Busfahrer Kevin Hauner „Auf meiner Linie bin ich mein eigener Chef“

Daniel Gräfe
Kevin Hauner fährt Bus. Foto: Daniel Gräfe/KI/Midjourney/Maria Pichlmaier

Von Edeka zu den SSB: Für Kevin Hauner ist der Job als Busfahrer ein Neuanfang. Was bietet der Job, dass so viele Quereinsteiger ihn machen?

Die Fahrt von Bottrop nach Stuttgart wird für Kevin Hauner (39) zum Neuanfang. Nach der Trennung der Eltern war er 14-jährig von Stuttgart zum Vater ins Ruhrgebiet gezogen, dort wo auch Oma und Opa wohnten. Er hatte eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann absolviert und zwölf Jahre bei Edeka gearbeitet. Zufrieden oder gar glücklich war er nicht mit seiner Tätigkeit: zu viel Arbeit, wenig Geld, zunehmender Druck.

 

Dann legte ihm der Stiefvater aus Stuttgart nahe, sich bei der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) zu bewerben. Vorstellen konnte er sich die Arbeit eines Busfahrers zu diesem Zeitpunkt nicht. „Man fährt mit und macht sich keine großen Gedanken.“

Arbeit ist am Abend getan

Bereut hat er es nicht. Jetzt habe er auch viel Arbeit, aber mehr Geld und Seelenfrieden meint Hauner auf dem SSB-Betriebshof im Stuttgarter Stadtteil Möhringen. „Bei Edeka habe ich zu Hause immer überlegt, was ich am nächsten Tag machen muss. Wenn ich jetzt abends aus dem Bus steige, habe ich meine Arbeit getan.“

Rund 4000 Beschäftigte zählen die SSB derzeit, allein im vergangenen Jahr stellten sie neben 129 Stadtbahnfahrern auch 150 Busfahrer ein – der Frauenanteil liegt unter fünf Prozent. Die Mehrzahl der Beschäftigten im Fahrdienst sind Quereinsteiger, viele kamen in den Coronajahren aus dem Einzelhandel, der Gastronomie und der Event-Branche. Traditionell sind auch Lkw-Fahrer darunter, Handwerker und Selbstständige. Sie locken eine sichere Stelle; manchmal auch die Aussicht auf eine sitzende Tätigkeit und einen trockenen Arbeitsplatz.

So gelingt der Einstieg als Busfahrer

Auch für Hauner war der Einstieg verhältnismäßig einfach: Führerschein, möglichst keine Punkte in Flensburg, ein Führungszeugnis, das sind die Voraussetzungen. Dazu eine Gesundheitsuntersuchung, 14 Wochen Fahrausbildung und mehrere Prüfungen, dass man Leute befördern darf. „Am ersten Tag der Fahrschule habe ich allerdings gedacht, dass das nichts wird“, erzählt er. „Aber man lernt sich schnell ein.“

Kevin Hauner. Foto: Daniel Gräfe

Das gilt auch für die Schichten. Die früheste beginnt um 3.40 Uhr, weitere fangen um 6 Uhr, mittags oder am späten Nachmittag an. Dann wären noch die Nachtbusfahrer. Anfangs sei er die späten Schichten gefahren, der Zuschläge wegen, erzählt Hauner. Jetzt – mit Frau und einem fast zweijährigen Kind – ist er am liebsten schon früh unterwegs.

Bus-Check vor der ersten Fahrt des Tages

Meist radelt er nach 3 Uhr quer durch Vaihingen zum SSB-Betriebshof. Dort meldet er sich beim so genannten Ausrücker, der ihm den Bus und die Linie zuweist. Hauner checkt mögliche Schäden, prüft die Beleuchtung, den Reifen, die Tür – die „immer ein großes Thema“ sei. Dann fährt er mit dem Bus zur Anfangshaltestelle.

Oft fährt er die 81 nach Dürrlewang oder Büsnau – eine Stunde geht es hin und zurück. Er mag den frühen Morgen, wenn der Verkehr sich erst aufbaut und die Fahrgäste noch schlaftrunken sind. Wenn sich im Lauf des Tages und der Jahreszeiten auf seinen Routen Dinge verändern. Baustellen, die kommen und gehen. Manche Fahrgäste, vor allem die Älteren, grüßen ihn, erzählen vom Arztbesuch. Manchmal sieht er auch Bekannte über die Straße laufen.

Viel passiere aber nicht in Vaihingen. Fährt Hauner dagegen durch die Stuttgarter Innenstadt, steigt die Zahl der Gäste, der Umleitungen und Baustellen. „Da ist schon mehr Stress.“ Dennoch fahre er gern durch die City – der Abwechslung wegen.

„Auf meiner Linie bin ich mein eigener Chef“

In der Regel fährt Hauner zwei Linien pro Dienst. Bei manchen Linien dauert die Runde nur sieben Minuten, bei anderen sind es drei Stunden. Meist wechselt Hauner am Vaihinger Bahnhof oder in Degerloch den Bus, wo es auch Pausenräume gibt. Sie sind die kleinen Fluchten der Fahrer. Manche sind in Wohnhäusern versteckt.

„Auf meiner Linie bin ich ein bisschen mein eigener Chef.“ Immer wieder müsse er Entscheidungen treffen, sagt Hauner: Versperrt ein Lkw den Weg, kommt der Bus zwischen parkenden Autos durch, gibt es eine Demo, bildet sich Glatteis? Dann ruft er die Leitstelle an, um Lösungen zu besprechen. „Für mich ist am wichtigsten, dass ich sicher ankomme.“ Einmal habe er einen Seitenspiegel abgefahren. Einen Unfall verursachte er noch nie. „Ein Busfahrer kann im Zweifel ein bisschen ausweichen, das kann ein Stadtbahnfahrer nicht.“

Mehrere Zuschläge möglich

Mit 2966,76 Euro brutto im Monat steigt man in der Ausbildung bei den SSB ein. Danach erhöht sich das Gehalt von 3539 Euro bis auf 3860 Euro. Mit seinen sieben Berufsjahren verdient Hauner mehr als 3600 Euro brutto monatlich.

Dazu kommen Zuschläge für die Fahrten an Samstagen, Sonn- und Feiertagen. Und eine Nahverkehrszulage in Höhe von 150 Euro – als Ausgleich für die hohen Lebenshaltungskosten in Stuttgart. 4000 Euro brutto erhält Hauner im Monatsschnitt. Führe er auch nachts, kämen rund 500 Euro obendrauf. Das Urlaubsgeld beträgt 540 Euro. Ein 13. Gehalt wird als Weihnachtsgeld ausgezahlt.

Wünsche bei den Schichten werden berücksichtigt

Ob das Gehalt zum Leben reiche? „Wir kommen durch den Monat“, sagt Hauner. „Als meine Frau wegen des Kinds nicht gearbeitet hat, war es knapper.“ 900 Euro kalt zahlt er für 75 Quadratmeter als Miete. Derzeit sucht er eine größere Wohnung in Vaihingen – es sei schwierig, etwas zu finden. Geld sei wichtig für „ein normales, gutes Leben“, wie er sagt. „Ansonsten ist mir die Zeit mit der Familie wichtiger.“

So ist er nach Feierabend viel mit der Tochter unterwegs. Mit seiner Frau führe er eine „sehr partnerschaftliche Beziehung“ – Haushalt und Kinderbetreuung teile man sich auf. Der Schichtdienst helfen ihm dabei, sich bei der Kinderbetreuung abzuwechseln. Durch die Frühdienste ist er mittags zuhause. In der Regel erhält er die Schichten, die er sich wünscht.

Und was sind seine Zukunftswünsche? Er wolle seine Fortbildung als Fahrerbetreuer fortsetzen. Vielleicht werde er auch mal als Ausrücker oder Disponent arbeiten. Teamleiter zu sein reize ihn auch.