Anlässlich des 8. März werden zwei besondere Stadtführungen in Calw und Hirsau angeboten – mit neuem Blick auf die Geschichte.
Bemerkenswerte Calwer Frauen – ob Schriftstellerin, Unternehmerin, Stadträtin, Visionärin, Schauspielerin aber auch Frauen, die aufgrund ihres Geschlechts zu Opfern wurden – sie alle verbindet ein Schicksal: Bis heute wurden ihre Geschichten übersehen oder schlichtweg ignoriert.
Damit sollte in Calw und Hirsau Schluss sein. Seit Sommer 2002 setzt das Projekt „Frauengeschichte in Calw“ – ein Zusammenschluss engagierter Frauen – ein Zeichen: Mit Hinweistafeln an Gebäuden werden Frauen sichtbar gemacht, die Calws Geschichte prägten. Auch der Stadtführer „Frauenwege durch Calw“ entstand im Oktober 2003 aus dieser Initiative.
Neun Geschichten
Zum Weltfrauentag am 8. März in Calw wird um 16 Uhr eine Sonderführung angeboten, die neun Frauen in den Mittelpunkt stellt. Dieser Rundgang ist den Frauen gewidmet, die die Geschichte Calws in besonderem Maße mitprägten, aber auch den Frauen, die im Rahmen ihrer eher „typischen“ Lebenswege besondere Stärke und Mut bewiesen. Der Erfolg der Broschüre „Frauenwege durch Calw“ und die Resonanz auf die darauf basierenden Stadtführungen bestärkte die Projektgruppe „Frauengeschichte in Calw“, die Recherchen und Interviews zu Frauenleben auch auf die weiteren Stadtteile Calws auszudehnen.
Die Projektgruppe realisierte daraufhin im Jahr 2007 unter der Leitung von Beate Ehnis und Marina Lahmann die Publikation „Frauenwege durch Hirsau“.
Nun findet in Hirsau erstmals offiziell eine Führung unter der Leitung von Eberhard Bantel statt, der die Planung des Rundwegs maßgeblich vorantrieb. Angestoßen wurde das Projekt von der Ortsvorsteherin Jacqueline Jakob, die Bantel wiederholt bat, ein ähnliches Format wie den Altburger Bohnenberger Geschichtsweg auch in Hirsau umzusetzen.
„Es war mir der große Umfang der Aufgabe bewusst“, sagt Bantel. „Aber ich wusste auch, dass ich über das Know-how und die Vernetzungen verfüge.“
Seit der Einweihung des Rundwegs „Frauenwege durch Hirsau“ am 9. November 2025 kann der Weg eigenständig begangen werden. Für Bantel sind dabei nicht einzelne Stationen entscheidend, sondern das Gesamtbild: Im Mittelpunkt stehen Frauen, die lange im Schatten ihrer Männer standen und häufig unerwartet Verantwortung übernehmen mussten. „Und sie haben die Herausforderungen gemeistert“, sagt Bantel.
Der Rundweg soll diesen oft übersehenen Beitrag sichtbar machen. Frauenarbeit, ob in Gewerbe, Kunst, Wissenschaft, Politik oder im sozialen Bereich, werde noch immer zu selten gewürdigt, so Bantel. Gerade deshalb sei es wichtig, den gesellschaftlichen Einfluss von Frauen bewusst ins öffentliche Gedächtnis zu rücken.
Ein wichtiges Thema, das die Calwer Stadtführung beleuchtet, sind die Massenvergewaltigungen in Calw 1945 nach dem Krieg. Bis heute habe man nicht darüber gesprochen, meint die inzwischen verstorbene Zeitzeugin Erika Heinz im Calwer Stadtführer. Dass diese Aufarbeitung nötig ist, beschreibt sie treffend: In der ganzen Stadt hätte es wohl kein Haus gegeben, in dem nicht mindestens eine Frau Opfer der Soldaten geworden sei.
Die Auseinandersetzung mit diesen oft verdrängten Kapiteln zeigt, wie notwendig eine bewusste Erinnerung ist. „Hirsau ist zusammen mit Calw voll von Kultur, die zeitweise auch vernachlässigt wurde“, so Bantel. Die Stadtführungen wollen genau diesen Raum schaffen.
Die Führung „Frauenwege durch Calw“ findet am 8. März ab 16 Uhr statt. Start der Führung ist am Marktplatz vor dem Calwer Rathaus. Die Führung „Frauenwege durch Hirsau“ findet am 8. März ab 11 Uhr statt. Start der Führung ist vor dem Hirsauer Rathaus. Beide Führungen dauern etwa eineinhalb Stunden und sind kostenfrei – eine Anmeldung ist nicht erforderlich.