Franz-Xaver Ott (links) und Berthold Biesinger schwäbeln in der Uraufführung der "Windmüller" am Melchinger Lindenhof ihr Publikum schusselig. Foto: Becker Foto: Schwarzwälder-Bote

Uraufführung: Lindenhofs "Die Windmüller" ist ein irrwitzig-absurder Parforceritt durch die Moderne

Um es vorweg zu sagen: Dieses Stück könnte man sich auch auf den großen Bühnen in Deutschland vorstellen – hätten die einen Berthold Biesinger und Franz Xaver Ott. Die schwäbelten in der Uraufführung der "Windmüller" von Susanne Hinkelbein am Melchinger Lindenhof ihr Publikum schusselig.

 

Burladingen-Melchingen. Da ist der ehemalige Landwirt Gruber (Berthold Biesinger), dem die eigene Biogasanlage nach hochriskanten Investitionen wegen vietnamesischen Sojaprodukten im Schweinemist um die Ohren fliegt und der diesen Job in 100 Meter Höhe dringend braucht. Und der Pseudointellektuelle Stöckle (Franz Xaver Ott), den Amerika nicht im Land haben wollte, der Höhenangst hat, sich die Gelegenheitsjobs schönredet und mit dem Satz "däs muscht du psüchologisch säe" allzu gern in fremden Seelen bohrt, um die eigene nicht durchleuchten zu müssen. Darin, anderen einen Komplex einzureden, ist er großartig. Als Mechaniker taugt er nicht mehr als Gruber.

Allein schon diese Konstellation sorgt für ein ungehemmtes Aufeinanderprallen der Gegensätze, die Biesinger und Ott sprachlich und körpersprachlich auf die Spitze treiben. Die beiden Lindenhof-Urgesteine machen unter der ausgefeilten Regie von Siefried Bühr die Geschichte der beiden schwäbischen Monteure, die hoch oben in der Windparkgondel fest sitzen, zu einem fast eineinhalbstündigen, irrwitzig-absurden Parforceritt durch die Moderne.

Die Hauptdarsteller galoppieren mitten durch die Tücken der Technik, versuchen Hindernisse wie die moderne Kommunikation, die durchgetaktete, globalisierte Arbeitswelt und das Hinterfragen ihrer und der anderen Motive zu überwinden und dabei ihrem persönlichen Versagen aus dem Weg zu gehen. Da kommt fast alles zur Sprache, was der interessierte Zuschauer je in den inflationär häufig gewordenen Talkshows der Republik, diversen politischen Satiren oder den Nachrichten schon mal gelesen und gehört hat.

Gruber und Stöckle sind hilflos gefangen, umkreisen sich, versuchen sich auszuloten, auszutricksen, tun sich fast Gewalt an. Sie reden und handeln immer schneller, schwäbeln ihre Zuschauer fast schusselig – und irgendwann auch die Maschine. Die ist weiblich, aber ihr Sprachmodul reagiert nur auf Polnisch und blinkt und ächzt dann in hohen Tonlagen vor sich hin. Und irgendwann spielt sie mit. Da versteht man sofort, warum Regisseur Bühr der Haustechnik des Lindenhofs für ihr Bühnenbild ausdrücklich ein großes Kompliment machte.

Hinkelbeins Stück hat durchaus dadaistische Züge, was zur Kritik an der Moderne und ihrer Schnelllebigkeit passt. Die Sprache, im weiteren Sinne die Kommunikation, spielt eine große Rolle. Und die schnell heraus gestoßenen Wörter in verschiedenen Mundarten abstrahieren und erzeugen jenen Klang, der dann zur satirischen Überspitzung bis hin zur Ansammlung von Unsinn wird. Tiefgang hat das Ganze auch durch den Wiedererkennungseffekt, den so manche, wenn auch skurril-gesteigerte Szene, beim Zuschauer hervorruft.

Denn der kann assoziieren was er will. Und deshalb steckt so viel drin, in diesem erstmals aufgeführten Stück. Freier und besser kann die Kunst nicht sein.