Theatersommer auf dem Melchinger Himmelberg: Lindenhof spielt "Arche Konrad" mit Happening-Atmosphäre / Viel Beifall vom Publikum
Von Rainer Eule
Burladingen-Melchingen. Von weitem sieht sie aus wie ein unförmiger Holzkasten, der unter ein Windrad auf dem Himmelberg gespült wurde, aus der Nähe erkennt der Zuschauer klar die "Arche Konrad", das Kernstück des diesjährigen Theatersommers des Melchinger Lindenhofs.
In der Theaterscheune schon oft gespielt, ist die Arche dort angekommen, wo sie sich Autorin Susanne Hinkelbein immer gewünscht hat: auf dem Melchinger Himmelberg, unter dem Windrad, mit einem herrlichen Ausblick auf die Alb und das Neckartal. Zur Erstaufführung am Sonntag fehlte ein wenig das ersehnte Abendrot; leichter Nieselregen setzte stattdessen ein. Das Publikum nahm’s gelassen.
Im Stück geht es um Zimmermann Konrad, sonst Häuslebauer, der an eine Sintflut glaubt, und um Schäfer Veit, einen Naturburschen mit Seherkraft. Auf der anderen Seite stehen Hans, der Bauer, tief mit dem ländlichen Jahr und der Schwäbischen Alb verwurzelt, und der Lehrer Peter, der Katastrophen kommen sieht und alles rational-mathematisch zu lösen versucht.
Alle Vier retten sich vor der nahenden Sintflut auf die Arche und diskutieren über Gott und die Welt. Wenn auch gläubig, so hält Zimmermann Konrad dem lieben Gott doch manchmal den Spiegel vor: So geht es nicht, dass, wenn diesem etwas nicht passt, die Welt versaufen muss.
Der Schäfer sinniert über die unabwägbaren und wechselnden Standorte auf See, Bauer Hans wäre lieber auf seinem Acker, um einen Apfelbaum zu pflanzen, und Lehrer Peter deklamiert ständig mathematische Formeln.
Zwischenzeitlich vom imaginären Wasser umgeben, entsteht so ein Konglomerat an menschlichen Typen, die zunehmend die Hoffnung auf Rettung aufgeben. Erinnerungen tauchen auf an die Stille ihrer Heimat, an vertraute Geräusche der Dorfschmiede, der Kirchenglocken und des Donnerhalles der Geschütze auf dem Truppenübungsplatz. Dinge, an die sie sich noch erinnern können. Doch auch die versinken mit dem Lauf der Tage und der einschläfernden Wellenlandschaft bald in Erschöpfung und beginnendem Wahnsinn.
Eines Nachts verschwindet Bauer Hans, direkt über den Hoffnungsinseln muss er von Bord gesprungen sein. Er taucht nicht mehr auf, die anderen werfen sogar die Angel nach ihm aus. Mit letzter Kraft wird versucht, durch Rudern an ein festes Ziel zu kommen, doch die Arche dreht sich im Kreis, man bleibt vom Meer umschlossen.
Am 812. Tag, nach 27 Monaten auf See, findet sich im Bordbuch der Eintrag: "Nun steht seit Wochen die Sonne am Himmel, und der Wasserspiegel scheint zu sinken. Jeden Tag ist das Wasser klarer geworden. Durch das ewige Schlingern, Kreiseln und Stampfen des Bootes ist uns das Gefühl für Oben und Unten so gründlich abhanden gekommen, dass wir immer wieder glaubten, der Himmel sei unter uns – unsere Alb – diese Landschaft, die da allmählich näher kommt. Im Augenblick sinkt das Schiff nicht weiter. Wir ankern tagelang über dieser so ersehnten Landschaft, fast zum Greifen nah."
Sie sind Zuhause, und Zimmermann Konrad vergisst nicht, seinem Herrgott auf gut schwäbisch auszurichten, dass er sich auf das Trennen von Wasser und Erde an einem Tag und "des bisle Licht" am anderen Tag nichts einzubilden braucht, "des hättet mir uf dr Alb schneller nobrocht".
Das mit viel Lokalkolorit aufgezogene Theaterstück mit Happening-Atmosphäre wurde vom Publikum am Ende mit viel Beifall bedacht.