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Calw Eine Win-Win-Situation?

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Foto: ©  Jörg Lantelme – stock.adobe.com Foto: Schwarzwälder Bote

Entspannt steht Dea N. (25) mit ihren beiden Gastgeschwistern in der Küche und backt Plätzchen. Aus dem kleinen Küchenradio schallen Weihnachtslieder und das Feuer im Kamin knistert behaglich. Als sie am Abend ihr Zimmer betritt, fängt sie an zu weinen. Das Heimweh plagt sie in den ersten Wochen als Au-Pair sehr.

"Au-Pairs", das sind laut Bundesagentur für Arbeit Jungen und Mädchen im Alter zwischen 18 und 28 Jahren, die zum Erlernen der deutschen Sprache und Kultur nach Deutschland kommen. Sie erhalten kostenlos ein eigenes Zimmer und Verpflegung. Außerdem werden ihnen monatlich ein Taschengeld von 260 Euro, ein Fahrtkostenzuschuss von 60 Euro sowie ein Sprachkurszuschuss von 50 Euro, vier Wochen bezahlter Urlaub und mindestens ein Ruhetag pro Woche geboten. Als Gegenleistung müssen die Au-Pairs 30 Stunden die Woche auf die Gastgeschwister aufpassen und häusliche Tätigkeiten übernehmen.

Sich Zeit zu lassen, um einander kennenzulernen, zahlt sich aus

Allerdings häufen sich die Berichte über Au-Pairs, die schlecht behandelt oder sogar misshandelt wurden, und über Familien, die der Hilfskraft ihre Kinder nicht mehr anvertrauen wollen, weil sie zu unzuverlässig sind. Ist das Au-Pair Programm also noch eine Win-Win- Situation?

Die meisten Au-Pairs werden ihren potenziellen Gasteltern über Vermittlungsseiten im Internet vorgestellt. Bevor es dann in die Familie geht, führen sie über den Videochat persönliche Gespräche, um sich kennen zu lernen.

Die 22-jährige Londa L. , ein ehemaliges Au-Pair-Mädchen aus Georgien, sagt: "Die Gasteltern sollten dem Au-Pair und sich selbst viel Zeit lassen, einander gut kennen zu lernen." So kann einem allzu großen Kultur- oder Familienschock vorgebeugt werden. Im Notfall gibt es sowohl die Notfallhotline und die Absicherung der Agentur als auch eine Kündigungsfrist von zwei Wochen, dank derer die Au-Pairs noch Zeit haben, sich eine neue Gastfamilie zu suchen. Dies sind gute Voraussetzungen für den Erfolg des Projekts.

Dennoch gibt es viele schwarze Schafe unter den Vermittlungswebseiten. Oft genug ziehen die Vermittler Au-Pairs und Gastfamilien nur das Geld aus der Tasche und helfen besonders den Au-Pairs bei Schwierigkeiten nicht weiter. Außerdem haben sowohl Gastfamilien als auch Au-Pairs oftmals Angst, die andere Partei zu melden. So berichtet Karsten W. über sein erstes Au-Pair, dass er das Mädchen zum Schuss nicht mehr allein im Haus lassen konnte, weil sie sich geweigert hätte, am Familienleben teilzunehmen. "Ich habe ihr gekündigt, weil sich die Kita oft darüber beschwert hat, dass mein Sohn nicht rechtzeitig abgeholt worden ist. Außerdem hat sie die Hausarbeit, wenn überhaupt nur widerwillig erledigt", führt der 42-Jährige aus. Auch die Statistiken zeigen, dass Au-Pair-Beziehungen alles andere als ruck-zuck im Internet aufzubauen sind: Jedes zweite Au-Pair wechselt mindestens einmal die Familie.

Und das, obwohl viele Au-Pairs auf eine lehrreiche Erfahrung angewiesen sind, um sich eine bessere Zukunft aufbauen zu können. "Meine Motivation war es, unabhängig leben zu können. Außerdem wird mir die deutsche Sprache in Zukunft helfen, weil ich Psychologie studiere. Es ist eine Option für mich, nach meinem Studium erneut nach Deutschland zu kommen, um hier zu arbeiten" erklärt Londa L. in etwas gebrochenem Deutsch. Für Menschen wie sie ist ein Au-Pair-Jahr eine der wenigen Chancen, recht kostengünstig eine andere Sprache intensiv zu erlernen.

Allerdings wird für viele Au-Pairs auch der Traum zum Albtraum. So berichten Susanne Flegel und Marita Grammatopoulos vom "Au-Pair-Hilfe e.V." dem Spiegel 2018, dass sich die meisten Familien nicht an die vereinbarten Richtlinien halten würden. Darunter leiden die Au-Pairs besonders dann, wenn sie zu den 45 Prozent der Au-Pairs gehören, die aus Nicht-EU-Ländern, wie der Ukraine, Georgien oder Nepal, kommen, da das Au-Pair-Programm für sie nahezu die einzige Chance darstellt, sich kostengünstig in der EU sprachlich zu qualifizieren.

Vertrauensverhältnis ist die Grundlage für erfolgreichen Austausch

Betrachtet man die Situation der Gastfamilien, so beteiligen sie sich in erster Linie deshalb am Au-Pair-Austausch, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Sie haben, wie die Au-Pairs, das Ziel, das Projekt erfolgreich umzusetzen. Manche Familien wollen ihre Kinder so schon früh mit anderen Kulturen und Sprachen bekannt machen. Das Au-Pair-Programm ist gerade für sie eine der wenigen Möglichkeiten, da die Kinder und auch die Gasteltern in einer vertrauensvollen Umgebung zusammenleben können. Es gibt keine vergleichbaren Projekte in Deutschland, die Kulturaustausch, Sprachvermittlung und Unterstützung im Haushalt und bei der Kinderbetreuung über einen so langen Zeitraum fördern wie das Au-Pair-Programm.

Meine Meinung ist klar: Das Au-Pair-Wesen ist, wenn von beiden Seiten gut gestaltet, eine Win-Win-Situation. Ich selbst lebe seit drei Jahren immer wieder mit Au-Pairs zusammen, bislang waren es bereits vier, und es überwiegen nach meiner Wahrnehmung eindeutig die positiven Seiten einer Au-Pair-Erfahrung. Dennoch sollten Au-Pairs gesetzlich besser abgesichert werden, da sie leider immer wieder schlechte Erfahrungen mit Gasteltern sammeln.

Mein Tipp an zukünftige Au-Pairs ist: Sich in den ersten Monaten nicht von Heimweh und Kulturschocks einschüchtern lassen. Eine Bewerbung sollte nur dann in Erwägung gezogen werden, wenn Ihr kinderlieb seid, keine Hausarbeit scheut und im Vorfeld im Austausch mit Au-Pairs gewesen seid. Gastfamilien sollten sich ebenfalls viel Zeit dafür nehmen, das Gegenüber kennenzulernen. Wenn auf beiden Seiten ein gutes Vertrauensverhältnis herrscht, kann das Au-Pair-Programm gelingen und zu einer Win-Win-Situation werden.   Die Autorin ist Schülerin der Klasse 9d des Maria von Linden-Gymnasiums in Calw

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