Hat jetzt ein Buch geschrieben: Der BeneVit-Chef und Burladinger Unternehmer Kaspar Pfister. Foto: BeneVit Foto: Schwarzwälder Bote

Geriatrie: Der Erfolgsunternehmer und BeneVit-Chef Kaspar Pfister über seine Erfahrungswerte und warum er ein Buch schrieb

Burladingen. Der Burladinger Unternehmer und BeneVit-Inhaber Kaspar Pfister hat ein Buch geschrieben. Es heißt "Wer gebraucht wird, lebt länger" und soll am 2. November im Econ Verlag, der zur Verlagsgruppe Ullstein gehört, erscheinen. Der Ärztehaus-Investor Pfister, betreibt mit seinem auf Altenpflege spezialisierten Unternehmen bundesweit 124 Hausgemeinschaften, in Burladingen ist es das Haus Fehlatal, dazu vom Ärztehaus aus die Tagesbetreuung und mobile Dienste. Wir sprachen mit dem Erfolgsunternehmer.

Herr Pfister, bei 124 Hausgemeinschaften und so vielen großen Investitionen, die ihr Unternehmen betreut, haben Sie jetzt noch ein Buch geschrieben. Sind Sie zu wenig ausgelastet?

Es sind ja nicht nur die Hausgemeinschaften, sondern auch ambulante Dienste, Wohnanlagen, Tagespflegen und vieles mehr. All dies gehört auch zu unserem Dienstleistungsspektrum, mit welchem täglich 3 000 Kunden von rund 2 000 Mitarbeitern versorgt werden. Da gibt es derzeit viel zu tun und auch mit unseren Zukunftsprojekten wird bei mir keine Langeweile aufkommen. Insofern bestehen keine Auslastungsprobleme.

Und warum dann jetzt ein Buch?

Jahrelang habe ich alle Anfragen, ein Buch zu schreiben, erfolgreich abgewehrt. Im letzten Jahr jedoch, nicht wissend dass uns eine Pandemie vor noch nie dagewesene Herausforderungen stellt, habe ich mich von einer sehr renommierten Verlagsgruppe überreden lassen. Und es ist in einjähriger Arbeit ein eindringliches und doch unterhaltsames Buch für breite Leserschaft entstanden. Eines ist sicher, meine Belastungsgrenze hat sich nach oben hin verschoben.

Freut uns, dass Sie es positiv sehen. Der Titel ihres Buches heißt: "Wer gebraucht wird, lebt länger". Woher wissen Sie es?

Aus der täglichen Praxis, aus wissenschaftlichen Studien und langjährigen Erfahrungen. Wer das genau wissen möchte, muss die Zeit aufbringen, das Buch zu lesen. Die Thematik ist recht komplex, um das in einem kurzen Interview zu vermitteln. Es hat jedenfalls viel mit Haltung, Einstellung und Wertschätzung vor dem Alter und den Lebensleistungen zu tun. Und vor allem damit, wie jeder für sich selbst das Alter gestaltet möchte. Vor allem geht es in meinem Buch darum, wie Pflege heute verstanden und umgesetzt wird. Länger Leben heißt nicht nur mehr Jahre, sondern vor allem wie diese Jahre gestaltet, erfahren, gelebt werden. Darum lautet der Slogan meines Unternehmens auch "Alter braucht Leben". Davon bin ich fest überzeugt.

War Ihr Altenpflege- und Wohnkonzept von Anfang an anders oder hat sich da im Laufe der Jahre und mit den Erfahrungen nach und nach etwas geändert?

Ja, es wäre so einfach, wenn man am Beginn schon alles wüsste. Nein, das ist die Summe von Erlerntem und Erlebtem. Es hat sich entwickelt – und das nicht zufällig – aber bei weitem nicht in jedem Teil geplant. Es ist vielmehr die Verbindung von Erkenntnissen aus Wissenschaft und Forschung und vor allem aus Erfahrungen und auch dem einen oder anderen glücklichen Umstand. Dies alles dann in Veränderungen, Weiterentwicklungen zu bringen und an die tägliche Praxis anzupassen, ist auch heute noch spannend für mich.

Was waren das für Erfahrungen?

Nun ja, ich bin nach meiner Leitungstätigkeit bei der Stiftung Liebenau Geschäftsführer eines großen Konzerns mit Sitz in Berlin gewesen. Ich war in Österreich, Spanien und anderen Ländern aktiv und habe mir auch viel in Europa und darüber hinaus angeschaut. Dabei kam ich immer mehr zu der Erkenntnis, dass gute Pflege mehr sein muss, als das, was in so manchen Standards steht. Professor Doktor Gerald Hüther, den ich anlässlich eines Interviews in Mannheim getroffen hatte, sagt als Neurobiologe verkürzt: "Das menschliche Gehirn ist ein Problemlösungsorgan." Also warum versuchen wir so krampfhaft, den alten Menschen ihre Probleme zu nehmen, sie ihn Watte zu packen und alles abzunehmen? Und dann wundern wir uns, wenn sie dement werden. Jeder Muskel baut sich ab, wenn er nicht benutzt wird. Jede Sehne ohne Beanspruchung verkürzt sich und auch ein Gehirn, dessen Hauptfunktion nicht mehr gefordert ist, verhält sich gleich.

Welchen Effekt hat das auf die Seniorinnen und Senioren in ihren Wohngemeinschaften?

Ich habe erlebt, dass pflegebedürftige Menschen, die wieder eine Aufgabe bekommen haben, neuerlich gefordert waren, wieder Wertschätzung und Respekt erhalten, aktiver, gesünder und fiter wurden. Aktuell erfüllen 23 Prozent unserer Bewohner in den Hausgemeinschaften die Kriterien für eine Rückstufung in einen niedrigen Pflegegrad. Dies, weil sich ihr Allgemeinzustand nachhaltig verbessert hat. Das kommt nicht von ungefähr.

Wie schwer ist es jeweils, politische Entscheidungsträger von Neuem und Anderem zu überzeugen?

A ls ich aus Österreich zurückkam und meine erste Hausgemeinschaft in Deutschland, in Mössingen, in Angriff nahm, war es schwierig dieses Neuland genehmigt zu bekommen. Damals dachte ich, dass wir es ja im Laufe der Zeit, wenn wir bewiesen haben, dass es funktioniert, leichter haben werden. Das Gegenteil ist der Fall. Alle reden vom Wandel, von Innovation, von notwendigen Veränderungen, aber wehe man will das umsetzen. Wenn eine Unsinnigkeit gestrichen wird, kommen gleich zwei neue dazu. Absicherung und Bedenken waren noch nie so wichtig wie heute, und das erschwert zu viele Neuerungen und verlangsamt dringend notwendige Veränderungsprozesse und Weiterentwicklungen.

Herr Pfister, sie sind ja gelernter Verwaltungsfachmann, haben sich da auch im Burladinger Rathaus schon vor langer Zeit als Kämmerer Meriten erworben. Haben Sie je überlegt in die Politik zu gehen um Prozesse strukturelle Veränderungen für Senioren und in der Struktur der Geriatrie anstoßen zu können?

Ich habe nach meinem Staatsexamen zunächst einige Jahre im Balinger Rathaus gearbeitet und war dann in Burladingen in der Kämmerei, dann Hauptamtsleiter und vor meinem Ausscheiden, dann Kämmerer. Nahezu 20 Berufsjahre sind natürlich prägend und es war eine fordernde Zeit, so kurz nach der Gemeindereform. Aber es war für mich eine gute Zeit, die ich nicht missen möchte. Ich war immer stolz darauf, in Burladingen im Rathaus meinen Beitrag für das Gemeinwohl leisten zu dürfen. Politik war für mich nie eine Option, dafür bin ich zu sehr Praktiker, zu wenig Diplomat, viel zu stringent und in meinen Botschaften viel zu deutlich. Politik ist wichtig. Aber manchmal wünsche ich mir, sie würde die ihr zustehende Macht besser nutzen und das Feld nicht so oft der Bürokratie und der Juristerei überlassen.

Was bewirken denn Bürokratie und Juristerei gerade in Zeiten der Pandemie für die Pflege?

Gerade in der Pflege wissen wir, dass Vorschriften, Paragraphen und Gesetzestexte wichtig sind. Aber im Alltag müssen politische Entscheidungen ihre Grenzen finden und wissen, dass oftmals weniger Vorschriften mehr Qualität erzeugen würde. Selten wurde dies so deutlich wie jetzt. Glauben Sie mir, COVID19 verändert sich an der Grenze von Baden-Württemberg zu Bayern oder zu Österreich nicht und trotzdem glaubt jedes Land eigene und bessere Regeln und Vorschriften zu brauchen. Spannend, wenn Sie heute in Deutschland von Stuttgart nach Hamburg fahren. Kürzlich bin ich in Berlin gewesen und habe mir dann bei der Überfahrt der Landesgrenzen überlegt, wie das Virus sich nun verändert.

 Die Fragen stellte

Erika Rapthel-Kieser

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