Um 1900 tummeln sich im Wiener Café Central Lebenskünstler, Literaten, Revolutionäre und Müßiggänger und träumen dem Untergang des alten Abendlandes entgegen. Heute ist das Kaffeehaus ein Touristentempel.
„Wie jeder Zeitungsleser weiß, ist Wien um einige Kaffeehäuser herum gebaut, in denen die Bevölkerung beisammensitzt und Zeitung liest“, schreibt der Dichter Bertold Brecht, als er sich 1933 auf der Flucht vor den Nazis für kurze Zeit in der österreichischen Hauptstadt aufhält.
Jahrzehntelang ist das Wiener Kaffeehaus Lebenskultur. „Der Kaffee“, meint der Schriftsteller und Kulturkritiker Hans Weigel, „ist ein Stück irdischen Lebens, nicht Nahrung der Seele wie Alkohol, sondern Würze des Hirns, Speise der Vernunft.“ Warum auch immer man hierher fand – aus Geselligkeit, Liebeskummer oder um daheim Heizkosten zu sparen –, Wiens Kaffeehäuser sind Inseln der Ruhe, erweiterte Wohn- und Arbeitszimmer, Informationsbörsen, Karten- und Billardspielhöllen. „Hier konnte man stundenlang bei einer Melange und einem Glas Wasser sitzen und sitzen bleiben, vor sich hin träumen und den Herrgott einen guten Mann sein lassen“, so der Wiener Literaturwissenschaftler Norbert Bachleitner.
Das Café wird 1876 von den Gebrüdern Pach eröffnet
Ihre größte Zeit haben die Kaffeehäuser im 19. Jahrhundert. Da gibt es das Mozart, das Grillparzer, das Schwarzenberg, das Sacher und das 1847 nach seinem Gründer benannte Griensteidl, das ein Jahr später als Sitz der 1848er-Bewegung politisch bedeutend wird. Das bekannteste Kaffeehaus ist zweifelsohne das 1876 von den Gebrüdern Pach eröffnete Café Central im Palais Ferstel, Herrengasse 14, I. Bezirk – mit einer Fassade im Stil der Neo-Renaissance.
Um die Wende zum 20. Jahrhundert tummelt sich hier ein buntes Völkchen von notorischen Müßiggängern, Stubenhockern und Eigenbrötlern, aber auch feinsinnigen Intellektuellen, wie der Essayist Alfred Polgar in seiner „Theorie des Café Central“ bemerkt: „Das Café Central ist kein Caféhaus, sondern eine Weltanschauung, und zwar eine, deren innerster Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen (. . .). Das Café Central liegt unterm wienerischen Breitengrad am Meridian der Einsamkeit. Seine Bewohner sind größtenteils Leute, deren Menschenfeindlichkeit so heftig ist wie ihr Verlangen nach Menschen, die allein sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen.“
Stammkunden nennen das Central als ihre Adresse auf der Visitenkarte
Zum Inventar gehört der Schriftsteller und Bohemien Peter Altenberg (1859–1919), ein genialer Lebenskünstler, Frauennarr und Mädchenverführer. „Altenberg war der klassische Wiener Kaffeehaus-Literat schlechthin“, beschreibt ihn der österreichische Literaturwissenschaftler Thomas Markwart. Auf seiner Visitenkarte steht die Adresse des Café Central. Dorthin lässt er sich seine Post schicken, weil er mal hier, mal dort wohnt.
Stammkunde ist auch der Enthüllungsjournalist Felix Salten, beim Adel für sein Wissen über Hofskandale ebenso gefürchtet wie bei den Schauspielern des Burgtheaters für seine Kritiken. Zu Weltruhm gelangt er als Bestsellerautor des 1906 anonym erschienenen pornografischen Romans „Josefine Mutzenbacher“ und später durch „Bambi“.
Scharfzüngig und pathologisch eitel, gehört auch Karl Kraus, der Herausgeber der satirischen Zeitschrift „Die Fackel“, in die Menagerie der Melange. Journalisten sind für ihn nur „Pressköter“, die ihre Spalten mit „dünnflüssiger Jauche“ füllen. Autoritäten anerkennt er keine – außer sich selbst. Den jungen Hofmannsthal nennt er einen „Goethe auf der Schulbank“, Felix Salten „einen Parvenü der Gesten“.
Auch der Schriftsteller Stefan Zweig, an dem Kraus ebenfalls kein gutes Haar lässt, kommt gern an heißen Sommertagen, um im kühlen Saal die große Zeitungsauswahl – zu den besten Zeiten hat das Central mehr als 251 Gazetten aus aller Welt – durchzuschmökern. Zum Schachspielen schaut der aus Sibirien geflüchtete Russe Lew Dawidowitsch Bronstein im Central vorbei. Später wird er als Leo Trotzki berühmt. Der Revolutionär lebt von 1907 bis 1914 mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Wien und gibt von dort die Monatsschrift „Prawda“ heraus. Im Central liest der elegante Herr mit dem schwarzen, zurückgekämmten Haar und dem Zwicker auf der Nase die Londoner „Times“ und den Berliner „Vorwärts“ und trifft sich mit sozialdemokratischen Spitzenfunktionären.
Sigmund Freud zockt sich die Neurosen seiner Patienten von der Seele
Die große, viel umworbene Dame und Königin des Cafés Central ist die aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammende Emma Rudolph, die unter ihrem späteren Namen Ea von Allesch zu einer berühmten Modeschriftstellerin wird. Früh in Künstlerkreisen verkehrend, lebt Emma Rudolph anfänglich in einer Dreiecksbeziehung mit Alfred Polgar und dem englischen Pianisten James Henry Skene, steht für den Maler Gustav Klimt Modell und wird 1921 die Ehefrau Hermann Blochs.
Ein häufiger Gast im Central ist Sigmund Freud, Wiens bekanntester Nervenarzt und Vater der Psychoanalyse, der sich im Central beim Tarock die Neurosen seiner Patienten von der Seele zockt und wie viele seiner Zeitgenossen aus dem Bildungsbürgertum über die morbide Endzeitstimmung des „Fin de Siècle“ grübelt – jene um 1900 aufkommende Bewegung, die den kulturellen Verfall zelebriert. „Wir wollen von einer Welt Abschied nehmen, ehe sie zusammenbricht“, schwadroniert Hugo von Hofmannsthal, der Gegenwart überdrüssig. Für Karl Kraus ist das habsburgische Wien das „Versuchslabor für den Weltuntergang“. Wie viele seiner Zeitgenossen fiebert auch er einer reinigenden Katastrophe entgegen, die der verhassten alten Ordnung ein Ende bereiten soll.
Doch spätestens nach dem großen Massensterben im Ersten Weltkrieg wird der anfänglich glühende Kriegsbefürworter zu einem resignierten Kriegsgegner. In seinem apokalyptischen Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ zeichnet Kraus das Bild eines brutalen Völkergemetzels, angerichtet von bestialischen Militärs, idiotischen Beamten, zwei blödsinnigen Kaisern, einer vertrottelten Adelskaste, der bornierten Kirche und dem gierigen Bürgertum, die zusammen mit einer gewaltgeilen Journaille die wahren Hyänen des Schlachtfelds sind.
Nach dem Ende des Krieges sind auch die Tage des Central gezählt: Bald nach der Revolution von 1918, die dem Haus Habsburg den Thron kostet, verliert auch die Herrengasse 14 ihre kulturelle Bedeutung. 1947 wird das Central geschlossen, 1986 wiedereröffnet. Heute ist es ein Touristentempel.
Wiener Kaffee-Glossar
Melange
Kaffee mit geschäumter Milch im Glas serviert
Kleiner Brauner
Fiaker
Kapuziner
Schwarzer Kaffee mit einem Schuss flüssigen Obers
Konsul
Großer Schwarzer