Warum sehe ich diesen Hinweis?

Sie sehen diesen Hinweis, weil Sie einen Adblocker eingeschaltet haben oder im privaten Modus surfen. Deaktivieren Sie diesen bitte für schwarzwaelder-bote.de, um unsere Artikel ohne diesen Hinweis lesen zu können.

Mehr zum Thema Adblocker / Privater Modus und wie Sie diesen deaktivieren, finden Sie, indem Sie auf deaktivieren klicken.

Deaktivieren

Calw Info

Von
Foto: Gambarini Foto: Schwarzwälder-Bote

Die Utopie des Vereins: irgendwann einmal überflüssig zu sein, weil die Gesellschaft den Vereinszweck überwunden hat. Aber bis dahin wird sich der Calwer Verein "Frauen helfen Frauen" weiter für Opfer familiärer Gewalt einsetzen. Wie seit mittlerweile über 25 Jahren schon.

Calw. Es herrscht höchste Sicherheitsstufe bei diesem Interview. Wer Wilma L., Franziska M. oder Elena F. wirklich sind, bleibt geheim. Die Namen sind deshalb frei gewählt für dieses Gespräch. Fotografieren? Absolut verboten. Die drei Frauen sind hauptamtliche Mitarbeiterinnen des Calwer Frauenhauses, der wesentlichen Einrichtung des Vereins "Frauen helfen Frauen". Nur Margit Kömpf als erste Vorsitzende und Ulrike Berkholz als zweite Vorsitzende trauen sich ein wenig mehr "aus der Deckung", sind die offiziellen Repräsentanten des Vereins.

Auch wo sich das Calwer Frauenhaus eigentlich befindet, ist nur Eingeweihten bekannt. All das dient der Sicherheit – nicht nur der der Frauen und Kinder, die vor gewalttätigen Ehemännern und Vätern Schutz suchen. Auch der Mitarbeiterinnen des Frauenhauses und des Vereins selbst, denn deren Erfahrung zeigt: "Ist die Partnerin aus der Einfluss-Sphäre des Gewalttäters erst einmal heraus, richtet sich dessen Aggressivität oft gegen uns."

Männer sind Gewalttäter. Wenn der Verein "Frauen helfen Frauen" und das Frauenhaus aktiv werden, ist es zumindest einer von ihnen geworden. Insgesamt 1357 Frauen und 2178 Kindern haben seit der Gründung des Vereins am 7. Juni 1991 und der Eröffnung des Calwer Frauenhauses ein Jahr später am 1. Juni 1992 Schutz hier gesucht. Doch viele – und das ist für alle hier schmerzlich – mussten auch abgewiesen werden, weil das Frauenhaus mit seinen heute 20 Plätzen einfach schon voll war. Im Jahr 2015 allein 90 mal, im Jahr 2016 insgesamt 79 mal. Jeder Fall davon ein dramatisches Schicksal.

Wilma spricht den schockierenden Satz aus: "Jedes Mal wenn eine Frau bei uns Hilfe sucht, ist ein Mann tatsächlich zum Straftäter geworden." Seine Ehefrau, seine Partnerin zu schlagen, ist ein Verbrechen. Da gibt es keine Grauzone. Egal was die Gründe sind, wie sehr es dem Täter hinterher auch leid tut. Täter! Wilma ist gelernte Soziologin, systemische Familientherapeutin. Kollegin Franziska Trauma-Pädagogin. Elena Sozialarbeiterin, Sozialpädagogin – die Jüngste im Team. Ja, sagt sie, es sei jedes Mal ein Thrill, wenn quasi konspirativ ein Treffen mit einer Frau, die Opfer geworden ist, vereinbart werde. Keine Notizen dürfe die sich machen, müsse das Handy ausschalten, um dessen Ortung zu vermeiden. Aber brauchen tue man diesen Thrill wirklich nicht. "Das mulmige Gefühl geht nie ganz weg."

Denn manchmal machten die "Täter" das Frauenhaus doch ausfindig, schleichen dann ums Haus, "im besten Fall mit einem Blumenstrauß". Auch das gebe es. Aber eben auch die mit den Baseball-Schlägern. Deshalb ist jeder Fall der Ausnahmezustand – für die Betroffenen, für die Helferinnen. Das Umfeld.

Aber das Leben soll so schnell wie möglich wieder in normale Bahnen verlaufen. Die Gewalt, die Täter – immer ein Fall für die Justizbehörden. Die Opfer brauchen Ruhe, um zur Besinnung zu kommen. Ein Leben wieder zu finden außerhalb des Ausnahmezustands. Eine neue Wohnung, ein sicheres Wohnumfeld. "Das wird immer schwieriger", weil die Wohnungsnot in der Region immer größer wird.

Verurteilung als eine Art neuer Geburtstag

Und nicht immer gibt es ein Happyend. "Fall 10" von den bis heute 1357 Fällen des Vereins Frauen helfen Frauen sei solch ein Negativ-Beispiel. Mehrmals habe die Frau mit ihren zwei Kindern umziehen müssen, um sich eine eigene Existenz aufzubauen. Die Kindern sind heute längst erwachsen, sind "fest im Sattel", haben studiert.

Doch der Vater – der Täter – lässt nicht locker, sucht sie, findet sie immer wieder. "Verbreitet Angst und Schrecken." Für die Mutter auch eine Odyssee durch Sucht und Trauma. Den Tag der Gerichtsverhandlung, der Verurteilung des "Täters", habe sie trotzdem als eine Art neuen Geburtstag erlebt. Eine Befreiung. Ein besonderer Tag voller Dankbarkeit für ihre Retterinnen. Wie gesagt – jeder Fall ein dramatisches Schicksal.

Und zwar nicht weit weg. Sondern hier um die Ecke. Gleich nebenan. Quer durch alle Gesellschaftsschichten. Quer durch alle Bildungsschichten. Die Firnis der heilen Welt – jeder heilen Welt um uns herum – kann immer und überall dünn sein. Bis es zur Gewalteskalation kommt. Auch deshalb wird das mit der Utopie des Vereins "Frauen helfen Frauen" wohl noch sehr lange Utopie bleiben.

Weshalb sich der Verein hilfsweise erst einmal auch einfach eine sichere Finanzierung für die Zukunft wünscht. Denn nicht alle Kosten des Frauenhauses werden von öffentlichen Kostenträgern erstattet, der Verein bleibt bisher auf Spenden angewiesen.

Und vielleicht der Wunsch "eines männlichen Gegenüber" – ein Verein "Männer helfen Männer" – für die Täterseite. In Tübingen gebe es solch ein Verein, "Pfundskerle" heißt der. Und der kümmere sich um Männer und Väter, die zu Tätern geworden sind. Um auch die in diesen absoluten Ausnahmesituationen aufzufangen. Und in ruhigeres Fahrwasser zu manövrieren. Bewusstseinsarbeit zu leisten. "Gewalt ist niemals der Weg." Aber auch das bleibt erst mal noch eine Utopie.

Der Verein "Frauen helfen Frauen" begeht des 25-jährige Bestehen seines Calwer Frauenhauses mit verschiedenen Veranstaltungen und Aktionen im laufenden Jahr: 22. Mai bis 2. Juni, Ausstellung in der VHS Calw "Warnsignale häuslicher Gewalt"; 31. Mai, 19. Uhr in der VHS Calw, Lesung mit Edith Beleites "Und das soll Liebe sein? - Geschichten einer bedrohlichen Beziehung", aus dem Werk der Autorin Rosalind P. Penfold; 18. September, Vortrag für Fachpublikum "Wenn die Wunde verheilt ist, schmerzt die Narbe; Trauma bei Kindern und die Folgen" mit dem Referenten Alexander Korittko, Paar- und Familientherapeut; 23. September, 19 Uhr Kubus Nagold, Konzert der Gruppe Wonnebeats aus München; 1. bis 15. Oktober, "Gewalt kommt nicht in die Tüte" – Bäckereien der Region verkaufen ihre Waren in Tüten mit diesem Slogan; im Dezember – Bärentatzenbacken auf dem Calwer Weihnachtsmarkt zugunsten des Frauenhauses.

Ihre Redaktion vor Ort Calw

Ralf Klormann

Fax: 07051 20077

Flirts & Singles

 
 

Top 5

0

Kommentare

Artikel kommentieren

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.