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AfD und Grüne wollen Licht ins Dunkel bringen, denn der städtische Katastrophenplan ist längst überholt

Für die AfD warf der Fraktionsvorsitzende Joachim Steyer in der jüngsten Gemeinderatssitzung die Frage auf: Wäre Burladingen im Falle eines großflächigen Stromausfalles vorbereitet? Für die Grünen hakte Manfred Knobloch nach und wollten wissen, ob und welche städtischen Gebäude dann noch funktionieren.

Burladingen. Es gäbe städtische Notfallpläne für solche und andere Szenarien, räumte der Erste Beigeordnete Berthold Wiesner auf die Anfrage ein, die seien aber schon einige Jahre alt. Nach Meinung von Steyer ist das Thema nicht ohne. Denn im Juni vergangenen Jahres kam es an drei Tagen zu erheblichen Engpässen in der bundesdeutschen Stromversorgung. Die Bundesrepublik musste kurzfristig Strom von europäischen Partnern aus dem Ausland dazu kaufen. Viele Medien, vor allem Wirtschaftsmagazine, berichteten darüber. Die Bundesnetzagentur wiegelte ab und betonte, dass zu keiner Zeit die Gefahr eines Blackouts bestand.

Steyer sieht das anders, sein Ausblick ist düster. Im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten hält er seine Meinung nicht hinter dem Berg. Er fürchtet einen großflächigen Stromausfall. "Immer mehr Kohlekraftwerke werden abgeschaltet, auch unsere Nachbarn nehmen alte Kernkraftwerke vom Netz. Für mich ist da nicht die Frage ob, sondern wann es mal zu einem Blackout kommt", sagt der Rechtskonservative. Und: "Ich werde mich vorbereiten, werde mir ein Notstromaggregat kaufen und habe schon mit einem Elektriker gesprochen. Dann kann ich im Ernstfall wenigstens einige Tage meinen eigenen Strom erzeugen", sagt Steyer. Aber er will auch, dass seine Stadt entsprechend vorbereitet ist, denkt unter anderem an die Alten- und Pflegeheime. Deswegen habe er die Anfrage gestellt und will sie im Gemeinderat auch nochmal zum Thema machen.

Der Grüne Manfred Knobloch hält den Einstieg in die Thematik zumindest für nicht schlecht. Man müsse sich im Gemeinderat schon mal der Frage widmen: "Was braucht eine Stadt wie Burladingen an öffentlicher Infrastruktur, damit sie im Ernstfall funktionieren kann?" Deshalb hält er eine Bestandsaufnahme für den ersten Schritt in die richtige Richtung, auch, um mal generell das Energiekonzept der Stadt aufs Tapet zu bringen und gegebenenfalls zu überarbeiten.

Beide, Knobloch und Steyer, scheinen gut informiert in der Thematik und verweisen auf eine Gemeinde im Kleinen Odenwald. Dort hat in Aglasterhausen die Bürgermeisterin Sabine Schweiger ein mustergültiges Notfallkonzept für einen großen Stromausfall erarbeitet. Zusammen mit anderen Behörden, dem Stromanbieter und Vertretern von Polizei, Feuerwehr und THW. Für Sabine Schweiger ist die "Notfallplanung Stromausfall" eine Pflichtaufgabe der Gemeinde.

Ulrich Stark, Pressesprecher des Stromversorgers EnBW in Stuttgart und von unserer Zeitung zu solchen Szenarien befragt, betont, dass es großflächige Stromausfälle in Deutschland lange nicht gegeben hat. "Die Stromversorgung in Deutschland gehört zu den besten weltweit", sagt er und verweist auf andere Industrieländer wie etwa die USA, wo es vor allem bei Extremwetterlagen immer mal wieder zu stunden- oder gar tagelangen Stromausfällen kommt.

Bei deutschen Stromanbietern gelte die sogenannte N-1-Regel bei der Auslegung von Stromnetzen. Die besagt, dass beim Ausfall eines wichtigen Betriebsmittels, zum Beispiel eines Leitungsabschnittes oder eines Trafos in einem Umspannwerk in der Regel ein anderes bereit steht, um rasch dessen Funktion zumindest provisorisch übernehmen zu können. Dazu komme gerade im 20000-Volt-Mittelspannungs-Netz, welches das regionale Rückgrat sei, das Prinzip der offenen Ringe. Stromkreise hätten immer eine Normtrennstelle.

Sei ein Leitungsabschnitt zwischen zwei Ortsnetzstationen gestört, etwa wegen eines umgefallenen Baumes auf einer Freileitung, werde der Abschnitt freigeschaltet und so quasi zur vorübergehenden Trennstelle. Dann kann der Rest wieder zugeschaltet werden, bevor repariert wird.

"Solche Vorfälle sind extrem selten", sagt Stark, zeigten aber unsere immer weiter zunehmende Verwundbarkeit. Da gehe es um häufiger werdende Wetterextreme, die Möglichkeit von Naturkatastrophen, aber auch die Bedrohung durch Cyberangriffe und Terrorismus.

Er sei kein Krisenspezialist, habe aber inzwischen auch von Fachkollegen mitbekommen, um was es dann im Ernstfall gehe. Das sei die Einberufung eines Krisenstabs mit Verwaltungsspitze, Polizei und Rettungsdiensten, und die müssten untereinander kommunikationsfähig sein. Auch batteriegepufferte Mobilfunkstationen seien nach ein paar Stunden am Ende, warnt Stark. Und es bedürfe einer Mindestversorgung kritischer Infrastruktur wie des Rathauses mit Sitz als Krisenstab, den Tankstellen, Rettungsdiensten, Krankenhäusern, Seniorenheimen, gegebenenfalls auch großen Ställen, Supermärkten und der Wasserversorgung.

Bei der EnBW wisse man um diese Problematik und habe gewissermaßen ein professionelles Konzept, eine Art "Notfallkit für Kommunen" erarbeitet, sagt Stark. Es soll die Handlungsfähigkeit der Kommune im Not- oder Krisenfall gewährleisten. Mitarbeiter des Stromanbieters unterstützen da die Verwaltung vom Konzept über den Prozess bis hin zur Umsetzung. Und, so Stark, diese Mitarbeiter würden gerne auch für einen Bericht in den Gemeinderat kommen.

 Im September 2003 kam es in Italien zu einem landesweiten Stromausfall. Grund war ein Vorfall in der Schweiz. Zwei Höchstspannungsleitungen, die nach Italien führen, waren am frühen Morgen des 28. September nach Lichtbogen auf Bäume ausgefallen. Die Stromversorgung in Italien brach zusammen.

  Am 1. Adventswochenende 2005 führte Schneechaos zu Stromausfällen im Münsterland, Tecklenburger Land, Ruhrgebiet, Osnabrücker Land, dem Bergischen Land und dem südlichen Emsland, der mehrere Tage dauerte. Betroffen war auch ein Teil der Niederlande. Der Deutsche Wetterdienst bezeichnete es als Münsterländer Schneechaos. Auslöser war, dass einige Strommasten das Gewicht des schweren Schnees auf den Leitungen nicht mehr tragen konnten und umknickten. Abgefallene Äste führten zu weiteren Leitungsbrüchen und Kurzschlüssen. Betroffen waren laut RWE etwa 250 000 Menschen in 25 Gemeinden. Für die Kreise Steinfurt und Borken wurde der Katastrophenalarm festgestellt. Selbst vier Tage nach Ende des Schneefalls waren nicht alle Orte an das Stromnetz angeschlossen.

  Im November 2006 kam es zu einem größeren Stromaufall in Europa, Teile von Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien, Österreich und Spanien waren teils bis zu zwei Stunden ohne Strom.

  Im Februar 2019 gab es einen Stromausfall in Treptow-Köpenick. Er war nicht nur der großflächigste, sondern auch der weitaus längste in Berlin seit Jahrzehnten. Der Strom in Köpenick war ausgefallen, nachdem bei Bauarbeiten nacheinander zwei 110-Kilovolt-Leitungen mit je drei einzelnen armdicken Kabeln komplett durchbohrt hatte.

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