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Calw Corona-Pandemie war ein "Riesen-Kraftakt"

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Calws Chefarzt Martin Oberhoff (von links), Denis Döring, Leiter der später so genannten "Corona-Station", Ilona Jochem, Leiterin der Zentralen Notaufnahme, und Alexandra Freimuth, Regionaldirektorin des Kreisklinikums Calw-Nagold, gaben bei einem Besuch in der Calwer Klinik einen Überblick zur Corona-Pandemie vor Ort. Foto: Klormann

Calw - Drei, vier Tage brauchte es, bis das Calwer Krankenhaus sich auf die Corona-Pandemie eingerichtet hatte. Ein "Riesen-Kraftakt" für alle Beteiligten, meint Chefarzt Martin Oberhoff. Schließlich galt es, alle Bereiche, in denen Corona-Patienten behandelt werden, von denen der anderen Patienten zu trennen. Wie das vonstatten ging und wie sich das Krankenhaus für eine eventuelle zweite Welle rüstet, erfahren Sie in unserem (SB+)-Artikel.

Ob beim Einkaufen, im Bus oder in öffentlichen Gebäuden – überall herrscht Maskenpflicht, Menschen halten Abstand zueinander, wo auch immer es geht. Obwohl die Corona-Fallzahlen deutlich zurückgegangen sind, Normalität – wie man sie vor der Krise kannte – scheint vielerorts noch weit entfernt zu sein.

Am Eingang wird weiterhin Fieber gemessen

Das wird auch beim Betreten des Calwer Krankenhauses deutlich: Fiebermessen am Eingang, danach ein Formblatt mit Kontaktdaten ausfüllen. Notwendige Vorsichtsmaßnahmen, die wohl noch einige Zeit beibehalten werden dürften, um Personal und Patienten zu schützen. Und doch nur ein Schatten dessen, was hier, wie in unzähligen anderen Kliniken, zu Beginn der Pandemie gestemmt werden musste.

Hohe Sterberate auf Intensivstationen im Kreis Calw

Calws Chefarzt Martin Oberhoff, Ilona Jochem, Leiterin der Zentralen Notaufnahme, Denis Döring, Leiter der Isolierstation und Alexandra Freimuth, Regionaldirektorin des Kreisklinikums Calw-Nagold, gaben bei einem Besuch in der Klinik einen exklusiven Einblick in die nicht allzu ferne Vergangenheit.

Ein großes, weißes Zelt steht noch dort, wo sonst üblicherweise fast nur Fahrzeuge des Rettungsdienstes verkehren, als wir das Calwer Krankenhaus besuchen. Ein Überbleibsel der vorläufig ersten Hochphase der Pandemie – und eine der zahlreichen Maßnahmen, um potenziell Infizierte isoliert zu untersuchen und somit eine Ausbreitung des Virus zu verhindern. Denn dort wurden Patienten mit Verdacht auf Corona empfangen, die per Krankenwagen in die Klinik kamen. Unter anderem zwei Betten mit der Möglichkeit zur Sauerstoffversorgung der Erkrankten, Licht, Heizstrahler, Computer und EKG-Messgeräte waren hier ab Mitte März untergebracht. Direkt daneben ein separater Eingang, streng getrennt von anderen Patienten, für jene Erkrankten, die mobil waren.

Eigens eingerichtete Corona-Station

Von dort aus nahm alles seinen abgeschirmten Weg: Unterlagen über ein Fenster einreichen, in Tüten verpacken, einscannen, vernichten. Wer als Mitarbeiter das Gebäude betrat, legte Schutzbrille, Maske, Handschuhe, Schutzkleidung an, bevor es zu den Patienten ging. Vom Behandlungszimmer direkt in einen den Verdachtsfällen vorbehaltenen, "infektiösen" Fahrstuhl und weiter in den vierten Stock, die eigens eingerichtete Corona-Station.

Eine Station, die jedoch auch vorher keineswegs leer war: Büros von Ärzten mussten verlagert, innerhalb von 24 Stunden alte Duschen reaktiviert oder ein Bücherlager zur Umkleidekabine umfunktioniert werden. Aus zunächst vier Isolierzimmern, die es dort auch in "Normalzeiten" gibt, wurden am Ende 21; in Hoch-Zeiten waren bis zu 17 davon gleichzeitig belegt. Und gerade mal zwölf Stunden dauerte es, bis in der Intensivstation – wo die Beatmungskapazitäten übrigens verdoppelt wurden – Trennwände errichtet waren, um Betroffene zu isolieren.

Kollegen aus anderen Stationen meldeten sich freiwillig

Generell, so Oberhoff, habe man in "rote und orangene Zonen unterschieden". Orange für die Dokumentation, rot für den "verseuchten Bereich", wo tatsächlich oder vermeintlich Infizierte untersucht und behandelt wurden. "Innerhalb von drei, vier Tagen ist das alles aufgebaut worden", berichtet der Chefarzt, der von einem "Riesen-Kraftakt" für alle Beteiligten spricht. Und beteiligt waren von den Klinikmitarbeitern praktisch alle, die nicht andernorts gebraucht wurden, und quer durch alle Berufe – von Ärzten über Pflegekräfte bis hin zu Technikern, Reinigungskräften und sogar dem Gärtner, der bei der Entsorgung kontaminierten Mülls half. Auch etliche Kollegen aus anderen Stationen meldeten sich freiwillig, um zu unterstützen.

Und während vor Ort die Umsetzung im Vordergrund stand, zerbrachen sich Krisenstäbe des Klinikverbunds, auch in Kooperation mit anderen Krankenhäusern oder dem Landratsamt, im Hintergrund den Kopf über die nötigen Schritte, tagten dutzende Male. Nicht zuletzt wurden Kooperationsverträge mit Rehakliniken geschlossen, um beispielsweise Patienten zur Weiterversorgung dorthin zu überweisen. "Nur so konnten wir auch funktionieren", unterstreicht Oberhoff.

Für solche Situationen gibt es keine Blaupausen

Erst im Rückblick, so meint Regionaldirektorin Freimuth, werde einem selbst der enorme Aufwand bewusst. Aber auch die "tolle Abstimmung" und der Zusammenhalt des ganzen Personals – praktisch rund um die Uhr und an Wochenenden. Da es "keine Blaupausen" für eine solche Situation gegeben habe, mussten individuelle Lösungen mit "viel Kreativität und Einsatz" gefunden werden.

Anders wäre man des enormen Ansturms wohl kaum Herr geworden. Denn die Verunsicherung in der Bevölkerung und selbst bei Hausärzten war vor allem anfangs groß. "Es kamen viele mit unklarem Fieber", erzählt Notaufnahme-Leiterin Jochem. "Im Zweifel haben wir die Patienten immer hierbehalten."

KSK-Experten standen Klinik zur Seite

Bei vielen Maßnahmen standen dem Krankenhaus unter anderem Experten des Kommando Spezialkräfte zur Seite, die bei einer Ebola-Epidemie in Afrika Erfahrung gesammelt hatten, berichtet Oberhoff – beispielsweise, wie Schutzkleidung richtig an- und ausgezogen werden muss, um die Gefahr einer Ansteckung zu vermeiden. "Man musste wirklich jeden Handschlag überlegen", bekräftigt Stationsleiter Döring. Ein "stringentes Vorgehen", wie der Chefarzt es nennt, das Früchte getragen hat: Lediglich eine Mitarbeiterin habe sich während der gesamten Zeit selbst angesteckt – obwohl ständig enger Kontakt zu Infizierten bestand.

Sechs Wochen gab es nun keinen bestätigten Corona-Fall mehr im Calwer Krankenhaus, in Nagold wird seit wenigen Tagen wieder ein Covid-19-Patient stationär behandelt. "Aber es kommen täglich bis zu 15 Verdachtsfälle in allen Standorten an", sagt Ingo Matheus, Pressesprecher des Klinikverbunds. Dennoch: "Wir bauen langsam zurück", berichtet Oberhoff. Und sollte sich die Lage wieder ändern, stehe man in den Startlöchern: Innerhalb von 48 bis 72 Stunden, so erklärt der Chefarzt, könne der gesamte Corona-Apparat der Klinik wieder in Gang gebracht werden.

"Entspannung ist nicht angesagt"

Einen Grund, nicht ins Krankenhaus zu gehen, gebe es wegen des Virus in jedem Fall nicht, betont Oberhoff, dem eine spezielle Entwicklung während der Krise Sorge bereitet: "Es sterben schätzungsweise genau so viele Leute wegen Corona wie an Corona", mahnt er. Beispielsweise der Herzinfarkt-Patient, der zu Hause bleibe, weil er eine Infektion fürchte. Dabei gebe es, angesichts der strengen Maßnahmen, um Infizierte von anderen abzuschirmen, überhaupt keinen Anlass.

Mittlerweile laufe das Krankenhaus auch ohne Corona-Patienten "wieder unter Volllast" und sei voll belegt. "Entspannung ist nicht angesagt", bestätigt auch Döring.

Dankbar, so erklärt Freimuth, sei man rückblickend auch für die Unterstützung, die es von allen Seiten gegeben habe. "Die Solidarität in der Bevölkerung war extrem groß", lobt sie; auch die lokale Politik habe schnell reagiert und geholfen – nicht zuletzt hinsichtlich der Beschaffung von Schutzausrüstung, die teilweise von Bürgern an der Pforte abgegeben worden sei. Denn "es gab Momente, da wussten wir nicht, ob es die nächsten ein oder zwei Tage noch reicht", erinnert sich Oberhoff.

Bilder von Bergamo ständig vor Augen

Zeiten, in denen niemand wusste, ob der Höhepunkt der Fallzahlen erreicht wurde, oder erst noch kommt. Mit den Bildern von Bergamo in Italien vor Augen, wo Mitarbeiter sich seinerzeit wegen fehlender Ausrüstung infizierten, eine hohe Belastung. "Da wird es einem schon anders", gibt der Chefarzt zu. Inzwischen seien die Lager aber voll, man sei vorbereitet. "So eine Situation wird nicht mehr eintreten", ist er zuversichtlich.

Einig sind sich alle, dass der Klinikverbund sich in dieser Situation bewährt habe. Gegenseitiges voneinander Lernen und einander Helfen oder auch gemeinsame Materialbestellungen hätten entscheidende Vorteile gebracht. Und zugleich sei deutlich geworden, welch wichtige Funktion gerade kleinen Kliniken in der Fläche bei der Bewältigung solcher Krisen zukomme; Kliniken, die in den vergangenen Jahren unter anderem wegen ihrer fehlenden Wirtschaftlichkeit in der Kritik standen – und ohne die es viel schlimmer hätte kommen können.

Appell: gegen Grippe impfen lassen

Eines ist Oberhoff am Ende des Gesprächs dann noch besonders wichtig: Dass das ­Virus, nun, da es weitgehend aus den Krankenhäusern verschwunden ist, nicht auch völlig aus dem Bewusstsein der Menschen verschwindet. Noch immer gelte es, vor­sichtig zu sein. Und er appelliert zudem, sich in der kommenden ­Saison gegen Grippe impfen zu lassen. Damit die Mediziner nicht an noch mehr ­Fronten kämpfen ­müssen, sollte ein ­erneuter, großflächiger Corona-Ausbruch anstehen.

Corona-Zahlen im Kreis Calw

Insgesamt 1135 bestätigte Corona-Fälle wurden in den vergangenen Monaten innerhalb des Klinikverbunds stationär behandelt, davon 101 in Calw und 156 in Nagold.

34 Menschen (mit einem Durchschnittsalter von 77 Jahren) starben allein in den Kliniken im Kreis Calw. Das Durchschnittsalter der dort stationär behandelten Patienten lag bei 69 Jahren.

Auch finanziell wird die Pandemie Spuren hinterlassen. Mitte Mai hieß es in einer Sitzung des Verwaltungs- und Wirtschaftsausschusses des Kreistags, die Mehrkosten für den Betrieb der Krankenhäuser Calw und Nagold beliefen sich pro Monat auf rund 560.000 Euro. Alexandra Freimuth, Regionaldirektorin des Kreisklinikums Calw-Nagold, gab im Gespräch mit unserer Zeitung jedoch zu bedenken, dass vieles in Sachen Kosten derzeit noch unklar sei – beispielsweise, mit welcher finanziellen Unterstützung vonseiten des Bundes gerechnet werden könne. Genaue Aussagen ließen sich insofern erst gegen Ende des Jahres treffen.

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