Froh, endlich einen für alle Seiten akzeptablen Planungs-Kompromiss für den Bau der Hermann-Hesse-Bahn erzielt zu haben: Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (rechts) und der Landrat des Kreises Calw, Helmut Riegger. Foto: Kunert Foto: Schwarzwälder-Bote

Verband Region Stuttgart setzt bei Verkehrsminister und Landkreisen Option auf Umwandlung nach dem Jahr 2028 durch

Von Axel H. Kunert

Stuttgart/Kreis Calw. Die Hermann-Hesse-Bahn zwischen der Stadt Calw und den Städten Weil der Stadt beziehungsweise Renningen kommt – und zwar sollen die ersten dieselbetriebenen Züge am 1. Dezember 2018 rollen. Danach allerdings könnte die Hesse-Bahn doch noch in eine Erweiterung der S-Bahn-Linie 6 umgewandelt werden, die dann von Stuttgart bis nach Calw verlängert würde.

Die neue Situation ergab sich gestern in einem offensichtlichen Kraftakt einer großen Vertreter-Runde beim Landesminister für Verkehr und Infrastruktur, Winfried Hermann, an der neben den Landräten der Kreise Böblingen und Calw, Roland Bernhard und Helmut Rieger, auch die Bürgermeister der betroffenen Kommunen teilnahmen, sowie die Regionaldirektorin des Verbands Region Stuttgart (VRS), Nicola Schelling, als Trägerin des Stuttgarter S-Bahn-Netzes.

Damit sei jetzt der Weg endgültig frei, noch in diesem Jahr mit den ersten Baumaßnahmen zur Reaktivierung des alten Schienenstrangs der ehemaligen württembergischen Schwarzwaldbahn zu beginnen, so Hermann,

Geeinigt hat sich die große, bis zu diesem Treffen in Teilen tief zerstrittene Runde im Detail auf einen Zwei-Stufen-Plan, der aus Sicht von Minister Hermann "einen guten Kompromiss für alle Beteiligten darstellt". Demnach wird in einem ersten Schritt die bisherige Planung zur Hermann-Hesse-Bahn wie vorgesehen umgesetzt, wobei man in einzelnen Bauabschnitten die historische Trasse zwischen Calw und Renningen wieder soweit herrichten will, dass mit Stichtag 1. Dezember 2018 die ersten, dieselbetriebenen Züge den Dienst aufnehmen können. Dabei gilt, dass in der Anbindung der Hesse-Bahn an die S-Bahn-Linie 6, die bekanntlich derzeit bis Weil der Stadt fährt, die S-Bahn-Linie in der Koordination von An- und Abfahrtzeiten immer Vorrang genießt.

In den dann folgenden fünf bis zehn Jahren bis voraussichtlich 2028 – solange würde ein entsprechendes neues, beziehungsweise verändertes Planfeststellungsverfahren zeitlich in Anspruch nehmen – wollen sich der Landkreis Calw und der VRS gemeinschaftlich darauf einigen, ob der Bahnbetrieb zwischen Calw und Weil der Stadt/Renningen langfristig als Hesse-Bahn fortgeführt wird; dann allerdings aus Umweltschutzgründen mit Triebwagen in Brennstoffzellen-Technik. Oder ob man eine Elektrifizierung der reaktivierten Strecke in Angriff nehmen möchte, um die S-Bahn-Linie 6 über Weil der Stadt hinaus bis nach Calw im Regelbetrieb zu verlängern – was, so VRS-Regionaldirektorin Schelling, "immer schon der Planungswunsch des Verbands Region Stuttgart" gewesen sei.

Was aus Bürgersicht dabei vielleicht kurios anmutet: Als der Kreis Calw bereits in den Jahren 2010/11 mit den Planungen einer schienengebundenen Anbindung des Landkreises an die Metropolregion Stuttgart begann, favorisierte man damals ebenfalls bereits die S-Bahn-Anbindung. Erst als der VRS aus Kostengründen der Planungseinladung aus Calw damals eine Abfuhr erteilte, begann der Landkreis Calw gemeinsam mit dem Nachbarkreis Böblingen und den betroffenen Kommunen über eine eigene Bahnbetriebsgesellschaft nachzudenken, die dann recht bald den Namen "Hesse-Bahn" erhielt.

Allerdings wirklich glücklich scheint Calws Landrat Helmut Riegger jetzt mit der Aussicht nicht zu sein, dass es zumindest ab dem Jahr 2028 nun doch noch einen S-Bahn-Halt in Calw geben könnte. Denn der Umstand, dass für den jetzt gefundenen Kompromiss mit dem VRS die gesamten, eigentlich bereits abgeschlossenen Planungen zur Hesse-Bahn "noch einmal aufgeschnürt" werden mussten, habe doch sehr viel Kraft und Nerven gekostet. Denn der Zeitplan für die Realisierung des ehrgeizigen Verkehrsprojektes, das Minister Hermann unmissverständlich auch für sich und sein Amt zu einem verkehrs-ökologischen Prestige-Projekt gemacht hat, ist aus förderrechtlichen Gründen extrem eng gesteckt.

Rund 50 Millionen Euro Kosten sind allein für die reinen Baumaßnahmen bis 2018 veranschlagt, von denen das Land die Hälfte tragen will – vorausgesetzt, die Beamten aus Ministerium und den Landkreisen bekommen die zahllosen Details der Förderbedingungen nun ebenfalls zügig für dieses Projekt umgesetzt. Denn exakt Ende 2018 laufen die im Raum stehenden Fördermöglichkeiten des Landes aus. Das heißt, die ersten Züge der Hesse-Bahn müssen noch in 2018 fahren – sonst besteht für den Kreis Calw als künftigen Träger der Hesse-Bahn die Gefahr, die bis dahin erhaltenen Fördergelder an das Land zurückzahlen zu müssen.

Aber es sei gut, so Riegger, dass dieser Kompromiss nun für alle Beteiligten gefunden worden sei. Bevor nun allerdings offiziell der allererste Spatenstich für die Hesse-Bahn erfolgen kann, müssen nun auch noch die regionalen Gremien, also die betroffenen Kreistage und Gemeinderäte, der Vereinbarung zustimmen. Das gelte aber als Formsache, so der Tenor gestern.

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