Der Schiltacher Bahnhof war auf die abzweigende Nebenbahn nach Schramberg ausgelegt. Sie führte über eine Kinzigbrücke direkt in einen Tunnel unter dem Kirchberg. Foto: Landesarchiv/StAL/EL68IX-16087

Eine mögliche Reaktivierung der früheren Nebenbahnlinie der Eisenbahn von Schiltach nach Schramberg ist derzeit in aller Munde. Immer wieder erinnern sich auch Schramberger und Schiltacher, wie es denn damals war, als die Eisenbahn noch Personen beförderte – und welche Bedeutung auch hinsichtlich des Geländebedarfs die Bahn hatte.

Schramberg - Einer derjenigen, der sich noch genau an seine Schulzeit und die ersten Jahre danach erinnern kann, ist Adolf Rümmele. Der 85-Jährige lebt seit Jahrzehnten in Schramberg, stammt aber aus Schiltach. Als Schüler war er in Schramberg in den Nachkriegsjahren und später als Industriekaufmann – er arbeitete bei der Schramberger Majolika-Fabrik – auf die Bahn angewiesen. Er kennt noch genau den einstigen „Bahnhof“ Schiltach-Stadt, eigentlich eine bessere Haltestelle mit Wartehäuschen, das es allerdings schon lange nicht mehr gibt.

 

Und wo einst die Lokomotive zwischen Schiltach und Schramberg dampfte befindet sich heute in großen Teilen der Radweg, nachdem in den 1960er-Jahren zuerst der Personen- und später dann der Güterverkehr komplett eingestellt wurde. Auch dort, wo die Lokomotiven in Schiltach einst mit Kohlen und Wasser versorgt wurde, ist von den damals notwendigen Einrichtungen der einstigen Blütezeit der Bahn nichts mehr zu sehen. Deutlich ist aber noch zu erkennen, wo sie einst im Tunnel verschwand, wieder herauskam, dann die Kinzig überquerte und in den Bahnhof Schiltach einfuhr. Auch in Schramberg ist das frühere Bahngelände fast komplett neu bebaut.

Die Lokomotive, so erinnert sich Rümmele, sei viel kleiner gewesen als "normale Loks", die man von anderen Strecken gekannt habe. Aber die Waggons seien "stets die großen" gewesen, weil sie durch ganz Deutschland Waren befördert hätten, "während die Lok selbst nur die Strecke Schitach – Schramberg befahren durfte". Anfangs sei die Lok nur mit einem Waggon, einem Personen-Waggon durchs Land gefahren, "später waren es deren zwei und ein Güter-Wagen".

Zwei Bahnhöfe in Schiltach

Im Jahr 1946, so erinnert sich Rümmele, habe in beiden Personenwagen das Glas in allen Fensterrahmen gefehlt. "Könner haben die Glasscheiben ausgebaut und zu Geld gemacht", schreibt er. Die Fensterrahmen seien dann mit billigen Holzplatten dicht gemacht worden. 1947 hätten dann alle Personenwaggons wieder Glasscheiben erhalten.

Schiltach besaß zwei Bahnhöfe: den Hauptbahnhof, der zur Strecke Hausach-Freudenstadt gehörte und den Bahnhof Schiltach-Stadt, besser gesagt die Haltestelle Schiltach-Stadt, die sich neben der Turnhalle und den Gärtnereien Götz befand.

Schüler steigen früher ein

"Wir Schüler stiegen jahrelang am Hauptbahnhof ein, obwohl unsere Wohnhäuser viel näher am Stadtbahnhof lagen", erinnert sich Rümmele. Als Grund nennt er: "Unsere zwei Waggons standen während der ganzen Nacht im Schiltacher Hauptbahnhof und wurden um 6 Uhr geöffnet. Wir konnten somit bereits früher als nach Fahrplan-Abfahrt 6.30 Uhr unkontrolliert einsteigen und auf die Lok warten. Als diese angehängt wurde, erhielten wir jedes Mal bereits sitzend, einen Schlag ins Kreuz, vermutlich für den Unsinn, den wir ab und zu im Zügle während der Fahrt verübten. Hierzu wussten wir genau, dass ein Lokführer mit Hilfe der beiden Puffer zwei Waggons sanft oder ruckartig ankoppeln kann. Ein weiterer Grund für den Einstieg am Hauptbahnhof war das Frieren beim Warten auf den Zug beim Bahnhof Schiltach Stadt."

Mehrfach entgleist

Auch von einem mehrfachen Entgleisen der Eisenbahn berichtet Rümmele. "Bei großen Lokomotiven und Zügen bedeutete das Sturzbremsung, Gegenstände fliegen durch die Luft, Notarzt, Krankenwagen, Chaos. Nichts von alledem gab es bei der Schramberger Lok. Wegen der geringen Geschwindigkeit genügte ein Baukran, um die Lok wieder auf die Schienen zu setzen und alles war erledigt."

Der Schiltacher Hauptbahnhof, so erinnert sich der damalige Bahnfahrer, besaß auf Grund seiner Zugehörigkeit zu der beliebten Strecke Hausach – Freudenstadt "Dinge, die wir bisher noch nie gesehen hatten: zum Beispiel eine Drehscheibe, die sich in Schiltach direkt neben dem Tunnel-Eingang befand. Eine riesige runde motorisierte Scheibe, die Lokomotiven aller Größen umdrehen kann, wenn nötig." Dabei seien folgende Befehle möglich gewesen: "Drehscheibe aus der Versenkung heben, Lok, auf die Scheibe fahren, alle Bremsen fest machen, Scheiben-Motor einschalten, das Ganze um 180 Grad drehen, Bremsen lösen, weiter fahren."

Auf Bahnhofsplatz viel los

In Schramberg sei auf dem Bahnhofsplatz immer viel los gewesen. Die Damen und die Herren hätten sich im Salon Neff verschönern lassen können. Speisen und Getränke habe man im so genannten "Wagner-Ständle", einem Kiosk plus Restaurant, erwerben können. Am Bahnhof Schramberg habe es weder Übergänge noch Unterführungen gegeben. Vor dem Bahnhofsgebäude seien auch die Schienen zu Ende gewesen. Dort habe man stets Schüler gesehen, die den ankommenden Reisenden "gegen kleine Gebühr" beim Abtransport des Gepäcks behilflich gewesen seien. Viel zu tun habe damals die Familie Weinheimer als bahnamtliches Rollfuhrunternehmen gehabt, das verpflichtet war, alle ohne Versandvorschriften eingehenden Güter den Empfängern zuzustellen.

Kohlen geliefert

Eine größere Fläche hätten die Firmen "Kohlen-Bühler" und "Kohlen-Häberle" zur Lagerung und Auslieferung ihrer Kohle-Produkte genutzt. Daneben habe es die Niederlassung Schramberg der bekannten Spedition Seegmüller gegeben und schließlich noch das Raiffeisen-Haus.

Geld „gewalzt“

"Wir Schüler freuten uns am ›Geld walzen‹", erinnert sich der 85-Jährige an einen auch heute immer noch bekannten "gefährlichen Eingriff in den Schienenverkehr": "Wir legten eine oder mehrere zehn Pfennig-Münzen auf eine Eisenbahn-Schiene und warteten bis der nächste Zug über die Münzen fuhr. Das Ergebnis: jedes Mal ein anderer Umriss, aber immer eine gleiche enorm dünne Folie."

Wettfahrt verloren

Einer seiner Mitschüler habe auch eine Wettfahrt gegen die Eisenbahn versucht – nach dem Motto: "Wer kommt als Erster ins Ziel – er mit seinem Fahrrad oder die Bahn im Normalbetrieb?". Start sei der Bahnhof Schramberg, Ziel die Haltestelle Schiltach-Stadt gewesen. Der Mitschüler habe vor seinem Versuch mehrere Tage an diversen Stellen die durchschnittliche Geschwindigkeit des Zuges getestet, "schlug zehn Prozent drauf, und fuhr mit diesem Tempo konsequent bis ins Ziel." "Er hat das Rennen verloren", weiß Rümmele, "denn durch die vielen Kurven der Straße musste er eine drei Kilometer längere Strecke fahren."