Burgstettens Bürgermeisterin Imtraud Wiedersatz hat eine ungewöhnliche Strafarbeit gebilligt. Foto: StN-Grafik Lange

Steine schleppen bei 35 Grad: Strafe für Jugendlichen bringt Bürgermeisterin in Bedrängnis.

Burgstetten - Steine schleppen bei brütender Hitze - diese Strafe bekam kürzlich ein 13-Jähriger in Burgstetten aufgebrummt. Dessen Eltern hatten dies zuvor schriftlich mit Bürgermeisterin Irmtraud Wiedersatz fixiert. Doch jetzt will ein Backnanger gegen die Rathauschefin Anzeige erstatten.

 

Es sind ereignisreiche Tage, die Irmtraud Wiedersatz erlebt. Am vergangenen Samstag feierte sie ihren 50. Geburtstag. Landrat Johannes Fuchs lobte die verheiratete Mutter zweier Kinder in den höchsten Tönen: "Als erste und noch immer einzige Rathauschefin im Rems-Murr-Kreis zeigen sie, dass Familie und Bürgermeisteramt unter einen Hut zu bringen sind." Das Ergebnis ihrer Arbeit für Burgstetten könne sich sehen lasse, so der Kreischef.

Ob die Bürger in der 3400-Einwohner-Kommune nahe Backnang dies ebenfalls so empfinden, wird sich am kommenden Sonntag zeigen. Seit 16 Jahren ist sie im Amt, jetzt strebt die in Illertissen nahe Ulm geborene Wiedersatz die Wiederwahl an. Beobachter rechnen fest damit, dass sie den einzigen Gegenkandidaten Frank Kössler, einen 44-jährigen Ingenieur aus Burgstetten, klar hinter sich lässt. Das erwartet offenbar auch der schwärmende Landrat: "Als Powerfrau leben Sie ein modernes Familienbild."

"Verkettung mehrerer unglücklicher Umstände"

So modern geht es allerdings nicht immer zu in Burgstetten. Vielmehr wirkt es eher reichlich antiquiert, aus welchen Gründen ein 13-Jähriger im Hochsommer bei 35 bis 40 Grad Außentemperatur drei Tage lang für den Bauhof schuften musste. Angeleiert hatten es seine Eltern, als besondere Erziehungsmethode für den Filius: Der hatte aus einem Kirchengesangbuch etliche Seiten herausgerissen und im Ort verstreut. Damit er künftig derartige Dummejungenstreiche nicht mehr begeht, sollte er nach Auffassung der Eltern mal jenen helfen, die sonst immer Schmierereien auf Buswartehäuschen beseitigen oder Grillstellen nach wilden Partys von Jugendlichen säubern müssen. Eine Art Praktikum wurde vereinbart, seine Tätigkeit war über die Versicherung der Gemeinde abgedeckt. "Natürlich hat er nichts verdient", sagt Wiedersatz.

Zwei Tage war der Teenager mit dem Bauhofchef an Tümpeln oder auf dem Friedhof zugange. Am dritten Tag kümmerten sich die Bauhofmitarbeiter um den Jugendlichen - und ließen ihn dann an einem neuen Regenrückhaltebecken im Ortsteil Burgstall Feldsteine entfernen. Bei sengender Hitze und ohne jeglichen Schatten wurde ihm so schlecht, dass er spucken musste. Dies wiederum sah eine Anwohnerin, die sich um den schluchzenden Jungen kümmerte. Anschließend stürmte sie wutentbrannt aufs Rathaus. Sie stritt sich mit der Bürgermeisterin, und später wurde die Sache im Flecken bekannt.

Wiedersatz selbst räumt auf Nachfrage ein, dass "Steine wälzen an diesem heißen Tag natürlich nicht gerade ideal war". Es habe sich "um eine Verkettung mehrerer unglücklicher Umstände" gehandelt. Diese von ihr mit den Eltern des Jungen abgestimmte pädagogische Aktion sei gut gemeint, aber eher schlecht umgesetzt worden. Allerdings: Der Junge, so hätten ihr dessen Eltern versichert, leide häufiger unter Migräne und spucke deshalb auch öfter. Auf dem Bauhof seien im Übrigen auch sonst immer mal wieder Ferienarbeiter zwischen 16 und 18 Jahren beschäftigt, "und denen hat's bisher immer gut gefallen". Künftig werde sie aber, sollten Eltern mit ähnlichen Anliegen kommen, genau prüfen, ob eine Tätigkeit im Bauhof sinnvoll sei.

Selbstjustiz für Minderjährige?

Der Fall, sagt Wiedersatz, wird in Burgstetten kontrovers diskutiert. Sie selbst habe aber zumeist Zustimmung erhalten. Ihrer Ansicht nach war das Vergehen des 13-Jährigen "kein Dummejungenstreich". Und ganz grundsätzlich findet sie, dass man "Signale setzen" müsse und nicht immer "Ja und Amen sagen" dürfe. "Die Kinder und Jugendlichen sollen lernen, dass ein solches Verhalten auch Konsequenzen hat."

Ganz anders bewertet jedoch der Backnanger Bürger Karl Wacker diese "aberwitzige Idee". Er spricht von "Hohlköpfen" und fragt: "Wird hier in Burgstetten jetzt eine Art Selbstjustiz für Minderjährige eingeführt?" In der "Backnanger Kreiszeitung" kündigte er vor wenigen Tagen an, dass er gegen Wiedersatz und den Bauhofleiter Strafanzeige "wegen der Förderung von Kinderarbeit und Kindesmisshandlung in Tateinheit" stellen werde. Auch werde er anwaltlich prüfen lassen, inwieweit die Eltern zur Rechenschaft gezogen werden können. Wacker selbst war am Montag telefonisch nicht erreichbar.

Bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft, so Sprecherin Claudia Krauth, war bis Montagnachmittag keine Anzeige eingegangen. Auch die Bürgermeisterin harrt der Dinge: "Wenn eine käme, würde ich mich dem stellen." Generell kann sie keine eigenen Fehler erkennen und beteuert: "Die Eltern des Jungen stehen hinter mir."