Von einem Tag auf den anderen war am Mössinger Albtrauf nichts mehr wie es war. Am 12. April 1983 ereignete sich am Hirschkopf der bis heute größte Bergrutsch Baden-Württembergs.
Mössingen - Augen- und Ohrenzeugen von diesem Naturspektakel gibt es nicht – und dies, obwohl es sich angesichts dessen enormen Ausmaßes sicherlich nicht heimlich abgespielt haben dürfte: Innerhalb weniger Stunden gerieten vier Millionen Kubikmeter Erde und Geröll mit einem Gesamtgewicht von über acht Millionen Tonnen in Bewegung und rissen alles mit sich, was dort einen Tag zuvor noch gestanden hatte oder gewachsen war.
Durch den Bergrutsch entstand Spielwiese für die Ökologie
Die Töne, die dabei zu hören waren, dürften ziemlich gruselig gewesen sein: Das Grollen des Berges, das Bersten und Knacken der wie Streichhölzer geknickten Bäume des Albtraufs, das Rutschen und Rollen der Gesteins- und Geröllmassen. Das ganze hinterließ eine wahre Ur-Landschaft – und damit eine willkommene Spiel- und Experimentierwiese für die Ökologie, sich aus dem Nichts heraus neu zu entwickeln.
Ein Hangrutsch ist an den Traufrändern der Schwäbischen Alb zwar ein seltenes, aber nicht einmaliges Ereignis. Die Hochfläche ist einer ständigen Erosion ausgesetzt. Durch Rutschungen und Abbrüche ziehen sich deren Hangkanten jährlich millimeterweise immer weiter zurück.
Schwäbische Alb reichte von Millionen von Jahren bis an Stuttgart heran
So reichte die Alb vor Millionen von Jahren noch bis in die Stuttgarter Gegend. Am Hirschberg in Mössingen verlor sie binnen weniger Augenblicke an der tiefsten Stelle 32 Meter. Oder anders ausgedrückt: In Mössingen stürzten binnen weniger Augenblicke 20.000 Jahre in die Tiefe.
Ausgelöst worden war dieses Jahrhundertereignis von tagelangem Dauerregen. Und mit dem Wetter hing es wohl auch zusammen, dass niemand es bewusst erlebte. Nieselregen hatte eingesetzt, Nebenschwaden verhüllten die Alb. Bei einem solchen Regen war kaum jemand unterwegs. Erst am Nachmittag gingen erste Meldungen in Mössingen ein, dass am Hirschberg etwas passiert sei.
Erst rutscht der Hang, dann stürzt der Albtrauf in die Tiefe
Aufgeweicht und instabil geworden war dort zunächst die Hangleiste am Fuß und der darunter liegende Bereich großflächig in Bewegung geraten und rutschte auf den darunter liegenden Tonschichten Richtung Tal. Dem einst bewaldeten Albtrauf, der sich seither als steile Wand darstellt, wurde dabei die Stabilität genommen, so dass dieser nachrutschte.
Für Geologen, Biologen und Naturfreunde eröffnete das immer noch als Jahrhundertereignis geltende Naturschauspiel einen seltenen Einblick in den Neuanfang der heimischen Flora und Fauna. Die Natur am Hirschberg-Absturz war biologisch auf Null gesetzt worden und bot damit selten vorzufindende Anschauungsmöglichkeiten für die Wissenschaftler.
Entstandene Ur-Landschaft einem ständigen Wandel unterzogen
Viele Raritäten aus Flora und Fauna siedelten sich an und gehören im Zuge der Sukzession der Vegetation inzwischen bereits wieder der Vergangenheit an. Die direkt nach dem Absturz entstandene Urlandschaft ist einem ständigen Wandel unterworfen. Und auch wenn das Gelände nach beinahe 40 Jahren noch immer nicht ganz zur Ruhe gekommen ist, ist diese Entwicklung mittlerweile doch schon ziemlich weit fortgeschritten.
Unter allen Wissenschaftlern und Enthusiasten, die sich in der Folgezeit dem Bergrutsch widmeten, ist der Mössinger Naturfotograf und Bergrutschführer Armin Dieter mit seiner bislang einzigartigen Bilddokumentation über das rund 80 Hektar große Rutschgelände herauszuheben. Dieter begleitete die erwachende Natur und die Wiederbesiedlung durch die heimische Tier- und Pflanzenwelt am Hirschkopf vom ersten Tag an und machte sie mit seinen Publikationen und den bis heute von ihm angebotenen Führungen für tausende interessierte Naturfreunde erlebbar.
Seit 2006 "Nationaler Geotop" und Teil des "Geoparks Schwäbische Alb"
Seit 2006 genießt der Bergrutsch das Prädikat "Nationaler Geotop", verliehen von der Akademie der Geowissenschaften unter Beteiligung der UNESCO, und gilt als einer der "bedeutendsten Geotope Deutschlands".
Er ist auch Teil des "GeoParks Schwäbische Alb" und kann eigenständig auf einer kleinen Wanderung erkundet werden. Allerdings ist dabei zu beachten, dass rund die Hälfte des Gebiets unter Naturschutz steht und daher nur auf den ausgeschilderten Wegen betreten werden darf. Informationen dazu gibt eine Übersichtstafel auf dem Parkplatz "Bergrutsch", der über den Mössinger Stadtteil Talheim zu erreichen und auch ausgeschildert ist.
Info: Führungen mit Naturfotograf und Bergrutschführer Armin Dieter
Die Führungen von Armin Dieter bieten einen detaillierten Einblick in die Ursachen und die Entwicklung des Bergrutsches sowie die sich dort ansiedelnde Tier- und Pflanzenwelt – vom ersten Tag an. Die nächste Öffentliche Führung findet am Sonntag, 19. Juni, von 13 bis 15 Uhr statt. Treffpunkt ist am Bergrutschparkplatz.