Warum ein Burnout nicht über Nacht kommt und wie es gelingen kann, Wege aus der Erschöpfungsspirale zu finden, erläuterte im Rahmen eines Vortrags Diplom-Biologin Carola Kleinschmidt.
Stress ist für viele längst zum Alltag geworden. Doch was, wenn er dauerhaft anhält und der Körper in einem chronischen Alarmzustand bleibt? Dann drohen langfristig Folgeerkrankungen. Warum es deshalb wichtig ist, Warnzeichen erst zu nehmen und Wege aus der Erschöpfungsspirale zu finden, erläuterte Diplom-Biologin und Coach Carola Kleinschmidt jüngst in einem von der Volkshochschule Balingen angebotenen Online-Vortrag.
„Ein Burnout kommt nicht über Nacht. Handeln bevor der Job krank macht“ - wieso dieser Titel? Werden Menschen, die beruflich, aber auch privat gut funktionieren, plötzlich krank, frage man sich häufig: Wie ist das so schnell entstanden? Von „schnell“ könne allerdings keine Rede sein, machte die Expertin deutlich. „Wir halten nämlich lange durch, bevor es zum Crash kommt.“ Auch die häufig verbreitete Annahme, dass Burnout nur in bestimmten Berufsgruppen vorkomme, sei nicht zutreffend. „Er kann alle treffen, querbeet“, erklärte Carola Kleinschmidt, die die Zuhörer zu Beginn bat, sich folgende Frage zu stellen: Wie gestresst bin ich?
Sollte die Antwort dabei lauten: „Ich renne ganz schön viel und komme nicht an“, sei das bereits ein Zeichen für Belastung. Permanent gestresst fühlten sich rund 30 Prozent der Erwerbstätigen und psychische Probleme seien ein häufiger Grund für Arbeitsunfähigkeit. Besonders alarmierend: „Das Stresslevel nimmt kontinuierlich zu.“
Dabei sei Stress an sich erst mal eine gute Sache, machte die Referentin deutlich. „Der Blick fokussiert sich, die Muskeln spannen sich an. Man ist bereit zum Handeln.“ Dies ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist „eine gesunde Entspannungs-Reaktion“; eine Phase, in der sich Muskeln und Geist entspannen und Stresshormone abgebaut werden. „Ein gutes Energie-Management“, so die Expertin, „ist ein Wechsel von An- und Entspannung.“ Und Entspannung bildlich gesehen die „Welle“, auf der man surft.
Auf der Energiewelle surfen
Findet besagter Wechsel allerdings nicht statt und lässt man die „Welle“ aus, nage die Belastung an unserer Gesundheit und unserem Lebensgefühl. Denn sei man die ganze Zeit „on“, gehe das mit Energieverlust einher, skizzierte die Expertin. Die To-do-Listen werden immer länger, man hat Schlafprobleme, Kopf- oder Nackenschmerzen. „Ich vergesse zu trinken, bin reizbar und werde vergesslich“, ergänzten die Zuhörer die Liste mit Symptomen, die in der ersten Stufe häufig vorkommen. Auf diese folgt dann Stufe 2, der „Burnon“ - das Gefühl dauerhafter Erschöpfung. Man „funktioniert“, reagiert mit Perfektionismus, aber auch mit sozialem Rückzug. Diese dauerhafte Anspannung führt schließlich zu gesundheitlichen Problemen und mündet in Stufe 3: den Burnout. Aktionismus wechselt hier mit Apathie, es kommt zum seelischen oder körperlichen Zusammenbruch und schließlich zur Diagnose „Z73“: Erschöpfungssyndrom.
„Es ist normal, dass wir Stufe 1 und 2 kennen“, führte Carola Kleinschmidt vor Augen. Aus der Balance zu kommen, sei nichts Ungewöhnliches. „Gesund ist allerdings, wenn wir nach ein bis zwei Wochen im Stressmodus die Reißleine ziehen.“ Dabei gelte es Hilfe zu suchen und anzunehmen, für Entlastung zu sorgen, sich Erholung zu gönnen und zu reflektieren.
Um wieder ins „Schwingen“ zu kommen, seien als „Soforthilfemaßnahmen“ Pausen, Bewegung, aber auch bewusstes Abschalten angeraten. Beschwerden sollten zudem mit dem Hausarzt abgeklärt werden. Um „Stress-Spitzen“ zu reduzieren, könne Beratung in Anspruch genommen werden. Ferner lautet die Empfehlung, den Umgang mit Stress zu verbessern, aber auch Ursachenforschung zu betreiben (“Was strengt mich so an?“). Und schließlich sollte man nicht zögern, den „Notfallplan“ zu aktivieren und ärztliche und therapeutische Hilfe zu suchen.
Rechtzeitig die Reißleine ziehen
Was aber kann man tun, um es erst gar nicht so weit kommen zu lassen? Zur Burnout-Prävention gehören laut Expertin unter anderem ein Gespür für persönliche Belastungsgrenzen und eine gesunde Arbeitskultur. Dabei helfen, Wege aus dem Gefühl von Stress und Überforderung zu finden, könne etwa eine gesunde Pausenkultur. „Wer sich tagsüber regelmäßig Pausen von zwei bis fünf Minuten gönnt, ist abends weniger erschöpft.“ Hilfreich sei ebenfalls, die „Wenn-Dann-Regel“ anzuwenden (beispielsweise: „Wenn ich das Büro verlasse, dann lockere ich bewusst meine Schultern“).
Ein „Extratipp“ der Expertin ist der sogenannte „Energieanker“, bei dem man sich pro Woche einen „Heiligen Termin“ reserviert, „der nur mir gehört.“ Aber auch, sich „den Blick für das Gute“ zu bewahren und ein „Zeitmanagement für die Seele“ aufzustellen (etwa ganz bewusst das „Schlimmste“ zuerst erledigen, ähnliche Aufgaben bündeln und am Ende des Tages bewusst einen Schlussstrich zu ziehen) kann dabei helfen, sich klarzumachen: „Erschöpfung ist keine Schwäche, sondern ein Aufruf zu Veränderung.“
Studie: Burnout-bedingte Fehlzeiten
Das wissenschaftliche Institut, das bundesweit Datenanalysen der AOK-Versicherten erstellt, hat im vergangenen Jahr auch Zahlen zu Burnout veröffentlicht. Zwischen 2015 und 2024 haben sich die Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund der Diagnosegruppe „Z73“ je 1000 AOK-Mitglieder (Beschäftigte) von 101,6 auf 186,0 Tage um fast das Doppelte erhöht. Im Jahr 2024 stiegen die Arbeitsunfähigkeitstage je 1000 AOK-Mitglieder im Vergleich zum Vorjahr um durchschnittlich 11,2 Tage an. Nach einem leichten Rückgang der Fallzahlen im Jahr 2020, lagen die Fallzahlen im Jahr 2024 mit 8,0 AU-Fällen je 1000 AOK-Mitglieder dann auf dem höchsten Stand im 10-Jahresverlauf. Im Zollernalbkreis gibt es 51.799 beschäftige AOK-Mitglieder.