In ihrem Igelzimmer in Gammertingen pflegt Sandra Gleich Tiere, die andernfalls keine Chance hätten. Helfen kann allerdings jeder.
Ein Haus ohne Igel ist wie ein Himmel ohne Sterne.“ Bereits das Schild, das über Sandra Gleichs Haustür hängt, verrät ihre Leidenschaft für die stacheligen Tiere. Die 50-Jährige, die als Sekretärin an der Frauenklinik in Tübingen arbeitet, pflegt derzeit neun der nachtaktiven Tiere bei sich zu Hause in Gammertingen. „Das ist für einen Januar nicht normal. Es werden jedes Jahr mehr“, beklagt Gleich.
Dass sie derzeit so viele Tiere in Pflege hat, hängt für sie auch von veränderten klimatischen Bedingungen ab. „Wir haben keinen richtigen Winter mehr. Es ist im Durchschnitt einfach zu warm“. Dazu kommt, dass viele Igel geschwächt in den Winterschlaf gehen, weil sie im Sommer und Herbst nicht mehr genügend Insekten finden.
Reine Insektenfresser
Igel sind Insektenfresser und ernähren sich von Laubkäfern, Raupen und Engerlingen. Getreide, Obst, Küchenabfälle, Nüsse, Gemüse, Pilze, rohe Eier und Milchprodukte kann ihr Verdauungssystem nicht verarbeiten, das Tier bekommt Durchfall, was bis zum Tod führen kann. Man sollte einem Tier also niemals Milch, sondern ein Schälchen Wasser hinstellen. Als Nahrung empfiehlt Sandra Gleich Katzenfutter ohne Soße und Zucker, aber dafür mit einem hohen Fleischanteil. Auf gar keinen Fall sollte man sogenanntes „Igelfutter“ nehmen. Igel, die tagsüber unterwegs sind und Anzeichen von Unterernährung, Krankheit oder Verletzungen zeigen, benötigen dringend Unterstützung. Zunächst sollte das Tier warm und trocken im Haus untergebracht werden. Dafür eignet sich eine etwa 45 Zentimeter hohe Box oder ein Karton, der mit einem alten Handtuch, Stoff oder Zeitung ausgelegt wird. So kann sich der Igel darin verstecken.
Im nächsten Schritt sollte der Igel genauer betrachtet werden: Hat er sichtbare Verletzungen? Wirkt er apathisch? Sind Zecken, Milben oder Maden zu erkennen? Auch das Gewicht des Tieres sollte festgestellt werden. Im Anschluss empfiehlt es sich, Kontakt zu einer Igelstation oder einem igelkundigen Tierarzt aufzunehmen. Von eigenständigen Behandlungsversuchen rät Sandra Gleich ausdrücklich ab, da diese für das Tier oft tödlich enden.
Sandra Gleich hat bei sich, wie vom Veterinäramt vorgegeben, ein separates Igelzimmer eingerichtet. Der Raum muss über Tageslicht und eine Heizung verfügen. Im Raum befinden sich auch ein Brutkasten, ein Atem- und ein Absauggerät. Nicht zu vergessen ein Mikroskop, mit dessen Hilfe sie den Kot ihrer stacheligen Freunde auf Parasiten untersucht. Nach Rücksprache mit dem Tierarzt startet dann die Therapie.
Zeitintensive Pflege
Die Sauberkeit der Boxen ist dabei das A und O. Die Pflege der Igel ist sehr zeitintensiv: Zwischen eineinhalb und zwei Stunden wendet Sandra Gleich täglich für ihre Mitbewohner auf. Müssen die Tiere gebadet oder zwangsernährt werden, können es auch drei Stunden am Tag werden. Neugeborene Igel müssen alle zwei Stunden gefüttert werden – auch nachts. Ohne die Unterstützung ihres Mannes Markus und des Teams der Herzensigel könnte sie das nicht machen.
In der Regel bleibt eine Stachelnase drei bis vier Wochen auf der Station, ehe sie ausgewildert werden kann. Im vergangenen Jahr hat sie insgesamt 167 Igel betreut, vor vier Jahren waren es gerade einmal 100 gewesen. Zwischen monatlich 100 und 120 Euro gibt Sandra Gleich für Wasser, Strom, Medikamente und Futter aus, das sie aber auch ab und an gespendet bekommt. „Ohne Spenden könnte ich nicht so viele Tiere durchschleusen“, erzählt sie.
Pfisters werden selber aktiv
Muss ein Tier operiert werden, trägt der Verein die Tierarztkosten, sofern ausreichend Geld vorhanden ist. Die Gammertingerin versteht allerdings nicht, warum eine Behandlung von Wildtieren mehr als die Behandlung von Haustieren kostet.
Doch man muss die niedlichen Tierchen nicht zur Station bringen, wenn man sich selber in der Lage fühlt, sie durch den Winter zu führen. Martin Pfister, Betreiber und Mit-Geschäftsführer von Bio-Pfister, Sitz Ringingen, Geschäft in Killer, erzählt: Söhnchen Paul habe einen Igel im Garten gefunden. „Ich habe ihn eine weitere Nacht draußen gelassen, aber er wirkte am anderen Tag noch schwächer. Wir haben einer Igelstation angerufen. Die haben gesagt, wir könnten ihn bringen. Aber ich habe gedacht: Wir werden auch so ein Tierchen von 100 Gramm selber durchfüttern können.“
Dankbar war er für die 20-minütige Telefonberatung dennoch. „Die brauchen gluten- und laktosefreies Futter“, lernte und staunte er dabei. Scheinbar hat Familie Pfister alles richtig gemacht. Der Mecki wiegt inzwischen 500 Gramm, schläft die meiste Zeit selig seinen Winterschlaf und wacht nur zum Fressen auf. „Aber stinken tut er gewaltig“, grinst Pfister.
Der Bio-Landwirt hat in das eigens erstellte Gehege eine Klappe eingebaut. Im Frühjahr wird der Familienzuwachs dann irgendwann über Nacht verschwunden sein. Pfisters vermissen ihn schon heute.