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Calw Haftstrafe für Missbrauch von Großneffen

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Das Landgericht Tübingen war wieder einmal Schauplatz eines Missbrauchs-Prozesses. Foto: Archiv/sb

Nagold/Tübingen - Über Jahre hinweg missbrauchte der Onkel seinen Großneffen sexuell, bis das Opfer eines Tages um Einhalt bat: "Ich will das nicht mehr". Der Onkel ließ von ihm ab. Zehn Jahre ist das nun her. Jetzt holte diese kriminelle Vergangenheit den Täter ein.

Reglos nahm der heute 56-jährige K., in Handschellen vorgeführt und blauer Häftlingskleidung gewandet, das Urteil der 1. Großen Strafkammer am Landgericht Tübingen entgegen. Er wusste, was ihn erwartete. Am Ende verkündete der Vorsitzende Richter Ulrich Polachowski "im Namen des Volkes": Sieben Jahre soll K. sitzen. Mal wieder. Es ist nicht das erste Mal, dass er wegen sexuellen Missbrauchs ins Gefängnis muss.

Der 56-Jährige hatte alles gestanden. Drei Jahre währte das Martyrium seines damals zwischen 13 und 16 Jahre alten Großneffen. Oberstaatsanwältin Rotraud Hölscher "gruselt es" noch heute, welche Dimension dieser Fall annahm, der so vermeintlich "harmlos und klein" als Akte auf ihrem Tisch landete: "Ich kann kaum in Worte fassen, was da passiert ist."

"Ich weiß nicht, wer wem was verschwiegen hat"

So viel kam in dem teilweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführten Prozess ans Licht: Die sechs Jahre, die K. schon einmal wegen sexuellen Missbrauchs in Haft war, waren ihm keine Lehre. Kaum sechs Wochen wieder in Freiheit, suchte er sich ein neues Opfer – und fand es in seinem Großneffen. Dabei fragt sich die Anklägerin bis heute, wie K. das Vertrauen des Jungen so missbrauchen und gleichsam seine gesamte Verwandtschaft hinters Licht führen konnte: "Ich weiß nicht, wer wem was verschwiegen hat." Jahre später, bei der Polizeivernehmung, sagte das Opfer, dass ihm sowieso niemand geglaubt hätte, was der Onkel ihm antat. Nicht mal die Mutter.

Es waren den Schilderungen des Opfers vor Gericht zufolge bis zu 250 Fälle, die er seinem Onkel gefügig sein musste, wobei die Tatorte in Nagold und einer anderen Kreisgemeinde variierten: K. missbrauchte sein Opfer im Keller und auf dem Dachboden, im Wald und bei Spaziergängen. Obwohl der Täter selbst am Existenzminimum entlang hangelte, verteilte er danach Geschenke: Es gab 50 oder 100 Euro. Der Junge, so Staatsanwältin Hölscher, habe sich "seinem Schicksal ergeben". Bis er eben eines Tages den Mut aufbrachte und seinem Onkel klar signalisierte, dass er nicht mehr wollte. Dass sich K. daran hielt und von dem Jungen abließ, ersparte ihm die Sicherheitsverwahrung, die die Anklagevertreterin in diesem Prozess gefordert hatte.

"Das ist mit Geld nicht wieder gutzumachen"

Dass der Angeklagte geständig war, wertete die Strafkammer genauso strafmildernd wie die Tatsache, dass die Taten Jahre zurückliegen. Auch die Bereitschaft des Angeklagten, während der Haft seine Persönlichkeitsstörung im Sexualverhalten therapeutisch behandeln zu lassen, fiel positiv ins Gewicht. Strafverschärfend war hingegen sein Vorstrafenregister, darunter auch versuchter Mord, der sich über Jahre hinziehende Tatzeitraum in diesem Missbrauchsfall, aber vor allem die seelischen Folgen für den Jungen, der heute, als Erwachsener, mit diesen Erinnerungen und nachts mit Alpträumen leben muss. 8000 Euro bekommt das Opfer als Schmerzensgeld zugeschrieben, wobei auch der Angeklagte gegenüber seinem Verteidiger einräumte: "Das ist mit Geld nicht wieder gutzumachen."

Siebeneinhalb Jahre Haft für K. forderte die Staatsanwaltschaft, die Verteidigung hielt sechs Jahre für angebracht. Am Ende des zweitägigen Prozesses verkündete der Vorsitzende Richter sieben Jahre Gefängnis und gestand bei der Urteilsbegründung selbst ein, wie "quälend" es für einen Strafjuristen sei, mehr als 200 Missbrauchsfälle auf die letztlich nachweisbaren Taten herunterzubrechen. Am Ende blieben 29 Fälle übrig, die juristisch ins Gewicht fielen.

Eine Sicherheitsverwahrung, wie sie die Oberstaatsanwältin für K. vorbehaltlich nach der Haft gefordert hatte, scheiterte auch an formalen Gründen. Die Strafkammer hätte für diesen Fall neu besetzt werden müssen. Das lehnte die Kammer ab. Dass K. laut Anklagevertreter eine Gefahr für die Allgemeinheit darstelle, dieser Meinung wollte der Vorsitzende Richter "nicht beitreten".

K. nahm das Urteil noch im Gerichtssaal an.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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