Der mächtige Webstuhl in der Stube und daneben eine Bäuerin am Spinnrad. Das Bild wurde im Dorfmuseum in Melchingen aufgenommen.Foto: Eule Foto: Schwarzwälder Bote

Serie: Burladingen im Wandel, Teil 32: "Von der Flachsverarbeitung zur Textilindustrie" / Wie aus dem Zuerwerb ein Beruf wurde

"Burladingen im Wandel" kann man nicht auf den Zeitraum seit der Stadterhebung beschränken: Manche Entwicklungen begannen vor Langem und wirken bis heute. So entwickelte sich aus der Flachsverarbeitung die spätere Textil-Industrie.

Burladingen. Vor mehr als 100 Jahren war das Leben auf der Alb sehr bescheiden, "dürftig", könnte man sagen. In mühseliger Arbeit mussten die Bauern auf den steinigen Böden auf den Höhen und den oft versumpften im Tale die Ernte einbringen. So sehr sich die Albbauern auch abmühten, die Einnahmen aus der Landwirtschaft allein waren oft zum Leben zu wenig – und zum Sterben zuviel. Was blieb anderes, als nach einem Zusatzverdienst zu suchen, der möglichst neben der Landwirtschaft betrieben werden konnte und der auch im Winter Arbeit bot. Weberei und Flachsverarbeitung boten sich dafür an und waren bald gängiges Zubrot zum bäuerlichen Verdienst.

Flachsfasern hatten bald die gleiche Bedeutung wie die heutigen Industriegarne. Dabei wurde der Flachs zum trocknen auf dem Feld aufgehängt. Die Früchte, die "Flachsbollen", schauten nach Süden zur Sonne, die Wurzeln – man riss den Flachs bei der Ernte mit den Wurzeln aus – lagen nach Norden, sodass der Flachs richtig ausreifen konnte. Zur besseren Ableitung des Regenwassers setzte man oft einen alten Strohhut obenauf.

Dann wurde mit dem "Riffel", einem eisernen Rechen, der Flachssamen abgestreift, der dann gedroschen wurde. Der Samen wurde teils zur Saat verwendet, zum großen Teil aber in die Ölmühle gegeben und zu Lein-Öl verarbeitet. Aus Leinsamen wurde auch der Leinschrot, das "Gsundfutter" für Kälber gewonnen.

Die samenlosen Bündel, "Nuscheln" genannt, wurden dann nochmals auf einer Wiese ausgebreitet, damit die Witterung das Stroh trocken und etwas faulig machte, und die Holzteile der Stängel verwitterten. Dann kam der Flachs in die "Darre", wo er über Holzkohlenhitze vollends trocknete.

In der Flachsbreche brach man dann das morsche Stroh. Keine leichte Arbeit, die zudem meist von der Bäuerin verrichtet werden musste. Aber es zeigte sich bald der schwäbisch-bäuerliche Erfindergeist, und man stattete den Brechbock mit einem Sitzbrett aus, sodass das gebückte Stehen bei der Arbeit entfiel.

Mit der "Schwinge", einer Art Holzschwert, wurden die Büschel ausgestreift, um die Fasern noch mehr vom Flachsstroh zu befreien. Im letzten Reinigungsvorgang schlug man das Bündel auf die "Hechel", eine eiserne Bürste, und zog die Flachsstränge durch die kammartigen Zähne heraus – solang, bis der Flachs richtig "durchgehechelt" war.

Die Langfasern ergaben den "Flachszopf" und das Werg den "Bollen". Aus der Farbe der Fasern konnte man auf die Güte schließen. Der nächste Arbeitsgang war das Spinnen mit dem Spinnrad. Die Kunst für die Bäuerin bestand dann darin, mit dem richtigen Fingerspitzengefühl so viel Flachs zu greifen, dass der Faden möglichst gleichmäßig dünn wurde. Das war eine Arbeit, bei der man sich gut unterhalten konnte und die deshalb bald dazu führte, dass mehrere Frauen gemeinsam in einer Stube saßen.

Von der Haspel wurde dann der Faden auf kleinere Spulen abgewickelt, die im Zettelrahmen für die weitere Verwendung im Webstuhl verwendet wurden. Der Webstuhl, auf dem stoßend und klappernd aus den Fäden das Leintuch hergestellt wurde, war ursprünglich ein recht mächtig großes Gestell, das viel Platz in der Stube beanspruchte. Erst im Laufe der Zeit ist mit der Technik auch hier eine Verbesserung und Verkleinerung eingetreten. Das Schaukelbrett als Sitzgelegenheit gehörte ebenso dazu, wie das kleine Weberschiffchen, das oft noch von Hand zwischen den auf- und abgespannten Fadenlagen der Kette durchgeschossen werden musste.

Bald wurde aus dem Zuerwerb ein Berufsstand. Schon zu Beginn des vergangenen Jahrhundert fand man in Burladingen Weber und Stricker. Die Anfänge fabrikmäßiger Entwicklung setzten aber erst gegen 1880 ein. In Ebingen und in Tailfingen begann diese Entwicklung bereits zehn Jahre früher, und bald fanden in den dortigen Trikotfabriken Burladinger Arbeiter einen schönen Verdienst.

Die Findigkeit der damaligen Burladinger und die Beschwerlichkeit des Arbeitsweges in den Talgang brachten es wohl mit sich, dass 1884 der junge Medard Heim mit seinem Bruder Josef einen kleinen Betrieb mit zwölf Webstühlen eröffnete. Der Betrieb arbeitete anfangs im Lohn für eine Ebinger Firma, doch bereits 1887 machte man sich mit der Fertigung von Baumwollwaren selbstständig –­ und der erste Burladinger Textilbetrieb war geboren.

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