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Calw Calw war ein Glücksfall im Unglück

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Agnes Laszlo, noch in Häftlingskleidung, kurz nach ihrer Befreiung am 28. April 1945. Foto: Schwarzwälder Bote

Heute vor 75 Jahren wurde das Konzentrationslager-Außenkommando in Calw aufgelöst. Für jüdische Häftlingsfrauen folgte ein 400 Kilometer langer Fußmarsch.

Calw. Ende 1944 wurde in der Luftfahrtgeräte-GmbH (Lufag) in Calw auf Veranlassung der SS ein Außenkommando des Konzentrationslagers Natzweiler/Elsass eingerichtet. Die Lufag war ein kriegswichtiger Rüstungsbetrieb mit damals 725 Mitarbeitern, der um 200 jüdische KZ-Häftlingsfrauen aufgestockt werden sollte. Am 2. April ist es genau 75 Jahre her, dass das KZ-Außenkommando aufgegeben wurde und die Frauen sich auf einen strapaziösen Fußmarsch begeben mussten.

Nachdem die Vorbereitungen für Unterkunft und Verpflegung der Häftlingsfrauen getroffen worden waren, trafen am 15. Januar 1945 199 aus Ungarn und Polen stammende Jüdinnen in Calw ein. Sie wurden vom Außenkommando Rochlitz (heute Landkreis Mittelsachsen) des KZ Flossenbürg überstellt, wo sie als Fräserinnen ausgebildet und in der Flugzeugproduktion eingesetzt waren. Zuvor waren die Frauen in Auschwitz, Bergen-Belsen und anderen Konzentrationslagern inhaftiert.

Die Frauen kamen in Calw in schlechter Verfassung an, erschöpft, unterernährt und schlecht gekleidet. Der Inhaber der Lufag, der Unternehmer Fritz à Wengen (1908 bis 1953), unternahm etliche Schritte, den Zustand der Frauen zu verbessern. Um ihnen eine ordentliche Unterbringung zu ermöglichen, soll er 10 000 Reichsmark aufgewendet haben.

"Auch wenn die Jüdinnen rund um die Uhr streng bewacht wurden und sie in zwei Schichten elf bis zwölf Stunden täglich Flugzeugteile herstellen mussten, war der Aufenthalt in der Lufag für sie insgesamt ein Glücksfall", heißt es in der Zusammenstellung des Kreisarchivs. Dies sei vor allem Fritz à Wengen zu verdanken. Er sei bekannt dafür gewesen, dass er die in seinem Unternehmen beschäftigten Mitarbeiter, auch die zahlreichen ausländischen Zwangsarbeiter, gut behandelte. "Genauso sorgte er auch dafür, dass es den Jüdinnen gut ging."

Unabhängig voneinander hätten mehrere Häftlingsfrauen rückblickend dieses positive Bild bestätigt. Eine meinte sogar, die Lufag sei ein "Sanatorium" gewesen, verglichen mit dem, was sie vorher hatten erleiden müssen. Eine andere sagte, à Wengen sei ihr "Retter" gewesen. Anna Stamberger stellte fest: "Die Verpflegung war sehr gut. Wir haben keinen Hunger gelitten, wir bekamen niemals Essen, das Hochhaus [SS-Oberscharführer] nicht vorher gekostet hatte." Zur Arbeit sagte die Häftlingsfrau: "Bei der Arbeit wurde nicht geschlagen, die Werkmeister und Vorarbeiter waren anständig zu uns. Es war dem Personal verboten, Gefangene zu schlagen. Ich erinnere mich, dass es sogar Verweise für die Werkmeister und Vorarbeiter gab, wenn sie die Gefangenen anschrien. Nicht gut zu uns waren die SS-Aufseherinnen, eine schlug einmal eine Frau bei dem Evakuierungsmarsch."

Die Nachrichten über das Herannahen der Franzosen im Frühjahr 1945 erfüllten die Frauen mit Hoffnung. Calw wurde zunehmend Ziel von Luftangriffen. Ende März erging von der Leitung der Außenstellen des KZ Natzweiler – das Stammlager im Elsass wurde schon 1944 geräumt – der Befehl, die Frauen nach Dachau zu evakuieren. Fritz à Wengen widersetzte sich diesem jedoch, und nachdem der Befehl eine Woche später nochmals erging, legte er mit Direktor Wilhelm Schmidt und SS-Chef Hochhaus fest, die Frauen nicht nach Dachau zu evakuieren, um sie nicht zu gefährden.

Am 2. April 1945 – zwei Wochen vor der Besetzung Calws – machten sich unter der Führung von SS-Chef Hochhaus 166 Jüdinnen auf den Weg. Für die Verpflegung unterwegs soll à Wengen 5000 Reichsmark mitgegeben haben. Anders als bei vielen anderen solcher Märsche sei daraus kein "Todesmarsch" geworden, auf dem Häftlinge umkamen oder vor Erschöpfung starben. Dennoch war auch der Marsch der Calwer Frauen von ständiger Angst, Erschöpfung und mangelnder Versorgung geprägt. Aus Luftschutzgründen waren sie vorwiegend nachts unterwegs. Der Weg führte über Tübingen, Gerstetten, Ulm und Kempten bis Füssen ins Allgäu, 400 Kilometer weit. Dort wurden sie schließlich von amerikanischen Soldaten befreit.

Die 23 Jüdinnen mit schwächerer Konstitution wurden am 4. April mit einem aus Geisenheim bei Wiesbaden kommenden Zug (dort war ebenfalls ein Außenkommando des KZ Natzweiler) nach Allach bei München (KZ-Außenkommando von Dachau, Arbeits- und Krankenlager) gebracht. Neun Frauen wurden auf Veranlassung von à Wengen per Lastwagen nach Allach gefahren.

Viele der KZ-Häftlingsfrauen wanderten nach ihrer Befreiung ins Ausland aus, vor allem nach Israel oder in die USA. 1989 fand auf Veranlassung des Arbeitskreises lokale Zeitgeschichte ein Treffen der Häftlingsfrauen in Calw statt, eine wichtige Geste der Versöhnung. Elf Frauen waren der Einladung der Stadt Calw gefolgt.

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