Herzogenweiler im Jahr 1968: Damals gibt es noch keinen richtigen Ortskern. Foto: Landesarchiv/StAL/EL68IX-13961

Obwohl in der Serie BW von oben nur die Zeit von den 1968er Jahren bis heute betrachtet wird, muss man beim 170-Seelen-Dörfchen Herzogenweiler weiter ausholen, um die Entstehungsgeschichte zu verstehen.

VS-Herzogenweiler - Herzogenweiler habe zwei Geschichten, erzählt Gerhard Blessing. Als gebürtiger Herzogenweiler kennt er die Ortschaft in- und auswendig und kümmert sich in seinem Ruhestand um die "Heimatstube" im Ort – einem kleinen Heimatmuseum über die Siedlungsgeschichte des Ortes.

 

Das 170-Seelen-Örtchen ist über 800 Jahre alt

Der eine Teil der Geschichte startete als mitteralterliches Dorf im Jahre 1208 und endete, als das Dorf im 14. und 15. Jahrhundert so gut wie ausstarb. Richtig los ging es dann im 18. Jahrhundert, als 1721 sechs Glasmacher aus der Rotwasserglashütte ihr neues Domizil in Herzogenweiler errichteten. Von da aus wurden die ersten Wohnsiedlungen gegründet.

Nach den napoleonischen Kriegen prosperierte die Glasherstellung im Ort, finanziell ging es Berg auf – bis das Glück nach den deutsch-französischen Kriegen ein jähes Ende fand. Glas wurde mittlerweile industriell gefertigt, die Schwarzwaldbahn transportierte die Produkte günstig durch das Land und die Produktion in Herzogenweiler wurde eingestellt. Die verbliebenen Leute waren so auf ihre Felder angewiesen – Felder, dessen Pacht sie zuvor an den damals herrschenden Fürst verloren hatten. Um das Jahr 1900 herum, war Herzogenweiler völlig verarmt.

Von Armut zum Naherholungsgebiet

Aufschwung brachte dann das Ende des Zweiten Weltkriegs: Das Regierungspräsidium Freiburg erklärte die idyllische Ortschaft zum Naherholungsgebiet für Villingen-Schwenningen.

Seit 1968 habe sich nicht viel am Ortsbild verändert, erzählt Gerhard Blessing. "In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurden lediglich Baulücken ausgefüllt, das Dorf durfte nicht ausufern, der Ortsetter muss eingehalten werden", so Blessing. Das einzig neue Baugebiet, das seit 1968 beschlossen wurde, befindet sich in der Fischerstraße. Allerdings sei dieses noch nicht erschlossen, was sich laut Blessing auch noch einige Zeit hinziehen wird.

"Die Dorfentwicklung soll sukzessiv vorangehen", so der ehemalige Lehrer. "Das muss schon nachhaltig passieren. Die Dorfgemeinschaft soll nicht darunter leiden." Denn auf diese seien die Herzogenweiler stolz. Die im Jahr 2007 eingeweihte Ortsmitte mit eigenem Brunnen tut für die Gemeinschaft ihr übriges – in der Zeit der Luftbildaufnahmen gab es noch keinen richtigen Ortskern.

"Im Sommer sitzen die Leute da, unterhalten sich, dort werden Feste und Festgottesdienste gefeiert", sagt Blessing. Ob Herzogenweiler also einiges an Lebenslust über die Jahre dazu gewonnen hat? Blessing schmunzelt: "Früher hat man eben mehr schaffen müssen. Das Vergnügen kam dann später hinzu."

Traditionsreiche Gastronomie

Zum Vergnügen zählt auch die Einkehr im noch einzig verbliebenen Gasthof der Stadt, dem Ritter, der selbst eine bewegte Geschichte verzeichnet. Früher unter dem Namen Hirschen bekannt, wurde das Gasthaus seit der Zeit der Glasmacher 300 Jahre lang über zwölf Generationen fortgeführt – bis es verkauft werden musste. "Da hat das Traditionsbewusstsein schon gelitten", gibt Blessing zu.

Übrigens: Eines der tragendsten Feste in der Herzogenweilerischen Geschichte, das 50-jährige Jubiläum der freiwilligen Feuerwehr im Jahr 1994, konnte beinahe nicht gefunden werden – das Gründungsdokument zu diesem Ereignis von 1940 war einfach nicht auffindbar. "Krampfhaft" wurde es gesucht – "bis ich es in einem Archiv finden konnte", lacht Blessing.

Wo überall sonst die Neubaugebiete boomen, bleibt Herzogenweiler kompakt – und bescheiden. "Die Goldgräbermentalität – die haben wir Herzogenweiler nicht", sagt Blessing.