Die Pflasterarbeiten am Oberen Marktplatz im Jahr 1954. Foto: Stadtarchiv Freudenstadt

Auf mehr als 400 Jahre Geschichte kann Freudenstadt zurückblicken. Zahlreiche Kriege, Eroberungen und Neuausrichtungen liegen hinter der Stadt im Nordschwarzwald - immer mittendrin: Deutschlands größter Marktplatz. Vor allem in den vergangenen 50 Jahren hat sich einiges in Freudenstadts Stadtkern verändert.

Nicht nur im Schwarzwald ist Freudenstadts Marktplatz als Anlaufstelle für Touristen bekannt, auch über die Grenzen des Schwarzwalds hinaus sprechen Kenner vom größten Marktplatz Deutschlands. Doch gibt es in Deutschland wirklich keinen größeren Platz? Der in Freudenstadt misst Stand Mai 2022 knapp 47.000 Quadratmeter - umgerechnet 4,7 Hektar. Damit passen in etwa 7 Fußballfelder auf die Fläche  - nicht schlecht, oder?

 

Vor dem Zweiten Weltkrieg war der Platz sogar noch etwas größer, doch die Maße haben nicht für den damaligen unangefochtenen Champion gereicht. Auf einer Fläche von 6,1 Hektar verfügte die Stadt Treubung in Ostpreußen über einen Marktplatz der Superlative. 

Enges Rennen an der Spitze

2022 ist das Rennen deutlich enger, denn Freudenstadt steht nicht etwa konkurrenzlos auf Platz eins der Rangliste. Auch die Stadt Heide in Schleswig-Holstein schrieb sich lange auf die Fahne, über den größten Platz des Landes zu verfügen. Das erste Aufeinandertreffen der Konkurrenten gab es dann im Jahr 1987. Im Oktober des Jahres weilten Gäste aus dem hohen Norden in der Stadt im Nordschwarzwald. Schnell kamen die Heidener mit den Einheimischen ins Gespräch. Das Thema war natürlich schnell gefunden: die Marktplätze der jeweiligen Städte. Aus dem Streit entwickelte sich mit der Zeit eine Freundschaft, die auch die Rathäuser nicht unberührt ließ.

Es folgten Besuche und schließlich auch eine vielbeachtetete Vermessung. Das Ergebnis: Beide Marktplätze sind  - auch mit Zustimmung der beiden Städte - in etwa gleich groß. Freudenstadt verfügt jedoch über den größten bebauten und Heide über den größten unbebauten Platz Deutschlands. 

Schwenk in die Geschichte

Doch wieso ist der Marktplatz in Freudenstadt überhaupt so groß? Zur Beantwortung der Frage braucht es einen kleinen Schwenk in die Entstehungsgeschichte der Stadt. 1599, also vor knapp 400 Jahren, hatte Herzog Friedrich I. von Württemberg eine Idee. Der Herzog wollte für sein Herrschaftsgebiet eine neue Hauptstadt errichten, um den dünnbesiedelten Teil des Schwarzwalds aufzuwerten.

So beauftragte Friedrich I. seinen Baumeister Heinrich Schickhardt. Dieser war der damalige Hofbaumeister des Herzogtums und gilt als bedeutender Baumeister der Hochrenaissance in Deutschland. Der Auftrag des Herzogs: Freudenstadt als Planstadt zu entwerfen. Schickhardt machte sich also an die Arbeit. Beim Grundriss orientierte sich der Baumeister am Mühlebrettspiel - in der Mitte der Planung ein mächtiges Residenzschloss. 

Staatsidee bleibt ein Traum 

Neun Jahre später verstarb allerdings Friedrich I. Da die Randbebauung schon vorhanden war, blieb der Platz etwa in der Größe, wie er heute noch vorhanden ist. Die große Staatsidee blieb am Ende zwar ein Traum, doch die neu entstandene Stadt Freudenstadt konnte sich bei ihrem zukünftigen Touristenmagneten sicher sein.

Bis dahin stellte sich in den nächsten Jahren und Jahrhunderten jedoch oftmals die Frage: Was soll man mit dem riesigen Platz anfangen? Als dieser schließlich 1829 an die Stadt verkauft wurde, durften Bürger einzelne Parzellen erwerben. Ab 1877 gab es dann einen neuen Plan: Freudenstadt soll zur Tourismusstadt werden. Die Stücke der Bürger wurden zurückgekauft und der Platz gesäubert - eine Hochphase der Stadt und des Marktplatzes begann. 

Zweiter Weltkrieg verändert alles 

Die Schreckenszeit folgte mit dem Zweiten Weltkrieg. Schon während der vergangenen Jahrhunderte wurde Freudenstadt immer wieder von der Pest, Bränden und Kriegen heimgesucht, doch die Nacht vom 16. auf den 17. April 1945 sollte alles verändern. Als Symbol des Naziregimes spielte Freudenstadt im Dritten Reich eine wichtige Rolle - es war nicht nur ein Armeeoberkommando in der Stadt, sondern im Teilort Kniebis auch Hitlers Hauptquartier angesiedelt. So kam es, dass Freudenstadt nur wenige Wochen vor Kriegsende nahezu komplett zerstört wurde. Von der Stadt war nur wenig übrig geblieben, doch die Einwohner steckten nicht auf und es folgte, was heute als Wunder von Freudenstadt bekannt ist. 

In Anlehnung an die alten Pläne wurde Freudenstadt wieder errichtet - der Charakter blieb somit erhalten. Mit der Einweihung des Rathauses 1954 gilt der Wiederaufbau als vollendet und das Wunder als vollbracht - die Weltpresse spricht vom "Miracle of Freudenstadt". Auch der Marktplatz durfte wieder im neuen beziehungsweise alten Glanz erstrahlen. 

1999 als vorerst letzter Höhepunkt 

Den vorerst letzten Höhepunkt erlebte der 400 Jahre alte Platz im Jahr 1999. Anlässlich des Jubiläums zum 400-jährigen Bestehen der Stadt wurde der Marktplatz grundlegend umgebaut. Die Veränderungen sind deutlich auf den Luftaufnahmen zu erkennen. Mittlerweile säumen nicht nur 50 Wasserfontänen den unteren Marktplatz und sorgen vor allem im Sommer bei Groß und Klein für Erstaunen. Auch Cafés, großzügige Wiesenflächen und ein Spielplatz machen den Marktplatz zum Herzstück der Stadt.

Markant sind jedoch auch die Veränderungen auf dem oberen Marktplatz. Der Parkplatz musste weichen. Heute ist er Schauplatz für zahlreiche Märkte und Feste. Zusammen mit den Arkaden, die den gesamten Platz umsäumen, und der Stadtkirche an der südlichen Ecke ist und bleibt der Marktplatz einfach ein echter Hingucker im Nordschwarzwald und der Region - egal ob im Jahr 1968 oder in 2022.