Bundesbildungsministerin Karin Prien (59, CDU) hat angeregt, dass Schülerbesuche in KZ-Gedenkstätten Pflicht werden sollen. Das sagt man im Burladinger Progymnasium dazu.
Burladingen hat mit dem nach Hans-Küng benannten Progymnasium ja immerhin seit 2016, also bald schon zehn Jahre, eine Weltethos-Schule. Schulleiter ist Johannes Heß. Wir wollten wissen: Was hält das Team der Pädagogen und Fachkräfte am Burladinger Progymnasium vom Vorschlag der CDU-Bildungsministerin Prien von Pflichtbesuchen in KZ-Gedenkstätten? Dazu fragten wir den engagierten Gemeinschaftskundelehrer Chris Bartels, der mit seinen Schülern immer wieder Projekte in Sachen politische Bildung macht.
Herr Bartels, was halten Sie als Vertreter einer Weltethos-Schule von Priens Idee?
Generell ist der Besuch einer KZ-Gedenkstätte eine Erfahrung, welche die Vernichtungs- und Unterdrückungsmaschinerie der Nazis noch einmal besser vorstellbar macht. Deshalb sollte eine Gedenkstätte auf jeden Fall besucht werden. Da unterscheiden wir uns, glaube ich, auch nicht von anderen Schulen. Gerade im Hinblick auf Toleranz, die bei uns an der Schule mit ein zentraler ist, kann man beim Besuch einer KZ-Gedenkstätte noch einmal deutlich machen, dass die Folge von Intoleranz immer Gewalt und Hass ist.
Würden Sie da bei Lehrern und Schülern lieber auf Freiwilligkeit als auf Pflicht setzen?
Ich würde lieber auf Freiwilligkeit setzen. Unser Erfahrung nach interessiert so ein Besuch die Schüler sehr und zu einem guten Geschichts-, Ethik- und Religionsunterricht gehört meiner Meinung nach zwingend der Besuch einer Gedenkstätte. Durch eine entsprechende Vorbereitung und auch Wertschätzung solch eines Besuchs erübrigt sich dann auch der Zwang hinsichtlich der Schüler.
Es gibt ja auch einige wichtige und sehr eindrückliche Gedenkstätten im Zollernalbkreis, etwa die in Dautmergen beim Schieferabbau. Wäre das eine näher liegende Option als eine Fahrt Richtung München?
Ein Besuch, zum Beispiel in Dachau halte ich für unsere Schule nicht für sinnvoll, da erstens die Fahrt sehr weit ist und damit auch die Kosten sehr hoch sind. Wir haben das einmal gemacht, aber waren damit nicht glücklich. Mein Sohn, der ein Tübinger Gymnasium besucht, war erst vor kurzem in Dachau und war völlig erschöpft von der langen Fahrt und dem Hetzen durch die Gedenkstätte. Das wird meiner Meinung nach dem Anlass nicht gerecht.
Wir haben in unserer Umgebung zahlreiche hervorragend gemanagte Gedenkstätten, die sich genauso anbieten tiefer in das Thema einzutauchen. Wir fahren regelmäßig nach Grafeneck. Dazu gibt es tolles Material und der regionale Bezug ist gegeben. Außerdem sind die Workshops ganz toll gemacht. Es ist für die Schüler auch wichtig zu sehen, dass die Nazigräuel direkt vor der Haustür passiert sind und nicht nur an wenigen zentralen Orten. Wir haben, als es die Figuren zum Kunstprojekt in Grafeneck noch gab, auch an der Schule eine Ausstellung gemacht und ein Einzelschicksal eines Jungen vorgestellt. Das war sehr bewegend.
Haigerloch hat noch einen alten jüdischen Friedhof und es gibt die alte Synagoge in Hechingen. Könnten die als Info und nachhaltiger Eindruck zum düstersten Kapitel deutscher Geschichte schon ausreichen?
Wir haben bereits in Buttenhausen den jüdischen Friedhof besucht. Meine Erfahrungen waren, dass das nicht ausreicht. Das ist zu abstrakt. Um sich einfühlen zu können brauchen die Schüler mehr. Da ist dann zu viel Vorstellungskraft gefordert.
Wie sind Ihre Erfahrungen oder die Ihrer Kollegen, wenn Sie mit Schülern solche Stätten - in der Nähe oder weiter weg - besuchten?
Wie bereits gesagt bin ich ein großer Fan von der Gedenkstätte Grafeneck. Ich wäre auch offen für Dautmergen oder Bisingen. Für die Schüler ist es immer eine eindrückliche Erfahrung. Danach merkt man auch im Geschichtsunterricht eine persönlichere Betroffenheit. Dazu trägt zum Beispiel auch das Buch der Namen bei, welches die Schüler in Grafeneck einsehen können. Oft erzählt dann auch jemand, dass auch aus der eigenen Familie jemand von den Nazis ermordet wurde.
Wie kann solches Leid und solche Brutalität zwischen Menschen überhaupt mit jungen Menschen im Unterricht erarbeitet werden. Ist das nicht auch ein Schock?
Das geht und muss auch sein. Ich denke, dass es nichts bringt, wenn man so tut, als ob das alles nur eine politische Phase gewesen ist. Geschockt ist aber kaum jemand, zumindest nicht, wenn es allgemein um die Gräueltaten geht. Leider sind viele schon so abgestumpft durch das ganze Leid, was es aktuell auf der Welt gibt, dass sie sich da nicht mehr einfühlen können oder wollen. Ganz anders sieht das aber aus, wenn es um Einzelschicksale geht. Das kommt bei den Schülern an, das macht sie betroffen. Das ist auch mit ein Grund, warum ein Gedenkstättenbesuch auch entsprechend gut von den zuständigen Stellen aufbereitet sein muss. Nur über das Gelände laufen bringt nicht viel.
Information: Was ist Grafeneck?
Schloss Grafeneck liegt rund 25 Kilometer südöstlich der Kreisstadt Reutlingen zwischen Engstingen und Münsingen in der Gemeinde Gomadingen und damit direkt in der Nachbarschaft zur Stadt Burladingen.
Gebaut wurde Grafeneck um 1560 als Jagdschloss von den Herzögen von Württemberg. Rund 200 Jahre später, von 1762 bis 1772 wurde es zu einem barocken Schloss erweitert. Dann, 1929 kaufte die Samariterstiftung das Schloss, richtete ein Heim für Behinderte in dem großen Schloss ein und ein Jahr später 1930 wurde bereits ein eigener Friedhof dazu gebaut.
Mordanstalt Dann begannen die 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts und in der Nazizeit wurde aus dem stattlichen Barockbau eine Mordanstalt. Begünstigt dadurch, dass das Gelände einsam und abgelegen in einem Wald liegt und es nur zwei Zufahrten gibt, die beide nicht einsehbar sind, entschieden sich das Württembergische Innenministerium in Stuttgart zusammen mit der Berliner „Zentraldienststelle T4“ das Samariterstift Grafeneck zu einer Tötungsanstalt umzubauen. Am 13. Oktober 1939 verfügte Richard Alber, von 1938 bis 1944 Landrat des Landkreises Münsingen war, dass Grafeneck geräumt werden muss, tags drauf wurde es „für Zwecke des Reiches“ beschlagnahmt.
Berüchtigte Gekrat Vier Omnibusse der sogenannten „Gemeinnützigen Krankentransport GmbH“ (Gekrat), die es zu trauriger Berühmtheit brachte, transportierten die Grafeneck-Bewohner zusammen mit dem Heimleiterehepaar Frank, deren Tochter und zehn Mitarbeitern in das Kloster Reute. Den Schwestern von Reute war, so ist es mittlerweile im Dokumentationszentrum Grafeneck nachzulesen, vier Tage zuvor vom Württembergischen Innenministerium mitgeteilt worden, dass sie St. Elisabeth sofort zu räumen hätten. Alle Patienten, die in Reute untergebracht worden waren hatten Glück. Denn sie überlebten die Aktion T4, die wenig später hinter den Schlossmauern von Grafeneck ungehindert ablief.
Tötungsanstalt Das ehemalige Jagdschloss war zur Tötungsanstalt geworden. Dort wurden systematisch 10.654 Menschen mit Behinderung getötet. Ihre Namen sind alle erfasst. Und sie kamen nicht nur aus Baden-Württemberg sondern auch aus Bayern, Hessen und dem heutigen Nordrhein-Westfalen.
Gedenkstätte Jetzt ist Grafeneck eine Gedenkstätte in der schonungslos und konsequent an die Gräueltaten der Nazis erinnert wird. Es gibt seit 20 Jahren ein Dokumentationszentrum und es gibt eine öffentlich zugängliche Dauerausstellung. Sie heißt „Grafeneck 1940 – Krankenmord im Nationalsozialismus“. Besucht wird die Ausstellung jährlich von 15 000 bis 20 000 Menschen. Für Schulklassen werden Workshops angeboten. (eri)