichverletzungen ums Leben. Der männliche Täter wurde gefasst und verurteilt.

Wie kann man Jugendkriminalität verhindern? Welche Maßnahmen könnten zu einer Verminderung der Straftaten unter Jugendlichen führen?

Die Gesellschaft muss Bedingungen schaffen, die eine positive Entwicklung von jungen Menschen fördern. Dazu müssen alle in der Gesellschaft beitragen. Elternhaus, Kindergarten, Schulen, Vereine und das persönliche Umfeld spielen da eine Rolle. Die Polizei versucht durch Präventionsarbeit über bestimmte Gefahren wie Drogen oder Gewalt zu informieren, kommt aber oft erst dann ins Spiel, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist.

Wenn man sich Statistiken zur Jugendkriminalität in Deutschlandanschaut, wo steht denn dabei der Kreis Calw?

Mit Sicherheit dort, wo die positiven Zahlenwerte zu verzeichnen sind. Auch was die allgemeine Kriminalität betrifft, ist der Kreis Calw für die Einwohner sehr sicher. Wir haben zusammen mit vier anderen Landkreisen in Baden- Württemberg die geringste Kriminalitätsrate. Baden-Württemberg selbst steht im Vergleich mit anderen Bundesländern ebenfalls immer ganz vorne, wenn es um die Sicherheit der Bürger geht.

Die Fragen stellten Tristan Schmidlechner, Jannik Nödinger, Danny Goll und Samuel Janus. Sie sind Schüler der Klasse 8a des Otto-Hahn Gymnasiums Nagold.