Im Juni 2015 steht auf der Turmbaustelle kurze Zeit der Gleitschalbetrieb still, denn eine weitere Aufstockung des Krans muss vorbereitet werden. Foto: Nädele

Heute hat die Stadt Rottweil im Industriegebiet Berner Feld kaum noch freie Flächen – auch wegen des Testturms. Ein Vergleich mit Luftaufnahmen vom Jahr 1968 zeigt, wie viel sich auf den einst leeren Feldern getan hat.

Rottweil - Um den Aufzugs-Testturm von TK Elevator im Rottweiler Industriegebiet Berner Feld auszumachen, bedarf es eigentlich keiner Luftaufnahmen. Schon von weitem ist der markante Bau als deutlich sichtbare Landmarke auszumachen und macht auch von der Autobahn 81 aus klar: Dort liegt Rottweil, die älteste Stadt Baden-Württembergs.

 

Weithin sichtbare Landmarke

Dennoch lohnt sich ein Blick auf die Luftaufnahmen von heute im Vergleich mit denen von 1968. Sie führen deutlich vor Augen, was sich dort in den vergangenen Jahren entwickelt hat – mit und durch den Bau des Testturms seit 2014 bis zur Einweihung 2017, aber auch schon zuvor.

Testturm kurbelt die Entwicklung noch mal an

Das 21 Hektar große Berner Feld bietet, von der Stadt nur durch das Neckartal getrennt, einen schönen Blick auf die malerische Kulisse der mittelalterlich geprägten Innenstadt. Ein Ausblick, den schon die Herren von Bern genießen durften. Die Bernburg, die dem Berner Feld seinen Namen verlieh, wurde im zwölften Jahrhundert auf dem Bergvorsprung erbaut. Doch schon um das Jahr 1318 verschwand das Geschlecht aus der Geschichte, schreibt Edgar Schelkle-Bieringen in den Rottweiler Heimatblättern, und der Besitz ging auf die Stadt Rottweil über. Und diese wusste die Fläche, wenn auch erst ein knappes Jahrtausend später, wirtschaftlich zu nutzen.

Rottweil boomt, hieß es in den 1990er-Jahren. Und tatsächlich war die 21 Hektar große Fläche schon zehn Jahre nach Beginn der Vermarktung beinahe voll. Indes, geriet die Entwicklung dann etwas ins Stocken. Mehrere Jahren bewegte sich kaum etwas auf dem Berner Feld. Die übrig gebliebenen, nicht zusammenhängenden Flächen von insgesamt drei Hektar waren für interessierte Betriebe zu kleinflächig.

Baustellentourismus in ungekanntem Ausmaß

2010 wollten die Firmen XBK-Kabel und Müller Tiefbau Service auf dem Berner Feld expandieren und der Umwelt-, Bau- und Verkehrsausschuss schuf mit der Änderung des Bebauungsplans die Grundlagen dafür. In diesem Zug wurde auch von der ursprünglichen Planung für die Erschließung abgerückt, die mit einer Ringstraße vorgesehen war. Es entstand die Stichstraße mit einem Wendehammer, an dem heute das Grundstück von TK Elevator mit dem Testturm anschließt. Gleichwohl blieb der Wendehammer zunächst noch unausgebaut, nur geschottert. Erst als sich der Testturm in Gleitschalbauweise um durchschnittlich 3,6 Meter pro Tag in die Höhe schraubte und das Interesse an der Baustelle zu einem regelrechten Baustellentourismus führte, wurde 2015 die Asphaltdecke aufgebracht.

Ein neues Ausflugsziel – im Industriegebiet

In Rottweil entstand in dieser Zeit ausgerechnet in einem Industriegebiet ein neues Ausflugsziel: der 246 Meter hohen Testturm für Hochgeschwindigkeitsaufzüge – mit der höchsten Aussichtsplattform Deutschlands in 232 Metern Höhe. Rund um die Uhr liefen auf dem Rottweiler Berner Feld im Drei-Schicht-Betrieb die Arbeiten an dem Turm. Tausende pilgerten an die Baustelle. Schon nach den ersten Monaten, der Turm hatte noch nicht einmal ganz seine endgültige Höhe erreicht, waren es deutlich mehr 10 000 Personen. Seit der Eröffnung der Besucherplattform 2017 wuchs das Interesse noch weiter. Auf dem Berner Feld ist ein touristischer Leuchtturm entstanden.

Das wirkte sich nicht nur in einem wieder aufkeimenden Interesse an den Restflächen im Industriegebiet aus. Schon 2016 entstanden Ideen und Pläne für ein Besucherzentrum und einen Turmpark auf dem Berner Feld. Im gleichen Jahr wurden auch bereits verschiedene Varianten für eine Hängebrücke zur fußläufigen Verbindung des Gebiets mit der Innenstadt diskutiert. Von Besucherzentrum und Turmpark ist mittlerweile keine Rede mehr, auf den Baubeginn der Hängebrücke warten die Rottweil indes noch. Es könnte noch dieses Jahr losgehen, meinte Oberbürgermeister Ralf Broß jüngst anlässlich des Besuchs von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zur Ortszeit in Rottweil.

2019 befasste sich die Stadt Rottweil damit, den Flächennutzungsplan für die gesamte Verwaltungsgemeinschaft neu aufzustellen. Hintergrund sind die Gewerbeflächen, die auf dem Berner Feld, aber auch im interkommunalen Gewerbegebiet Inkom so langsam rar werden. Der Testturm auf dem Berner Feld hatte zuletzt ansiedlungswillige Gewerbebetriebe angezogen wie Licht die Mücken. Das Berner Feld ist plötzlich wieder beliebt. Es gab wieder über Neuansiedlungen und Firmenerweiterungen dort oben zu berichten. Das Bildungszentrum Campus Plus hat sich nahe des TK-Elevator-Turms eine Fläche reserviert, der Partyservice Mattes baute auf einer etwa 3500 Quadratmeter großen Fläche. Wer nicht, wie etwa die Firma Mikron, für Erweiterungsfläche gesorgt hat, schaut in die Röhre. Der Präzisionswerkzeugespezialist baute auf einer Fläche von 6000 Quadratmetern eine 1400 Quadratmeter große Halle, 2150 Quadratmeter sind einer möglichen weiteren Expansion vorbehalten. Glücklich kann sich also schätzen, wer auf dem Berner Feld vorausschauend agiert hat, denn die noch vorhandenen Flächen sind entweder verkauft, reserviert oder als mögliche Erweiterungsflächen für vorhandene Betriebsstandorte vorgehalten.

2019 steht die 5. Änderung des Bebauungsplanes an

Das bringt 2019 die damals fünfte Änderung des Bebauungsplanes mit sich. Lange hatte die Stadtverwaltung an Details gefeilt und versucht, die verschiedenen Interessen unter einen Hut zu bekommen. Es geht schließlich um nicht weniger, als um die zukünftige Entwicklung des Gebiets, das durch die Ansiedlung des Testturms in einen völlig anderen Fokus gerückt ist. So ging es um die Erweiterung der Baugebiete um ein Gewerbegebiet im Westen: die bisherigen Grünflächen neben dem Testturm. Ebenso sollten das Dorfgebiet im Bereich Seehof erweitert und geändert sowie das Mischgebiet um die Pension Haas vergrößert werden. Eine Neugliederung der Baugebiete soll Nutzungen aus dem Bereich Hotellerie und Gastronomie möglich machen. Auch untergeordneter Einzelhandel soll ausnahmsweise machbar sein. Zudem ging es um die Sicherung der Gewerbe- und Industrieflächen für die Wirtschaft. Eine neue Abgrenzung der Baugebiete und Änderungen an den zulässigen Gebäudehöhen spielte außerdem eine Rolle. Im nördlichen Teil des Bebauungsplans wurde so Flächen für Industrie in Gewerbeflächen umgestuft – für Hotellerie und Gastronomie. Auf den einstigen landwirtschaftlich genutzten Flächen des Seehofs, die das Luftbild von 1968 noch zeigt, hat sich also einiges getan.