Vertreter von Behörden, Unternehmen, aus der Politik und vom Regionalverband Neckar-Alb präsentieren im Burladinger Umspannwerk das wegweisende „Memorandum of Understanding“. Foto: Rapthel-Kieser

Burladingen, die viertgrößte Stadt im Zollernalbkreis hat, was alle künftig haben wollen. Die Fehlastadt wird damit nicht nur zum Vorreiter in der Region Neckar Alb.

Soviel Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Politik, von Behörden und Verbänden hatten sich zuvor wohl noch nie im nur 12 000-Einwohner zählenden Burladingen getroffen. Aber der Ort an dem sie sich trafen, das Umspannwerk bei der Kläranlage an der B32 ist richtungsweisend für ganz Europa. Und die Zusammenarbeit und die Idee für die es steht, ebenfalls.

 

Einigkeit bei Vertretern aus elf verschiedenen Organisationen

Dort, im Burladinger Umspannwerk wurde gestern das „Memorandum of Understanding“ unterzeichnet – von Vertretern aus elf verschiedenen Organisationen. Wenn es um den Richtungswechsel in der Energiepolitik geht – sie dokumentierten damit, dass sie alle schon längst an einem Strang ziehen.

Warum, das wurde hernach bei Vorträgen und Erläuterungen in der Burladinger Stadthalle deutlich. Hausherr und Gastgeber Bürgermeister Davide Licht zitierte aus der Wirtschaftswoche und aus einer namhaften Studie, die in Energiewirtschaftskreisen mittlerweile längst bekannt ist.

Das Memorandum wurde von allen unterschrieben und soll künftig als Tafel an exponierter Stelle in Burladingen präsentiert werden. Foto: Rapthel-Kieser

Europa kann sich künftig weder Atomkraft noch Kohlekraftwerke leisten – aus Kostengründen, wie die Studie klarmacht. Denn es gibt keine Rückversicherer mehr auf dem internationalen Markt, die ein Atomkraftwerk-Risiko irgendwie abdecken wollen. Und die Endlagerung verstrahlten Mülls ist ein unlösbares, weil zeitlich völlig unüberschaubares Problem. Bei den Kohlekraftwerken sieht es nicht besser aus, wenn man den Umweltfaktor und die Schäden bei Abbau und Geländeverbrauch sowie, das Risiko der Bergleute und ihre und anderer Langzeiterkrankungen mit einrechnet.

Flammende Rede gegen Bürokratiewust und Regeln

Der Weg muss also hingehen zu Windrädern, Photovoltaik, Solarenergie und die Speicherung dieser Energie, Energiegewinnung muss dezentralisiert werden. Das ist der Schluss, zu dem die Studie kommt. „Die Entscheidungen, die wir in den kommenden fünf Jahren fällen, die werden die Wirtschaft in den nächsten 20 Jahren beeinflussen“, so Licht. Deshalb müsse es schnell gehen, denn einen weiteren Niedergang der Wirtschaft, ein Abbau von noch mehr Arbeitsplätzen könne sich nicht nur Deutschland nicht leisten.

Der Burladinger Bürgermeisterkritisierte dabei in einer flammenden Rede die überbordende Bürokratie und den Wust an Durchführungsbestimmungen und Regeln, die nicht nur Behörden im Weg stehen. Die Kosten die derlei verursachen würden, stünden in keinerlei Verhältnis zum Nutzen. Mehrere Male lauten Beifall erhielt Licht dabei von seinem Bürgermeisterkollegen aus Starzach, Thomas Noé.

Thomas Noé, Bürgermeister von Starzach, klatschte mehrfach Beifall, als Davide Licht sich in seiner Rede gegen Bürokratie und Regelwust wandte. Foto: Erika Rapthel-Kieser

„Den müssen sie verstehen, der leidet unter der Bürokratie genauso wie ich und alle anderen Bürgermeister von Städten und Kommunen“, sagte Licht den wenigen Lachern im Saal.

Die nachfolgenden Redner, unter ihnen auch der Landrat des Zollernalbkreises, Günther-Martin Pauli, warteten mit einigen Überraschungen auf. Pauli war es gewesen, der damals den Bau und die Dimension des Umspannwerkes mit auf den Weg gebracht hat. Auch er geißelte Auflagen und Regelungswut wenn es um den Bau, etwa von Windrädern geht.

Fast drei Mal soviel Windstärke, wie es die Planer vorher berechnet hatten. Martin Zimmerlin von der NetzeBW hatte frohe Kunde. Foto: Rapthel-Kieser

Und was die angeht wartete der Vertreter der NetzeBW mit überraschend positiven Zahlen auf. Die tatsächliche Windstärke sei im Betrieb dann mehr als zweimal größer, als das, was die Planer zuvor – vorsichtig – angesetzt hatten. Das Projekt TraVerNa sei deshalb zukunftsweisend, denn es habe den Ansatz, gemeinsam prozessuale Lösungsansätze zu erarbeiten. Das führe von der Theorie in die Praxis.

„ Memorandum of Understanding“ markiert den Richtungswechsel in der Energiepolitik.

Elf Unterzeichner
Zu den elf Organisationen, die im Burladinger Umspannwerk, dem größten digitalen Umspannwerk Europas, das „Memorandum of Understanding“ unterzeichnet haben gehören: Der Regionalverband Neckar Alb, das Regierungspräsidium Tübingen, die NetzeBW sowie die Transnet BW, der Landkreis Reutlingen, der Landkreis Tübingen und der Zollernalbkreis und der Gemeindetag von Baden-Württemberg. Auch die Klimaschutzagentur des Landkreises Reutlingen, die Agentur für Klimaschutz des Landkreises Tübingen und die des Landkreises Zollernalb gehören zu den Mitunterzeichnern.