Von A wie Alexanderplatz bis Z wie Bahnhofzoo: In der Buslinie 100 ein Stück Preußen erleben.
Berlin - Eine Fahrt mit der Berliner Buslinie 100 führt mitten ins Herz der Metropole - und gleichzeitig ist die Fahrt eine kleine Nostalgietour in Sachen preußischer Geschichte. Wir sind eingestiegen.
Hinten sitzt man am besten. Mehr Platz und Ausblick nach allen Seiten. Aber nicht oben, da sitzen nur die Touristen. Parterre spielt sich im Doppeldecker-Bus das wahre Leben ab. Hauptstadtlinie 100. Ein Geheimtipp ist das längst nicht mehr. Vom "Alex" zum Bahnhof Zoo, die erste Linie, die nach der Wende Ost und West miteinander verband. Geschichte in 30 Minuten Fahrzeit. Hohenzollern-Glanz zum Regeltarif. Einfachticket. Kein Aufschlag für den historischen Mehrwert.
Der Start verzögert sich. Andrang am Alexanderplatz. Vor mir sitzt ein junger Mann mit Megakopfhörern. Die haben wohl eher modische Funktion. Der Rhythmus der Musik verbreitet sich im ganzen Bus. Eine japanische Familie hat offenbar auch von dem Reiz der Bustour gehört. Weniger vom Reiz Berliner Busfahrer. Eine türkische Mutter zwängt sich mit Kinderwagen durch den hinteren Eingang. Das dauert. "Wir können och jleich hia übanachten!!", schnarrt der Busfahrer und stellt den Motor schon mal ab, was die Japaner irritiert.
Das Ab- und Aufbauen ist in Berlin groß in Mode
Dann geht es doch los. Letzter Blick auf den Alexanderplatz, der noch immer von ausgesuchter Hässlichkeit ist. 1848 demonstrierten hier die Märzrevolutionäre für Demokratie, 1989 mussten ostdeutsche Wutbürger noch immer dasselbe tun. Am Lustgarten vorbei zur Humboldt-Universität. Am Lustgarten wurden einst preußische Soldaten gerdrillt, bis sie sich das Denken abgewöhnten. Studenten steigen ein. Die Kopfhörer sind offenbar ein verbreitetes Modell - und die Musik dazu. Auch so kann man das Denken einstellen. Ein Punk nimmt neben mir Platz. Kein Drill, keine Kopfhörer, aber er hat die Haare schön. Lila.
Wir sind Unter den Linden. Was den Busfahrer stört ("Wie imma: Nüscht jeht vorwärts!)", die Japaner aber zu landsmannschaftlich verwurzelten Reflexen verleitet. Schnell die Auslöser klicken. Die Kinder der Türkin werden wach. "Jeht dett noch lauter?", schimpft ein älterer Herr mit dunkler Stimme und Stimmung. Klar geht das. Da kommt Friedrich. Der Große. Reitet mitten auf der Straße auf seinem Ross. Richtung Osten. Nach Russland sozusagen. Das fand der Staatsrat des Arbeiter- und Bauernstaats gar nicht lustig - und ließ das Denkmal abmontieren. Bis 1981 Erich der Große fand, dass der Alte doch eigentlich so eine Art früher Kommunist war. Darum durfte der Genossen Fritz wieder aufsitzen. Die Partei hat immer recht. Eine Entscheidung, die von Fotolaborbetreibern in Tokio und Osaka bis heute sehr gelobt wird.
Das Ab- und Aufbauen ist in Berlin groß in Mode. Bald hat Friedrich auch sein Schloss wieder. Das heißt, die Berliner tun so. Das alte Stadtschloss der Hohenzollern soll wieder aufgebaut werden. Nur als Fassade, als Fotomotiv. Außen Schloss, innen Geschmack - da soll dann ein Museumskomplex entstehen. Die Wahrheit und doch nicht die ganze. Auch Schlösser kann man sich erwulffen.
"Oh Gott, auch noch die Trethupe"
Jetzt kommen Reichstag und Ratte. Vom Reichstag trennt mich die Windschutzscheibe, von der Ratte nichts. Wo kommt die denn her? Ach so, der Punk. Die Ratte ist nicht lila, aber friedlich wie eine Kuh. Souvenirgeschäfte haben noch immer Bilder vom verpackten Reichstag vorrätig. Christo. Das fanden die Berliner damals nicht so toll. Ist ja kein Geburtstagsgeschenk, so ein Reichstag. Sonst fand die Aktion eigentlich jeder gut.
Inzwischen können sich auch die Hauptstädter mit der Methode anfreunden. Könnte man nicht Schloss Bellevue einpacken? Das gehörte dem Bruder des alten Fritz. Lustschloss hieß das damals. Einem späterem Bewohner ist mittlerweile die Lust vergangen.
Am Haus der Kulturen ist eine feine Dame eingestiegen. Ausgestattet mit allen Insignien des Charlottenburger Stadtadels: Pelzmantel, Handschuhe, Hund. Obwohl Hund, na ja. Ziemlich klein geraten. "Oh Gott, auch noch die Trethupe", stoßseufzt der Rentner. Dann geht es schon weiter. Zur Siegessäule. Muss man mögen. Im Granitsockel sind eroberte Geschützrohre aus den preußischen Kriegen eingelassen. Wen die alle besiegt haben: Dänen, Österreicher, Franzosen. Inzwischen geht es friedlicher zu. Die Loveparade endete hier. 2008 hielt Barack Obama hier eine Wahlkampfrede. "Siegessäule" heißt auch ein schwul-lesbisches Stadtmagazin. Oh, das fände Bismarck aber nicht so gut.
Preußen ist nicht mehr das, was es einmal war
Chaos im Bus. Die Trethupe hat die Ratte entdeckt und ist hörbar empört. Da nimmt sogar der junge Mann vor mir seine Megakopfhörer ab. Aus dem Kinderwagen wird lebhaftes Interesse an dem Rummel bekundet. Wer soll verstehen, warum der Busfahrer ausgerechnet jetzt ruhig bleibt? Wahrscheinlich, weil er es gleich überstanden hat. Noch schnell an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vorbei. Breitscheidplatz. Am Abend singt in der Kirche der Bach-Chor die Bach-Kantate Nummer 73, "Herr, wie Du willst, so schick's mit mir". Der Herr des Busses schickt seine Schäfchen jetzt hinaus. Gehet hin in Frieden. Sagt er nicht. Denkt er nicht. "Endstation", sagt er. Und denkt: Der Hund sieht aus wie 'ne Ratte. Aber da hat er etwas nicht mitbekommen.
Bahnhof Zoo. Der galt ja mal wirklich als Endstation. Man erinnert sich: Christiane F. Groß in Mode, als im Deutschunterricht die Poesie zu Grabe und der Sachtext zu Markte getragen wurde. Das hat sich geändert. Das mit der Poesie und das mit dem Bahnhof. Nicht, dass er jetzt schön wäre. Er ist nicht mal mehr besonders wichtig, seit die Hauptstadt ihren Hauptbahnhof hat. Aber es gibt Gegenden, die dubioser sind. "Preußen, Preußen, Preußen", schallt es vom Bahnsteig. Nein, da wird nicht zur Restauration gerufen. Die Fans vom einschlägigen Eishockey-Club kommen zurück aus Chemnitz. Inzwischen Oberliga Ost. Preußen ist nicht mehr das, was es einmal war.