So sah das Rottweiler Neckartal im Jahr 1968 aus. Foto: Landesarchiv/StAL/EL68IX-15723

Noch vor gut 30 Jahren schlummerten Kraftwerk, Badhaus, Jakobskirche und Co. im Dornröschenschlaf. Die Zukunft der riesigen Industriebrache, der einstigen Pulverfabrik im Neckartal, war ungewiss. In kleinen Schritten begann die Konversion.

Rottweil - Über viele Jahrzehnte war das einstige "Pulverloch" mit einer Schranke abgeriegelt. Hinein kam nur, wer hier arbeitete. Nur wenige Gebäude wurden von der einstigen Rhodia zuletzt genutzt, der Rest war dem Verfall preisgegeben.

 

Im Jahr 1994 schloss die Rhodia das Rottweiler Werk, was nicht nur arbeitsmarktpolitisch für Rottweil ein heftiger Schlag war. Eine riesige Industriebrache mit unzähligen Altlasten zeichnete sich ab. Doch die zunächst befürchtete "Katastrophe" blieb aus. Der Rottweiler Architekt Alfons Bürk erarbeitete 1996 einen Rahmenplan für das Areal, das über einen hohen denkmalgeschützten und erhaltenswerten Baubestand verfügte. Dieser Plan dürfte wohl der Beginn der Konversion, und eines der unzähligen Puzzleteilchen auf dem Weg zum großen Ganzen gewesen sein. An eine Erfolgsgeschichte wollte damals noch keiner so richtig glauben.

Über Jahre gewachsen

Heute, gut 25 Jahre später, sind alle Gebäude verkauft und größtenteils restauriert und saniert. Mehr als 70 Gewerbetreibende, Handwerker, Künstler und Kulturschaffende haben sich angesiedelt, hunderte Menschen haben in dem schmucken Gewerbepark Arbeit, und viele auch Wohnraum gefunden. Und: alle, die hier leben und arbeiten, fühlen sich wohl und sind auch ein wenig stolz, auf das, was hier mit vereinten Kräften über die Jahre gewachsen ist.

Auch der einstige Pulverfabrikant Max Duttenhofer wäre vermutlich erstaunt, in welchem Glanz sein Pulverimperium heute wieder dasteht. "Und die Gebäude sind beinahe so, als wären sie für die heutige Nutzung gebaut worden. Da staunt man immer wieder", freut sich auch Architekt Bürk, wenn er wieder einmal eine Besuchergruppe durch den Gewerbepark führen darf. Und Besuchergruppen gibt es viele.

Enormer Aufschwung

Das Pulverwerk erlebte um 1914 kriegsbedingt einen enormen Aufschwung. Zirka 2500 Menschen arbeiteten hier zu diesem Zeitpunkt. Die Pulverfabrik war zum größten privaten Rüstungsbetrieb des Deutschen Reiches geworden. Viele der Gebäude im Neckartal entstanden in dieser Zeit: Krieg als Konjunkturmotor.

1919 stellte man nach einer teilweisen Demontage die Produktion unter anderem auf Kunstseide – Viskose – um, einen ganz neuen Industriezweig. Nun zur IG Farben gehörend, diente die Kunstseide zur Herstellung von Fallschirmen für die Luftwaffe. Nach 1945 setzte man die Produktion von Kunstfasern, ab 1952 in Form von Nylon, fort. Erst 1994 gab der mittlerweile französische Mutterkonzern, die Rhodia AG, den Standort auf.

Rhodia zieht sich zurück

Als die Luftbilder im Jahr 1968 entstanden sind, nutzte die Rhodia die Gebäude, die auf diese Weise überdauerten und nur teilsweise leer standen. Als sich die Rhodia 1994 zurückzog, sah es im Neckartal noch ganz anders aus: eingeschlagene Fensterscheiben, an den teils baufälligen und maroden Gebäude, bestimmten das Bild. Sogar der Abbruch und die Renaturierung des Geländes hätten mehrfach im Raum gestanden, erzählt Alfons Bürk rückblickend. "Ich habe schnell erkannt, dass das Gelände Potenzial hat und man etwas daraus machen kann", resümiert er. Aus den anfänglich drei Kulturdenkmalen wurden letztlich 43.

Manche Hürde zu überwinden

Im damaligen Verwalter des Rhodiageländes, Arndt Zachrich, hatte Bürk stets einen Unterstützer – "das hätte auch anders laufen können", betont er. Schließlich gelingt es, die drei Millionen D-Mark, die die Rhodia für den Abbruch des gesamten Gebäudebestandes zur Verfügung gestellt hatte, in die Sicherung der Gebäude umzumünzen, denn das sei dringend notwendig gewesen. "Das Regenwasser, das über die Jahre in die Gebäude eingedrungen war, hatte teils große Schäden angerichtet", so Bürk.

Die Stadt Rottweil hatte darauf die Erschließung des Areals übernommen. "Es wurden Sanierungsmittel eingesetzt, um die Straße öffentlich zu machen. Erst so konnte man die Gebäude überhaupt verkaufen. Viele Schwierigkeiten gab es auf dem langen Weg zu bewerkstelligen, manche Hürde galt es zu überwinden.

Beseitigung der Altlasten

"Aber trotz der unzähligen Aufgaben und Herausforderungen ist hier unten ein richtiger Spirit entstanden. Immer mehr Leute kamen, die sich engagierten und das Potenzial erkannten. Die Nutzung der Kulturdenkmale war für mich ebenfalls ein ganz wichtiger Punkt", betont Bürk. Die Beseitigung der Altlasten sei ebenso ein großes Thema gewesen.

Mittlerweile wurde auch noch das letzte Fleckchen – die Insel – von Altlasten befreit. 2,5 Millionen Euro wurden von der Rhodia dafür bereitgestellt. Ein großes Glück für den Gewerbepark, denn vor dem endgültigen Verkauf der Rhodia musste Rottweil abgewickelt sein.