In diesen Tagen jährt sich ein kommunalpolitisches Großereignis in Nagold zum 50. Mal: Am 8. September 1973 stand die feierliche Einweihung des Otto-Hahn-Gymnasiums an. Der Weg bis zu dem Neubau war ein Kraftakt – inklusive dem echten Politikum, wie die Schule denn eigentlich heißen sollte.
Im Regelfall schafft ja der Blick aus der Ferne eine umfassendere Sicht. Und so wird beim Betrachten einer alten Luftbildfotografie des Schulgeländes von 1968 schnell deutlich, welch Wandel dem OHG-Neubau vorausging. Nagolds Stadthalle steht da bereits, und auch die Zellerschule – zumindest in Teilen, denn der Anbau zur Nagold-Seite hin ist noch eine Baustelle.
Komplett verändert aber hat sich das Areal, auf dem sich das OHG und die OHG-Turnhalle befinden. Mitten auf dem heutigen Schulgelände sind 1968 zig Häuser zu sehen. Ein landwirtschaftliches Anwesen und ein Gewerbebetrieb stehen dort unter anderem. Und eine Straße geht mitten über das Areal, sie kommt aus Richtung Rohrdorfer Steige, führt schräg auf einem Vorgängerbau der heutigen Schiffsbrücke in Richtung Innenstadt zu, ehe sie als heute noch bestehende Burgstraße die Ecke Calwer Straße/Marktstraße kreuzt. Begrenzt wird das Areal mit der Stadtmauer – das Oberamteigebäude (Polizei) steht noch, ebenso das Rote Schulhaus, heute die Heimat des Youz. Doch alle Gebäude zwischen diesen Eckpunkten Oberamtei, Rotes Schulhaus und Zellerschule gibt es heute nicht mehr.
Das Gymnasium vor 1973
Man muss mehr Menschen- als Geschichtskenner sein, um zu ahnen, für wie viel Aufregung der OHG-Neubau seinerzeit gesorgt haben dürfte. Dabei war die Ausgangslage klar: Das Nagolder Gymnasium platzt aus allen Nähten. Die Schülerzahlen steigen rasant. Der langjährige Nagolder Heimatforscher Hermann Scheurer berichtet in einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2002 über die Situation 1965: 38 Schüler sind da in einer Klasse in Räumen, die auf 25 Personen ausgelegt sind. 1962 gibt es 402 Gymnasiasten in Nagold, elf Jahre später ist die Zahl auf 904 gestiegen.
Es klemmt an allen Ecken. Vor dem Bezug des Neubaus 1973 gibt es zehn Wanderklassen. Unterrichtet wird im heutigen Bauamt (einst Weißes Schulhaus / Knabenschulhaus), im Jugendhaus Youz (einst Rotes Schulhaus/Mädchenschulhaus) und in der heutigen Burgschule. Hinzu kommen Klassenräume im heutigen OHG 2 (damals Gewerbeschule), der Landwirtschaftsschule (die gibt es heute nicht mehr), in der Zellerschule, im Feuerwehrmagazin, im einstigen Gasthof „Traube“ und einem in der Nähe der „Traube“ aufgestellten Schulpavillon. Ein Neubau ist also unausweichlich. In diesem Punkt herrscht zumindest Einigkeit. 1966 fällt der Gemeinderat den Grundsatzbeschluss. 1970 soll das Gebäude fertig sein – letztlich dauert es drei Jahre länger.
Neben Themen wie dem Raumprogramm gilt es zwei strittige Fragen zu klären: Wo soll die Schule denn eigentlich stehen? Und später dann wird der Name der Einrichtung heiß diskutiert.
Die Standortfrage
24 Klassenräume, diverse Fachräume, Lehrerzimmer, eine moderne Sporthalle – wo soll nur all das Platz finden? Zwei Standorte rücken in die engere Wahl. Im Bächlen hätte die Stadt Nagold durchaus eigenen Grund und Boden für solch ein Projekt. Letztlich aber ist es den Stadtvätern zu abseits gelegen. Also Standort Nummer zwei: In der Burgstraße. Dort gehört der Grund aber leider nicht der Stadt. Zumindest nicht alles. Ein Gewerbebetrieb und ein landwirtschaftliches Anwesen haben dort ihre Heimat.
Die Verhandlungen scheinen unüberwindlich, es droht eine Enteignung und damit – wird befürchtet – auch die Existenzgefährdung der Betriebe. Nagolds damaliger Bürgermeister Eugen Breitling und auch der Elternbeiratsvorsitzende Thierer schaffen es dennoch. Nach „sehr schwierigen Verhandlungen“ können die Grundstücke erworben werden. Hermann Scheurer berichtet dazu in seinen Ausführungen: „Beim Abbruch seines Hauses stand der Besitzer weinend dabei.“ 1971 starten die Bauarbeiten, Richtfest ist im Juli 1972.
Die Namensfrage
Alles in allem kostet der Neubau zehn Millionen Mark – Sporthalle und Grunderwerb inklusive. Was heute nach einem Schnäppchen klingt, ist damals die bis dato größte städtische Investition der Nachkriegszeit. So ein Mega-Projekt braucht natürlich auch einen guten Namen. Von einem „ziemlich heftigen Streit“ rund um die Namenssuche schreibt Hermann Scheurer. „Das Ganze wurde zu einem Politikum.“ Jedenfalls gibt es auch Befürworter für ein Schlossberg-Gymnasium oder ein Hohenberg-Gymnasium. Oder warum nicht einfach „Gymnasium Nagold“?
Letztlich soll die Schule nach einem klugen Kopf benannt werden. Die naturwissenschaftliche Fraktion bringt Otto Hahn ins Spiel – den Entdecker der Atomspaltung. Angesichts des Schwerpunkts am OHG eine einleuchtende Wahl. Immerhin schafft es auch noch Heinrich Heine in die engere Auswahl. Der Gemeinderat entscheidet sich mit 18 Stimmen für Otto Hahn, nur acht Räte votieren für Heine. Weitere von Schülern geforderte Namen waren übrigens: Bertold Brecht, August Bebel und Heinrich Böll.
Das Areal heute
Eingeweiht wird das Otto-Hahn-Gymnasium am 8. September 1973 – ein Großereignis für Nagold, mit jeder Menge Prominenz und Grußrednern. Es bleibt nicht die einzige Einweihung. Auf dem Areal verändert sich noch viel. Es kommen Anbauten, sowohl am OHG, als auch an der Zellerschule. Selbst eine Mensa bekommt Platz auf dem Gelände. Der jüngste Umbaustreich ist im „aktuellen“ Luftbild des Landes noch eine Baustelle: Die Erweiterung der OHG-Tiefgarage zur Tiefgarage Nagold Nord.
Heute ist die Tiefgarage in Betrieb, und das Gelände darüber ist ein neuer Platz, den sich die Nagolder langsam aber sicher erobern. Auch Dank großzügiger, prächtiger Blumenbepflanzungen und Sitzgelegenheiten kommt der „Europaplatz“ getaufte öffentliche Aufenthaltsraum immer besser an.
Und es geht noch weiter: Ein Kleinspielfeld ist geplant, die Zellerschule wird wohl zu zwei Dritteln abgerissen und neu gebaut – und dann stehen früher oder später auch grundlegende Sanierungs- oder wahrscheinlich eher Neubauarbeiten am OHG an. Mal sehen, ob die Schulgemeinschaft dann eine Aula bekommt – vor 50 Jahren wird diese auf den nächsten Bau-Abschnitt verschoben, und dann verworfen. Aus Kostengründen.