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Burladingen Sitzt, passt und hat ganz viel Luft

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Bürgertheater mit Blasmusik: Eine gewagte Mischung der Lindenhöfler, die vorerst noch in der Mössinger Pausa die Zuschauerherzen gewinnt. Mit dabei: Franz Xaver Ott und Peter Höfermayer (von links). Foto: Becker Foto: Schwarzwälder Bote

Burladingen-Melchingen/Mösingen. "Sie können noch lange weiterklatschen, die Schauspieler werden nicht mehr nach vorne kommen, dann würde die Premiere ja missraten, denn dies war nur eine öffentliche Vorprobe." So erklärte Regisseur Christoph Biermeier den Schauspieler-Aberglauben und die Bühnen-Sitten dem begeisterten Publikum nach der Vorstellung von "Brassed Off – Mit Pauken und Trompeten" in der Bogenhalle der Pausa in Mössingen. Und erntete eben noch mehr Beifall.

Kein Zweifel, was der bayerische Theatermacher da mit dem Lindenhof-Ensemble und den Lauchertmusikanten aus Melchingen auf die von Claudia Rüll Calamet-Rosset raffiniert gebaute Drehbühne und Drumherum gestellt hat, sitzt, passt und hat Luft. Und das nicht nur, weil die Blasmusik in der Geschichte eine tragende Rolle spielt.

Es geht am Beispiel einer Kohlemine in England um Strukturwandel und die Zukunftsängste derer, die er trifft. Es geht um Familienstreitigkeiten in einer Welt, die ins Wanken gerät, und es geht um Sozialkritik vor dem Hintergrund einer vertretbaren Umweltpolitik. Dass Biermeier die nicht ausblendet, sondern eine Stimme aus dem Off, während die Szene auf der Bühne einfriert, die Daten und Fakten über den Klimakiller Kohle kundtun lässt, das rundet das Thema vollends ab.

Hier wird nicht einseitig gefühlsgeduselt über Kohlegruben und Kumpel-Romantik und Menschen, deren Arbeitsplatz es zu erhalten gilt. Hier werden – und das mag in Zeiten der Diskussion um Industrie 4.0 das Wichtigste sein, ganz klare Forderungen erhoben: Nämlich die, die Arbeiter mitzunehmen. Das geht wohl am Besten in einer sozialen Marktwirtschaft. Von der hatte sich die Eiserne Lady Margaret Thatcher freilich längst verabschiedet, als sie in den 1980er-Jahren in England deregulierte, privatisierte, neoliberalisierte und den Gewerkschaften das Rückgrat brach. In Filmen wie "Pride" oder eben "Brassed-Off" wird jene Zeit thematisiert. Und nicht nur, weil es dabei auch um ein Stück Heimat geht, das verloren zu gehen droht, passt der Stoff auch zum Regionaltheater Lindenhof.

Und Biermeier holt, wie schon in anderen Produktionen zuvor, mal wieder alles aus den Beteiligten raus. Bernhard Hurm spielt den lungenkranken, kohlestaubhustenden, aber bis hin zum Tod ambitionierten Dirigenten Danny im reichlich erzeugten Theaternebel auf höchster Drehbühnenstufe so echt, dass da mancher der Zuschauer schon um den Theaterabend fürchtete. Gerd Plankenhorn, im Konflikt zwischen Ehre und Ehe mit seiner Sandra (Kathrin Kestler), hat seine Glanzszene als sarkastischer Clown. Dazu kommen die Duos Franz Xaver Ott und Carola Schwelien sowie Peter Höfermayer und Linda Schlepps als volltrunkene Ehepaare, die sich für ein paar alkoholenthemmte Momente aus der drückenden Realität des Alltags verabschieden.

Mit den Protagonisten Mona Maria Weiblen als neue sexy Saxofonistin Gloria in der Kohlegruben-Band und Rahul Chakraborty als ihr alter Verehrer und Trompete spielender Grubenarbeiter haben sich die Lindenhöfler zwei Musik-Profis in die Produktion geholt – und das hat sich gelohnt. Weil sie nicht nur ihr Instrument beherrschen, sondern auch das Bühnenspiel. Effekte mit Grubenlampen und kohleverschmierten Gesichtern, die Arbeiterkluft mit Helm und die Uniform beim Musikmarsch der Kohlegruben-Band: Claudia Rüll Calame-Rosset und der Dramaturg Georg Kistner spielen sich in dieser Inszenierung zusammen mit den Lindenhof-Bühnentechnikern die Bälle zu, ohne dass ihnen je einer entgleitet.

Auch die Entscheidung, mit den Lauchertmusikanten die direkten Melchinger Nachbarn für die Produktion mit ins Boot geholt zu haben, dürften der musikalische Leiter Thomas Unruh und sein Kollege Tobias Scheibeck (Einstudierung) nicht bereut haben. Ambitioniert und gekonnt setzen die Blasmusiker die an sie gestellten Anforderungen um: Bürgertheater mit Blasmusik. Den Lindenhöflern fällt eben immer wieder was Neues ein.

Am 26. und 27. Mai werden sie dies Neue mit ihren alten Qualitäten, es ist das sechste Mal, bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen präsentieren. Dass sie bei diesem bundesweit beachteten Theaterfestival auch wieder einen Preis absahnen – mit "Brassed Off" nicht ausgeschlossen.

 
 

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